21.12.12

Nordtour

Wie Rösler bei Firmen um die Energiewende wirbt

Der Wirtschaftsminister tourt durch Niedersachsen und Schleswig-Holstein und besichtigt energieintensive Unternehmen. Philipp Rösler muss viel loben – und sich viele Sorgen anhören.

Von Christian Unger
Foto: dpa

Philipp Rösler (l.) mit dem Vorstandsvorsitzenden von Vattenfall Europe, Tuomo Hatakka (r.) und Gunnar Groebler, Leiter Vattenfall Wasserkraft Deutschland, in der Turbinenhalle des Vattenfall Pumpspeicher-Kraftwerks in Geesthacht
Philipp Rösler (l.) mit dem Vorstandsvorsitzenden von Vattenfall Europe, Tuomo Hatakka (r.) und Gunnar Groebler, Leiter Vattenfall Wasserkraft Deutschland, in der Turbinenhalle des Vattenfall Pumpspeicher-Kraftwerks in Geesthacht

Auf einmal ist da nur noch Lärm. Erst ein zögerliches, dann ein gewaltiges Rauschen, das alle Worte verschluckt. 33 Kubikmeter Wasser pro Sekunde rasen durch das Rohr, treiben die Turbine an, der Generator läuft an. Und Philipp Rösler findet das alles jetzt erst richtig spannend. Also los, die Halle runter, dahin, wo es brummt. "Man spürt es sogar", sagt Rösler. Er legt die Hand auf das blaue Rohr, es fühlt sich kalt an, das Metall zittert. Gutes Motiv, also knipsen die Fotografen noch schnell ein Foto mit ihm und dem Deutschland-Chef von Vattenfall, Tuomo Hatakka. Philipp Rösler hat auch Spaß an diesem Tag.

Der Bundeswirtschaftsminister ist auf Energiereise durch Niedersachsen und Schleswig-Holstein. So steht es auf einem Schild in der Frontscheibe des Reisebusses, mit dem er durch den Norden tourt. Gerade besucht Rösler das Pumpspeicherwerk in Geesthacht bei Hamburg. Wasser fließt hier von einem Oberbecken, so groß wie Binnen- und Außenalter zusammen, den Hang runter, durch die Turbinen in die Elbe, und erzeugt den Strom. 120 Megawatt maximal, genug, um locker eine Kleinstadt zu versorgen.

Wer an diesem Tag mit Philipp Rösler unterwegs ist, hört viele Fakten wie diese. Ein Vorsitzender einer Chemiefabrik, ein Wirtschaftsingenieur in einem Windpark, ein Geschäftsleiter bei einem Hersteller von Aluminiumoxid – sie alle zeigen Rösler ihre Maschinen und Kraftwerke, sie alle werben für ihren Standort, sie alle holen sich das Lob des Ministers ab. Und sie alle haben Sorgen. Wegen der Energiewende.

"So viele Vorschriften"

Helmuth Buhrfeindt hat eine weiche Stimme. Der ältere Mann steht etwas gebückt vor Philipp Rösler. Im Saal nebenan stoßen Mitarbeiter einer Abteilung mit Sekt auf Weihnachten an, vor den Fenstern bauen sich Leitungen, Silos und dampfende Türme auf. "Wir sind die Oxidfabrik mit dem weltweit geringsten Energieverbrauch", sagt Buhrfeindt. Nur halb so viel wie der Durchschnitt. Vom Verbrauch der Aluminiumoxid-Werke in China wolle er gar nicht reden. Und trotzdem nagen die Stromkosten an dem Unternehmen.

Früher betrugen die Ausgaben für Energie ein Drittel aller Kosten. Heute seien es 70 Prozent. Zwei Agenturen beraten die Aluminium Oxid Stade GmbH und helfen beim Stromsparen. "So viele Vorschriften, das kann man alles nicht überblicken", sagt Buhrfeindt. Oft habe man sich als mittelständisches Unternehmen mit der Energiewende allein gelassen gefühlt. Oft darüber geschimpft, vor allem am Anfang. Philipp Rösler muss diesmal besonders laut loben.

Eigentlich will er sich nur kurz für die Einladung bedanken. Aber dann spricht der Minister doch fast fünf Minuten. "Wir haben eine starke Industrie. Ich will, dass das so bleibt. Nicht trotz der Energiewende, sondern gerade wegen der Energiewende." Das ist Röslers Botschaft des Tages. Die Geschäftsleiter und Ingenieure schieben diesen Sätzen ein kräftiges Nicken hinterher. Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit – für Rösler gibt es keine Energiewende ohne sie. Man dürfe die Industrie für Investitionen in energieeffiziente Produktion nicht bestrafen. Wieder Nicken.

Zum Jahreswechsel positive Signale

Bei der Oxidfabrik in Stade haben sie für 20 Millionen Euro eine Anlage zur Kraft-Wärme-Kopplung gebaut. Zwei Gasturbinen auf dem Gelände liefern 30 Megawatt Strom, etwa soviel, wie das Unternehmen für die Produktion benötigt. Damit sich die Investition aber langfristig überhaupt lohne, müsse der normale Strompreis zweieinhalb Mal so teuer sein, sagen sie. Sonst könnte man auch einfach weiter den Strommix aus dem Netz beziehen. Planungssicherheit, vor allem das ist es, was den Unternehmen fehle.

Für Minister Rösler war es eine gute Woche. Jedenfalls sieht er das so. In Eintracht mit dem Umweltminister Peter Altmaier (CDU) verkündete er Fortschritte bei der Energiewende. Der Verbrauch sei rückläufig, die Energieeffizienz verbessere sich. "Obwohl wir acht AKWs vom Netz genommen haben, ist die Versorgungssicherheit nicht gefährdet", sagte Rösler.

Er und Altmaier, Wirtschaft und Umwelt, gingen voran. Bei all den Nachrichten über den langsamen Netzausbau, über die steigenden Strompreise für die Verbraucher, bei allem Druck der Kanzlerin und der Industrie: Man sendet zum Jahreswechsel positive Signale in die Republik.

Aber natürlich gebe es noch viel zu tun. Rösler und Altmaier kündigten die Reform des Ökostrom-Gesetzes an. Bis zum Frühjahr wird über einen Entwurf diskutiert. Rösler will Anreize schaffen für Anlagen, die zur Stabilität des Stromnetzes beitragen. Wie das Pumpspeicherwerk in Geesthacht. Durch schnelles Hochfahren der Turbinen gleicht es Schwankungen in der Stromerzeugung aus. Doch Vattenfall hat 2011 nach eigenen Angaben 20 Millionen Euro Verlust mit der 1958 gebauten Anlagegemacht. 2012 werde es eine schwarze Null. Dringend müsse die Politik Rahmenbedingungen schaffen, damit sich Pumpspeicherwerke in Deutschland lohnen, sagt Rösler. Er nennt es neues "Strommarkt-Design".

"Stromkosten sind unsere Achillesferse"

Umweltminister Altmaier fordert etwas anderes. Er will die Ausnahmen für energieintensive Unternehmen bei den Kosten für den Ausbau der Erneuerbaren Energien zurückfahren. Derzeit werden etwa 2000 Unternehmen weitgehend von der EEG-Umlage verschont. Der Aufschlag auf den Strompreis unterstützt die Förderung etwa von Solaranlagen. Die Umlage steigt 2013 auf 5,3 Cent pro Kilowattstunde. Der normale Kunde zahlt beim Strompreis drauf.

Unternehmen wie das unter der Leitung von Ralf Brinkmann sind bisher ausgenommen. Er und Rösler stehen vor einer Tafel. Windanlagen sind dort gezeichnet, Pfeile verbinden Wasserstoffspeicher mit Turbinen und Generatoren. "Speicherung von Windenergie mit Wasserstoff", steht dort. Und: Eine Lösung von Dow. Brinkmann ist Deutschland-Chef des amerikanischen Chemieunternehmens. Und er sagt: "Stromkosten sind unsere Achillesferse."

Einen dreistelligen Millionenbetrag gebe die Firma pro Jahr für Energie aus. Müssten sie die EEG-Umlage zahlen, wäre das kaum verkraftbar. Das ist Brinkmanns Tenor. Und Philipp Rösler stimmt vor den Kameras in der Werkshalle mit ein: "Hauptkostentreiber für die Verbraucher ist die Förderung der Erneuerbaren Energien. Und eben nicht Ausnahme für die Umlage für die Unternehmen." Es gehe hier ja auch um Jobs. 1500 Mitarbeiter hat Dow am Standort in Stade. Sie wollen ein Kohlekraftwerk auf dem Gelände bauen, um bald die Produktion mit eigener Energie zu versorgen. Derzeit läuft das Genehmigungsverfahren.

Im Januar ist Wahl

Es ist früher Nachmittag, als der Minister in einem langen Bierzelt neben einer Wiese sitzt. Es gibt Kekse, heißen Apfelsaft und eine Power-Point-Präsentation. 35 Familien der Gemeinden Wohnste und Ahlerstedthaben hier im vergangenen Jahr 20 neue Windkraftanlagen aufgebaut: ein Bürgerwindpark.

60 Millionen haben sie investiert, um Strom für zehn Cent die Kilowattstunde zu verkaufen. Es werde Jahrzehnte dauern, bis das Geld wieder eingenommen ist, sagt Geschäftsführer Jan Ehlen. Und trotzdem glauben sie daran, dass ihr Modell in Zukunft Gewinne bringt, die auch den Landwirten in der Region helfen. "Think global – act local" hat Ehlen auf seine Visitenkarte drucken lassen. Sein Vater Heiner ist dabei. Auch er leitet das Geschäft. Früher, erzählt er, hätten sie hier Torf gestochen für die Energiegewinnung.

Hier, in Niedersachsen, wo im Januar Wahlen sind für den Landtag. Wo die FDP um den Einzug ins Parlament kämpft und um eine Verlängerung der Koalition mit der CDU. Hier in Niedersachsen, wo auch FDP-Parteichef Philipp Rösler zuhause ist. Es gibt Stimmen, die Röslers Ende als Chef der Liberalen sehen, scheitert die Partei nach den vielen Wahlschlappen der jüngsten Vergangenheit auch in Niedersachsen. Dann bleiben nur noch neun Monate bis zur Bundestagswahl.

Rösler schaut interessiert auf die Knöpfe im Inneren einer Windkraftanlage. Ehlen erklärt ihm, dass der Rotordurchmesser 82 Meter beträgt. Sogar einen kleinen Fahrstuhl gibt es. Das Projekt sei beispielhaft dafür, wie man bei den Menschen in der Region Akzeptanz für die Energiewende schaffen kann, sagt Rösler. Dann geht er zurück zum Bus. Noch mal ein Händeschütteln, noch mal ein Foto für die Journalisten. "Dann schauen wir mal, dass wir das Ruder für den 20. Januar noch rumkriegen", sagt Heiner Ehlen zum Abschied. Vielleicht ist das mit der Energiewende gerade Röslers kleinstes Problem.

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