22.12.12

Flüchtlinge

Geschundene Körper beim Flüchtlings-Arzt

Bis zu 22.000 illegale Einwanderer leben in Hamburg. Brauchen sie medizinische Behandlung, trauen sie sich nicht zum Arzt – aus Angst, entdeckt zu werden. In einer kleinen Praxis finden sie Hilfe.

Von Christoph Rybarczyk
Foto: picture alliance/ dpa

Ein Flüchtling bei der Untersuchung in Italien. Auch in Deutschland sind heimliche Sprechstunden für illegale Einwanderer oft die einzige Möglichkeit, medizinisch versorgt zu werden
Ein Flüchtling bei der Untersuchung in Italien. Auch in Deutschland sind heimliche Sprechstunden für illegale Einwanderer oft die einzige Möglichkeit, medizinisch versorgt zu werden

Wenn die Patienten zu Uwe Clausen kommen, tragen sie meist schon den Kopf unterm Arm. Oder sie bringen in wenigen Stunden ein Kind zur Welt. Dabei ist Clausen kein Chirurg, kein Gynäkologe. Er ist Allgemeinmediziner mit der außergewöhnlichsten Praxis in Hamburg. Eine Pritsche steht drin, drei Stühle, der Schreibtisch mit abschraubbarem Computer.

Ein EKG-Gerät reift der Museumstauglichkeit entgegen. Der Notfallkoffer liegt ganz unten in einem Schrank. Auf ein paar Regalen stehen Blutdrucksenker, Schmerzmittel, Salben, viele davon gespendet. Clausen, 47, spricht leise, fast beiläufig, aber seine Augen schauen sehr genau hin.

Hier herrschen nicht die Prinzipien des deutschen Gesundheitssystems, sondern die blanke Not. Clausen untersucht und behandelt, so gut es eben geht, Illegale: Menschen ohne Papiere, ohne Aufenthaltsrecht, ohne Perspektive.

Wie Janina aus Ghana (Name geändert), die nur ein Problem hat, wie sie sagt: "Ein Ort zum Schlafen, zum Leben." Sie zieht praktisch jede Woche um mit ihrem Baby. Wohnt bei Bekannten, träumt von einem Job, einem eigenen Dach über dem Kopf, schaut ab und an vorbei bei Clausen und der Sozialarbeiterin Carolina Martinez, 32.

Im Schatten-Hamburg versagt die Statistik

Zweimal pro Woche öffnet die Diakonie im Obergeschoss der Tagesstätte für Obdachlose in Eimsbüttel ihre Sprechstunde für die, die im Dunkeln leben. Zwischen 6000 und 22.000 sollen es in Hamburg sein – eine Parallelwelt. Auch die Innenbehörde kennt nur diese Schätzung aus dem Jahr 2009. Im Schatten-Hamburg versagt die Statistik.

Die Menschen kommen aus Westafrika, aus Ecuador, Peru, Kolumbien, vom Balkan. Viele lassen ihre Familien zurück, Frauen wie Männer. Manche sind Bürgerkriegen entflohen, haben Folter und Vergewaltigung erlebt. Andere rufen aus ihrer Zwischenstation Spanien oder Griechenland an und fragen, ob es in Hamburg Jobs gibt.

Janina ist 29, hat in Ghana Hotelmanagement studiert, hatte in Spanien sogar eine Aufenthaltserlaubnis. Doch im Kielwasser der Wirtschaftskrise nur arbeitslos herumhängen, das wollte sie nicht. In Hamburg, wo sie sich schon deutlich länger als die erlaubten drei Monate aufhält, jobbte sie für einen Apothekenlieferdienst. Bis ihr Bauch zu dick wurde, um am Steuer zu sitzen.

Betrüger verdienen am Schicksal der "Papierlosen"

Im Schattenreich der Illegalen grassiert nicht nur die Angst vor der Entdeckung und Abschiebung. Allgegenwärtig sind auch die kleinen Betrüger, die mit dem Schicksal der "Papierlosen" den schnellen Euro verdienen, die kleinen und großen Schlepper, die Vermittler, Tippgeber und Ausbeuter.

Janina würde gerne irgendwo in der Küche arbeiten. In ihrem Umfeld, sagt sie, gibt es Restaurant-Helfer, die 900 bis 1200 Euro im Monat verdienen. Schwarz auf die Hand. Oder auf das Konto eines Mittelsmannes. Zwölf Stunden pro Schicht, sieben Tage die Woche zu arbeiten, das sei doch normal. An den geschundenen Körpern kann der Arzt Clausen dann sehen, wer schon lange 30 Teller und mehr auf einen Schlag vom Boden Richtung Spülmaschine wuchtet.

Manchmal kommen zehn, manchmal nur fünf oder sechs Patienten. "15 Minuten pro Patient wie beim Durchlauf in der normalen Arztpraxis reichen hier nicht aus", sagt Clausen. "Die Hälfte der Leute sind ein Erstkontakt." Der Arzt muss alles abfragen, Vorgeschichte, Beschwerden, Medikamente.

"Ich mache eine grobe Untersuchung", sagt Clausen. Vielleicht findet er einen Spezialisten, der seinen Kranken weiterbehandelt. Zum Selbstkostenpreis. Auch um Medikamente muss Clausen betteln. Er hat eine chronisch kranke Patientin aus Kasachstan, die Pillen für 100 Euro im Monat benötigt.

Ärztekammer fordert Nachsicht mit Betroffenen

Als Janina kam, ging es nur um eine Frage: Wo kann sie entbinden? "Dass sie hochschwanger war, habe ich auch als Allgemeinmediziner gemerkt." Wenn Clausen aus dem Fenster schaut, sieht er die Agaplesion-Klinik, den Neubau des Elim-Krankenhauses. Hier kam Tahil zur Welt, Janinas Sohn. Sozialarbeiterin Martinez muss klären, ob das Sozialamt oder vielleicht die Clearingstelle für schutzbedürftige Flüchtlinge die Klinik-Rechnung bezahlt.

Aber es gibt auch Hamburger Ärztinnen und Ärzte, die schleusen einen Illegalen schnell durch ihre Sprechstunde. Kaum jemand redet darüber. Dabei kümmern sich die Ärztekammern um die Belange der hilflosesten aller Patienten.

Die Broschüre zur Rechtslage ist gerade aktualisiert worden. Manch Illegaler scheut so lange den Arztbesuch, bis er als Notfall in einer Klinik landet, sagt die Kammer und fordert die Politik zu Nachsicht mit den Betroffenen und zu Lösungen für die Kostenübernahme auf.

Hochschwangere Frauen zwangsumgesiedelt

"Wir würden uns wünschen, dass es ein Ärztenetzwerk gibt, in dem sich die Ärztekammer noch mehr engagiert", sagt Clausen. Die Sprechstunde wird von Spenden und Stiftungsgeldern finanziert. Der Druck auf Deutschland steige. "In zehn, zwanzig Jahren wird es noch mehr Flüchtlinge geben."

Clausen hat Patienten, die mit einem Blutdruck von 220 kommen, fast alles Menschen zwischen 25 und 50, die in Hamburg arbeiten wollen. "Das ist akut meist nicht so schlimm, kann sich aber in zwei, drei Jahren zu einer chronischen Krankheit entwickeln. Wir können nicht zusehen, wie die Menschen hier an behandelbaren Krankheiten zugrunde gehen."

Und bis vor kurzem wurden Hochschwangere noch in andere Städte geschickt, wenn sie aus der Anonymität heraustraten. Weil andere Städte ihr Flüchtlingskontingent noch nicht ausgeschöpft hatten, sollten werdende Mütter beispielsweise von Hamburg nach Dortmund ziehen.

"Hochschwangere sollten nicht einfach umverteilt werden", fordert Angela Bähr von der Diakonie. Sie weiß außerdem von Fällen, in denen Flüchtlinge für vier bis sechs Euro pro Stunde arbeiten. Bisweilen sogar umsonst: "Oft wird das Lohnversprechen nicht erfüllt."

Stundenlang durch die Kälte

Tony stammt von der Elfenbeinküste. Er wurde 1975 geboren. Er sagt, er ist 36. Dann wird er also in diesem Jahr noch 37? Kann sein. Tony will nur eins: wieder arbeiten. In Altona hat er drei Monate auf dem Bau geschuftet, bis der Arbeitgeber feststellte, dass er gar keine Aufenthaltserlaubnis hat.

Tony musste einen kleinen Eingriff über sich ergehen lassen, nachdem der Schmerz ihn fast die letzte Kraft gekostet hätte. "Ein Kollege hat ihn zum Spottpreis operiert", sagt Clausen. Tony schläft bei einem Bekannten, tagsüber läuft er durch die Kälte. In der Wohnung zu bleiben wäre zu riskant.

Seelenleiden ist meist größer als der Hunger

Kürzlich ist er "verhaftet" worden, wie er sagt. Bei einer Personenkontrolle konnte er keinen Ausweis vorzeigen. Nach zwölf Stunden auf der Wache durfte er wieder gehen. Ein Freund brachte seinen Pass. Entweder hat das die Polizisten beruhigt, oder sie haben absichtlich nicht genau hingeschaut. "Haben sie dir was zu essen und zu trinken gegeben?", fragt ihn Clausen. "Nein."

Clausen insistiert: "Du hast gar nicht gefragt?" Tony: "Ich hab mich nicht getraut." Das Seelenleiden ist meist noch größer als der Hunger. Die dauernde Suche nach einem Obdach, die Angst vor der Entdeckung – da kann einen schon eine hartnäckige Erkältung völlig aus der Bahn werfen. "Wir brauchen dringend eine psychische Betreuung für diese Menschen", sagt Sozialarbeiterin Martinez.

Janinas Gesicht leuchtet einmal auf. Als sie hört, dass die Bundeskanzlerin im Elim-Krankenhaus geboren wurde, dem Vorgänger der Agaplesion-Klinik, da kann sie es nicht fassen. Im selben Krankenhaus wie ihr Sohn. "Angela Merkel!" Sie ruft es zweimal laut aus. Die deutsche Bundeskanzlerin. Wenn das kein gutes Zeichen ist.

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