17.12.12

Zuwanderung

Deutsche skeptisch gegenüber Migranten? Von wegen!

Eine Studie unterstellt den Deutschen große Skepsis gegenüber Migration. Dabei erweisen sie sich eher als problembewusst. Viele wünschen sich mehr Polizisten und Erzieher mit ausländischen Wurzeln.

Von Thomas Vitzthum
Foto: picture alliance / ZB

Die Weserstraße in Berlin-Neukölln: Hier treffen junge Menschen auf Migranten
Die Weserstraße in Berlin-Neukölln: Hier treffen junge Deutsche auf Migranten

"Neukölln ist überall!" Ja, wenn es doch nur so wäre. Für viele junge Berliner und solche, die Berliner werden wollen, klingt der Titel des Buches des Neuköllner Bürgermeisters Heinz Buschkowsky überhaupt nicht nach einer Warnung. Sondern eher nach einer Verheißung.

Neukölln, das verbinden sie nicht mit sozialem Brennpunkt, mit Bildungsprekariat und Banden arabischer Jugendlicher. Neukölln, das ist für sie ein Stadtteil bunter Lebensentwürfe, mit (noch) bezahlbaren Mieten, mit einem freundlichen Gemüsehändler an jeder Ecke. Urlaub vom Gewöhnlichen.

Neukölln ist auch in Frankfurt. Etwa in der Münchener Straße im Bahnhofsviertel. Wo ein DJ griechischer Herkunft im vergangenen Jahr mit dem "Plank" eine Bar zwischen den vielen oft von Migranten betriebenen kleinen Läden eröffnet hat. Schon tagsüber drückt sich viel junges, durchgestyltes Publikum auf den Hockern vor edlen grauen Wänden. Der Banker neben dem Studenten.

Bemerkenswert offenes Verhältnis zur Zuwanderung

Es wäre reizvoll, wenn die Auftraggeber der aktuellen Studie über die Willkommenskultur in Deutschland einmal nur solche Stadtteile in den Blick nehmen würden, die für die einen Problemviertel, für die anderen Szenequartiere sind.

Wahrscheinlich würde die Sicht auf die dort als Ureinwohner firmierenden Migranten gerade unter den jüngeren Befragten noch positiver ausfallen, als es ohnehin schon der Fall ist.

Eine Studie von TNS Emnid im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hat ergeben, dass 85 Prozent der Bürger zwischen 14 und 29 Jahren finden, dass Zuwanderung des Leben in Deutschland interessanter macht. Unter den über 60-Jährigen meinen dies nur 61 Prozent.

Damit offenbart die Generation, die in Ausländern nicht mehr den Gastarbeiter sieht, sondern den Klassenkameraden, Kollegen, Freund oder Nachbarn, ein bemerkenswert offenes Verhältnis zur Zuwanderung.

Unterstellungen beinahe tendenziös

59 Prozent der Jüngeren sind zudem überzeugt, die Zuwanderung könne helfen, den Fachkräftemangel auszugleichen (45 Prozent der über 60-Jährigen). Auch wenn es um Probleme geht, bleiben die Jungen gelassener. 56 Prozent fürchten die sogenannte Zuwanderung in die Sozialsysteme, also zusätzliche Belastungen bei Hartz IV und Arbeitslosenversicherung.

46 Prozent erkennen Probleme an den Schulen. Hier äußern sich hingegen 74 Prozent der Älteren skeptisch. Fast ebenso viele (72 Prozent) fürchten um die Sozialsysteme.

Ob allerdings aus diesen Werten eine generelle Skepsis der Deutschen gegenüber Zuwanderern abzuleiten ist, wie es die Macher der Studie tun, muss man infrage stellen.

In der repräsentativen Untersuchung wurde nämlich gefragt, ob man etwa der Auffassung sei, Zuwanderung führe eben zu Problemen an Schulen, zu Konflikten zwischen Einheimischen und Einwanderern oder zu Belastungen bei Hartz IV. Jemandem zu unterstellen, Migration nicht gutzuheißen, nur weil er dies bestätigt, darf schon beinahe als tendenziös bezeichnet werden.

Hohes Problembewusstsein der Deutschen

Konflikte sind Realität, täglich wird über sie berichtet. Ebenso wie über Probleme an Schulen. Aber diese Probleme haben viele Gesichter, sie sehen auch so aus, dass Zuwandererkinder weniger gut und ehrlich bewertet werden als deutschstämmige Kinder. Statt eines Sammelsuriums von Phobien dokumentieren die Zahlen vielmehr das hohe Problembewusstsein der Deutschen im Hinblick auf die große Aufgabe der Integration.

Dazu passt, dass 70 Prozent der Befragten fordern, dass mehr für Toleranz vor allem in den Schulen getan werden muss. Unter den bis 29-Jährigen sind es sogar 72 Prozent, die hier Handlungsbedarf sehen. Von einer Aufnahmeverweigerung von deutscher Seite, die nicht willens ist, Zuwanderer als Teil ihrer Gesellschaft wahrzunehmen, kann in Anbetracht dieser Zahlen nicht die Rede sein.

Die Bürger wünschen sich in vielen gesellschaftlichen Bereichen sogar noch mehr Migranten. Aus Sicht von lediglich 27 Prozent gibt es etwa genügend Erzieher mit ausländischen Wurzeln; 28 Prozent meinen, bei der Polizei reiche ihre Zahl schon aus, und auch in der Politik bleibt Luft nach oben (32 Prozent).

Bürger sehen Behörden in einer Bringschuld

Als wichtigste Aufgabe der Gesellschaft nennen die Befragten, ein ausreichendes Angebot an Sprachkursen (86 Prozent) sowie Sprachförderung von Kindern von Anfang an sicherzustellen. Auch die Benennung von Ansprechpartnern für rechtliche Fragen und Fragen des täglichen Lebens unterstützt eine überwiegende Mehrheit.

Offenbar sehen die Bürger die Behörden und staatlichen Stellen hier in einer Bringschuld und erwarten nicht von den Migranten, dass die sich um alles selbst kümmern.

Dass sie die vorhandenen Angebote allerdings wahrnehmen, wird schon erwartet. Mit 96 Prozent und damit weit vor allen anderen Anforderungen rangiert das Lernen der deutschen Sprache. Bei den Jüngeren sind es sogar 98 Prozent, die hier keine Kompromisse eingehen. Von einer Art Schaufensterpolitik halten die Bürger dagegen wenig. Einbürgerungsfeiern erachten nur 26 Prozent als wichtig, auch ein Willkommenspaket mit Gutscheinen erscheint nur 35 Prozent sinnvoll.

Derzeitige Gesetze reichen aus

Die derzeitigen Gesetze reichen nach Meinung der Bürger aus. Die doppelte Staatsbürgerschaft pauschal allen Zuwanderern zu ermöglichen, befürworten nur 41 Prozent, und eine einfachere Einbürgerung erwarten ebenfalls nur 44 Prozent.

Das liegt vielleicht daran, dass die Bürger ihre Mitbürger nicht mehr so sehr danach beurteilen, welchen Pass sie haben. Nur 50 Prozent erwarten von Migranten, dass sie früher oder später die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen.

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