23.12.12

Gorch Fock

"Restrisiko gibt es. Schifffahrt ist gefährlich"

Die "Gorch Fock"-Crew feiert Weihnachten auf Gran Canaria. Bald kommen zum ersten Mal seit zwei Jahren Kadetten an Bord – der erste Ausbildungseinsatz nach dem tödlichen Unfall einer jungen Soldatin.

Foto: dpa

Das Segelschulschiff „Gorch Fock“ mit weihnachtlicher Beleuchtung im Hafen von Las Palmas
Das Segelschulschiff "Gorch Fock" mit weihnachtlicher Beleuchtung im Hafen von Las Palmas

Der Weihnachtsmann trägt einen Seestern am roten Mantel. Am Christbaum hängen Sterne aus geknoteten Tampen, keine glitzernden Kugeln. Und ausnahmsweise haben die Soldaten auf der "Gorch Fock" zu Weihnachten wahres T-Shirt-Wetter: Vor wenigen Tagen hat das Segelschulschiff vorLas Palmas festgemacht, der Hauptstadt der Insel Gran Canaria.

Hier verbringt die Besatzung die Feiertage und den Jahreswechsel. Es sind besondere Tage während einer besonderen Dienstreise. Hinter der "Gorch Fock", dem Stolz der Deutschen Marine, liegen zwei bittere Jahre, in denen die Ausbildung gestoppt, der Kommandant abgelöst und das Schiff generalüberholt worden war.

"Alle neuen Sicherheitsstandards, die wir eingeführt haben, funktionieren bisher genau so, wie wir uns das vorgestellt haben", sagt Kapitän zur See Helge Risch nach der knapp dreiwöchigen Überfahrt zu den Kanaren.

"Trotz der Stürme im Nordatlantik sind wir unbehelligt hier unten angekommen." Und das ist wohl schon sein erstes Weihnachtsgeschenk: Dass das Schiff "eingesegelt" ist, dass die Besatzung gut damit zurechtkommt. Dass es wieder losgehen kann, von vorn.

Gorch Fock "solide vorbereitet"

Risch hat im August 2012 das Kommando über die "Gorch Fock" übernommen – und damit die große Aufgabe, das Segelschulschiff der Marine aus einer Existenzkrise herauszuführen.

Im November 2010 war eine 25 Jahre alte Rekrutin bei einer Übung aus der Takelage gestürzt undums Leben gekommen. Der traurige Unfall setzte eine Lawine in Gang: Erinnerungen wurden wach an einen früheren Todesfall an Bord, den Wehrbeauftragten erreichten Beschwerden über Schikane in der Ausbildung, eine Kommission stellte Fehler bei der Dienstaufsicht und Sicherheitslücken fest.

Nach einer innerlichen wie äußerlichen Revision sieht der Kommandant Schiff und Team "solide vorbereitet". Jetzt könne sich die "Gorch Fock" wieder auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren, auf die Ausbildung angehender Marineoffiziere.

"Leider bedurfte es dieses tragischen Anstoßes von außen, um kritisch das Gesamtsystem zu durchleuchten", sagt der 49-Jährige, "und um letztlich Veränderungen vorzunehmen." Die Notwendigkeit habe man vorher eben nicht gesehen, solange alles rundlief. Risch: "Wichtig ist, dass wir Konsequenzen gezogen haben und nun konsequent bleiben."

Klassische Feier trotz Sonnenscheins

Am 21. Januar kommen die ersten Kadetten auf die "Gorch Fock", bis dahin haben Helge Risch und sein Team noch etwas Zeit zum Entspannen. Die Hälfte der Besatzung darf über die Feiertage nach Hause fliegen, der Rest bleibt an Bord – für den Fall, dass das Schiff im Hafen der spanischen Marine doch mal bewegt werden muss.

Natürlich bleibt auch der Kommandant. Risch erwartet an Heiligabend seine Frau und seinen 15-jährigen Sohn in Las Palmas. Andere Kameraden bekommen ebenfalls Besuch von ihren Familien. Für die Kinder – das jüngste ist zwei Jahre alt – wird sich einer der Soldaten als maritimes Christkind verkleiden. "Wir hören die Weihnachtsgeschichte, singen Lieder, und das Team aus der Kombüse bereitet eine Überraschung vor", verrät der Kommandant.

Auch wenn bei 20 Grad und Sonnenschein vielleicht nicht ganz die übliche Weihnachtsstimmung aufkommt, wird doch klassisch deutsch gefeiert - mit Tannen, nicht etwa mit Palmen. Zwei Christbäume stehen schon an Bord des Dreimasters, einer an Oberdeck, der andere unten in einem Gemeinschaftsraum.

Der Pastor schaut zwei Wochen vorbei

Zum Fest wollen die Köche in der Kombüse alle Weihnachtswünsche des Teams erfüllen: nach Kaffee und Kuchen, Ente, Rotkohl und Klößen, Würstchen und Kartoffelsalat. "Wie zu Hause", sagt Risch.

Zum Schluss gebe es auch für jeden ein kleines Geschenk: einen warmer Pullover mit einem Emblem der "Gorch Fock" darauf. Denn so warm wie im Moment wird es die Besatzung in den nächsten fünf Monaten ihrer Reise nicht immer haben.

Nach der Bescherung will Kapitän Risch mit seiner Familie in die kleine Kapelle im Marinehafen gehen. Eine Andacht an Bord wird es nicht geben. Der Militärseelsorger trifft erst mit den Kadetten auf der Insel ein.

Für den Pastor ist auf Dauer kein Schlafplatz frei auf dem Schiff. Eine Expertenkommission hatte zwar empfohlen, ständig einen Geistlichen mitsegeln zu lassen. Doch das klappt nicht, alle Kajüten und Hängematten sind belegt. Der Pastor wird voraussichtlich nur so lange bleiben, wie die Kadetten ihren Segelvorausbildung absolvieren, also zwei Wochen.

Neuer 28-Meter-Übungsmast

Am 5. Februar läuft das Schiff dann wieder aus, ohne kirchlichen Beistand, Richtung Lissabon. Dort soll die zweite Hälfte dieses Offizieranwärter-Jahrgangs an Bord gehen. Im Mai wird die "Gorch Fock" zurück in Deutschland erwartet, zunächst beim Hamburger Hafengeburtstag.

Am 27. November startete das Segelschulschiff in Kiel zu seiner ersten Fahrt mit neuem Ausbildungskonzept. Die Rekruten werden neuerdings von einem Kadettenoffizier begleitet, einer Vertrauensperson, die sie von Anfang an betreut.

Und sie haben das Klettern in den Masten und Tauen schon ausgiebig geübt, an der Marineschule in Mürwik steht dafür ein neuer, 28 Meter hoher Übungsmast. Risch hält viel davon.

Denn der Mast gebe auch den Ausbilden Sicherheit. Ihnen werde eine wichtige Entscheidung leichter gemacht: nämlich festzustellen, ob jemand fit genug ist, sich in der Takelage zu bewegen.

"Menschen werden anders sozialisiert"

"Wir achten künftig noch genauer auf die körperliche Belastbarkeit unserer Kadetten", sagt Risch. Dafür sei auch das Stammpersonal extra trainiert worden.

Zwei Tage lang hätten die Ausbilder am Schiffsmedizinischen Institut gelernt, rechtzeitig zu erkennen, ob jemand erschöpft ist, unter Stress steht oder Angst hat – und das vielleicht vor der Gruppe nicht zugeben mag.

"Ein Restrisiko gibt es trotzdem, keine Frage", sagt Kapitän Risch. "Seefahrt ist nie ungefährlich."

Und selten gemütlich. Auf der "Gorch Fock" - 80 Meter lang und zwölf Meter breit - müssen zu Stoßzeiten 210 Frauen und Männer miteinander leben und arbeiten. "Menschen werden heute anders sozialisiert als früher", sagt Risch.

Zu Silvester ist Landgang angesagt

Heute gebe es viele Einzelkinder, Jugendliche seien es nicht mehr so gewohnt zu teilen. "Selbstverständlich ist heute: mein Zimmer, mein Computer, mein Fahrrad. Und ich steh im Mittelpunkt."

Im Mittelpunkt stünden die Kadetten auf der Gorch Fock auch, aber in einer Gruppe. Gerade die Enge an Bord sei eine Herausforderung für die Offizieranwärter. "Für viele ist es eben ein Lernprozess festzustellen, dass die eigenen Rechte da enden, wo ich die Rechte meiner Mitmenschen tangiere."

Den Jahreswechsel feiern die Soldaten auf der "Gorch Fock" dann nicht ganz so dicht zusammen. "Da gibt es kein großes Programm an Bord", sagt Risch. Seine Leute hätten sich einen individuellen Abend gewünscht. "Die Matrosen werden an Land gehen und dort für ihre Unterhaltung sorgen..."

Rischs Zukunftswunsch: "ruhiges Fahrwasser"

Während eine Hälfte der Besatzung wieder frei hat, verbringt der Kommandant auch den 31. Dezember an Bord. Was er sich wünsche zum neuen Jahr? "Dass ich Schiff und Besatzung wieder heil nach Hause bringe", sagt er.

Das sei kein dahin gesagter Spruch. "Das is' einfach so." Gesundheit wünsche er sich für die Familie, klar. Und für das Schiff? "Ruhiges Fahrwasser. Fair winds and following seas."

Eine gute Reise also, nach den zwei härtesten Jahren in der Geschichte des Segelschulschiffs.

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