17.12.12

"Günther Jauch"

Schwarzer vs. Künast – "Wir müssen uns nicht duzen"

Der "Tatort" als Aufhänger für eine Prostitutionsdebatte: Jauch war zu schüchtern für das Thema des Abends. Schwarzer riss den Talk an sich, attackierte Künast und forderte eine Ächtung der Freier.

Foto: NDR

Wie realistisch war der Tatort über die „Wegwerfmädchen“? Das wollte Günther Jauch von seinen Gästen wissen. „Tatort Rotlichtmilieu – wie brutal ist das Geschäft mit dem Sex?“ lautete der Titel der Sendung. Eingeladen waren ...

10 Bilder

Der "Wegwerfmädchen"-Tatort hat die Krimifans mit seiner Radikalität bewegt wie lange kein "Tatort" mehr. Vor allem die Frage nach dem Realitätsgehalt des Zweiteilers über Menschenhandel und Prostitution bewegte die Zuschauer. Günther Jauch griff diese Frage auf und präsentierte die Gästeliste mit den größten Gegensätzen seiner Sendungsgeschichte: Vom Bordellbetreiber und der Puffmutter über die Sozialarbeiterin und dem Polizisten hin zur Politikerin und der Feministin reichte diese. Und in der Mitte Jauch als Traum vom braven Schwiegersohn. Ob das bei solch einem Thema gutgehen konnte?

Zuhälter würde Frau "in Teile schneiden"

Jauchs Einstiegsgast Cathrin Schauer hätte verdient gehabt, dass ihre Einschätzung zum "Tatort" möglichst zwei- oder dreimal wiederholt wird. "Dieser Tatort war für mich persönlich sehr realistisch", sagte die Sozialarbeiterin. Bilder von fürchterlich misshandelten Prostituierten, von auf der Müllkippe entsorgten Mädchen - und die Expertin spricht von einem realistischen Szenario. Erschütternd.

Schauer arbeitet nahe der Grenze zu Tschechien für den Verein Karo und befreite dort seit 1996 etwa 500 Mädchen und Jungen aus der Zwangsprostitution. Leider habe sie solche Schicksale wie im "Tatort" geschildert schon erleben müssen, sagte Schauer. Die Jauch-Redaktion stellte zudem den Fall einer Prostituierten vor, die berichtete, wie sie mit zwölf Jahren von einem Zuhälter gefangen und dann auf den Strich geschickt wurde.

Die als "Eva" bezeichnete Frau sprach streng anonymisiert, war nicht vom Bild und nicht von der Stimme her zu erkennen. Alles zum Schutz vor ihrem ehemaligen Zuhälter: "Ich weiß ja, was mit mir passieren würde. Der würde mich in Teile schneiden." Was sich Otto Normalverbraucher trotz immer wieder bekannt werdender Morde im Rotlichtmilieu nicht vorstellen will, ist für Cathrin Schauer keine Überraschung. "Es müsste nur den Leuten bewusst werden, dass das keine übertriebenen Szenen sind."

Zwangsprostitution als Regel in Deutschland

Jauch gab der Sozialarbeiterin die Gelegenheit, alleine zu sprechen. In der großen Runde lieferte dann Christian Zahel, der Chef der Abteilung für organisierte Kriminalität beim Landeskriminalamt in Hannover, die Bestätigung aus der polizeilichen Praxis. Laut Zahel ist Zwangsprostitution nicht nur Realität, sondern die Regel. "Die große Mehrheit arbeitet nicht freiwillig in der Prostitution. Wir gehen davon aus, dass etwa 90 Prozent, 85 Prozent unter Zwang stehen."

Wie gut, dass es ja noch ordentliche Bordelle gibt. Aber gibt es die wirklich? Jürgen Rudloff, der 2008 in Stuttgart eines der größten Bordelle Europas eröffnete und inzwischen auch in anderen Städten ähnliche Betriebe hat, stellte sich bei Jauch als Saubermann dar. Bei ihm zahlen Mann wie Frau 79 Euro Eintritt – was sie dann miteinander an weiteren Zahlungen ausmachen und miteinander treiben, sei ihre Sache.

Frauen, die sich einchecken, würden automatisch der Polizei und dem Finanzamt gemeldet. Doch an die Saubermann-Geschichte wollte Polizist Zahel nicht glauben. Rudloff könne doch gar nicht kontrollieren, ob nicht Zuhälter die Frauen unter Zwang in Rudloffs Laden schickten. Und dann kam Feministin Alice Schwarzer ins Spiel. "Sie sind ja das letzte Glied einer langen Kette von Verbrechern", knallte sie Rudloff ganz unverblümt an den Kopf.

Jauch zu schüchtern für Schwarzer

Von diesem Moment an zeigte sich, dass Jauch zu schüchtern für das Thema des Abends war. Denn Schwarzer setzte voll auf ihre Dominanz und riss die Debatte immer stärker an sich. Sie verglich das Rotlichtmilieu mit der Finanzbranche: Je mehr dereguliert werde und je mehr Regeln abgeschafft würden, desto mehr Gesetzlosigkeit gebe es.

Und Schwarzer setzte zum Angriff auf Grünen-Fraktionschefin Renate Künast an, die einzige Politikerin in der Runde (Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger von der FDP wollte laut Jauch nicht kommen). Immer wieder griff Schwarzer das von Rot-Grün im Jahr 2002 beschlossene Prostitutionsgesetz an. "Es war von Anfang an klar, die Prostituierten werden noch mehr ausgeliefert sein", sagte Schwarzer über die Folgen des Gesetzes.

Unterstützung bekam sie von Zahel, der von einem Ausufern der Prostitution nach 2001 sprach. Schwarzer giftete regelrecht in Richtung Künast. "Was Ihr da angerichtet habt, ist eine Katastrophe." Und Schwarzer ging dabei auch voll auf die persönliche Ebene. "Ich wundere mich, dass du nicht endlich mal ein bisschen selbstkritisch darüber redest." Die gesamte Prostitution sei untrennbar mit dem Rotlichtmilieu und seinen Negativerscheinungen verbunden. "Renate, ich wundere mich sehr, dass du das nicht weißt."

Giftpfeile zwischen Schwarzer und Künast

Mit ihrer schroffen Art machte Schwarzer Bordellbetreiber Rudloff mundtot, ließ die ehemalige Prostituierte und jetzige Berliner Bordellbetreiberin Felicitas Schirow fast gar nicht zum Zuge kommen und verärgerte vor allem Künast nachhaltig. "Wir müssen uns nicht duzen", ätzte die Grüne nach einer neuen Tirade Schwarzers zurück.

Über diese Angriffe ging fast verloren, dass in der Runde auch bedenkenswerte Ansätze zum Vorgehen gegen Zwangsprostitution besprochen wurden. Künast differenzierte und verwies auf unterschiedliche Probleme wie Drogenabhängigkeit der anschaffenden Frauen oder den Menschenhandel, wofür es unterschiedliche Antworten der Politik bedürfe. Auch müsse das Prostitutionsgesetz womöglich darauf geprüft werden, ob es noch dem Standard entspreche.

Doch auch bei der sachlichen Debatte setzte Schwarzer noch einen drauf. Und auch wenn ihr Auftritt bis dahin alle negativen Klischees bestätigte, könnte sie so den Kern für einen erfolgreichen Kampf gegen Zwangsprostitution getroffen haben. "Für mich wäre der erste Schritt: endlich das notwendige Gespräch über die notwendige Ächtung von Prostitution." Nicht Prostituierte sollten geächtet werden, sondern die Prostitution als solche. Es bedürfe in Deutschland einer Ächtung der Haltung, dass Männern Glauben gemacht werde, "es wäre total cool und selbstverständlich, wenn sie sich eine Frau kaufen".

Den Freiern sollen Strafen angedroht werden

Schwarzer forderte mehr Schutzmaßnahmen, Gesundheitskontrollen und dann - ganz nach dem Vorbild Nordeuropas - eine "Androhung einer Strafe für Freier".

Sollte also in Deutschland in den Bau wandern, wer wiederholt ins Bordell geht? Für viele womöglich ein naives Feministinnengeschwätz - aber auch der seit Langem im Milieu ermittelnde Zahel nickte mehrmals zustimmend bei Schwarzers Aussagen.

Jauch präsentierte zwar noch eine repräsentative Umfrage, wonach 78 Prozent der Deutschen dagegen sind, dass Prostitution verboten wird. Nur 17 Prozent sind dafür. Und selbst bei den Frauen sind 76 Prozent dagegen. Für die auftrumpfende Schwarzer allerdings war auch das nicht abschreckend. "Wenn ich in meinem Leben nur für mehrheitsfähige Haltungen gewesen wäre, verstehen Sie, hätte ich nichts zu tun gehabt", sagte die 70-Jährige.

Das sagten Jauchs Gäste

Alice Schwarzer, Publizistin

und Feministin:

 

"Für mich wäre der erste Schritt,

endlich das notwendige Gespräch

über die notwendige Ächtung

von Prostitution."

Christian Zahel,

Leiter der Abteilung für

Organisierte Kriminalität

im LKA Niedersachsen:

 

"Die große Mehrheit arbeitet nicht

freiwillig in der Prostitution. Wir gehen davon aus,

dass etwa 90 Prozent, 85 Prozent unter Zwang stehen."

Renate Künast,

Grünen-Fraktionschefin

im Bundestag:

 

"Wäre ja schön, wenn die Ehefrauen sagen,

das lasse ich mir nicht gefallen."

Jürgen Rudloff,

Bordellbetreiber:

 

"Menschenhandel, das kann man

nicht befürworten."

Cathrin Schauer, Sozialarbeiterin

des Vereins KARO e.V.:

 

"Dieser Tatort war für mich

persönlich sehr realistisch."

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Bei den Lohnverhandlungen gab es eine Einigung bei den BVG
12:58Lohnverhandlungen
BVG zahlt höhere Löhne - Streikgefahr abgewendet

In den festgefahrenen Tarifverhandlungen bei den Berliner Verkehrsbetrieben gab es einen Kompromiss. Die Löhne sollen in drei Schritten bis 2015 erhöht werden. mehr...


An der Fleischtheke eines Supermarktes starb der 82 Jahre alte Marcel M.
14:55Mord an Fleischtheke
Mutmaßlicher Messerstecher – Hausmeister fühlte sich bedroht

Marcel M. starb mit 82 Jahren, nachdem er an der Fleischtheke niedergestochen wurde. Den mutmaßlichen Täter kennen die meisten Nachbarn nicht, ein Hausmeister erinnert sich aber an eine Begegnung. mehr...


Rocket-Internet-Geschäftsführer Alexander Kudlich in der Firmenzentrale in Mitte
13:32Rocket Internet
100 Millionen Dollar für Expansion von Zalando-Klon Zalora

Der von Rocket Internet nach dem Zalando-Vorbild in Südostasien gegründete Modeversender Zalora geht auf Expansionskurs. Finanziert von Kinnevik, Summit Partners und Tengelmann. mehr...


Maskierte Polizisten durchsuchen wegen des Verdachts der Bildung einer linksextremistischen Vereinigung ein Haus in Magdeburg
13:28Kriminalität
Hausdurchsuchungen bei mutmaßlichen Linksextremisten

In Berlin und Magdeburg hat die Polizei Objekte von mutmaßlichen Linksextremisten durchsucht. Dabei soll es sich um eine Gruppe handeln, die mehrere Sprengstoffanschläge in Berlin verübt. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Oklahoma Wiedersehen nach dem schweren Tornado
Umzug Karneval der Kulturen 2013 - Berlin ist bunt
US-Kongress Apple verteidigt Steuersparmodell
Xbox One Microsoft stellt neue Spielkonsole vor
Die Welt - Aktuelle News
  1. 1. WirtschaftEU-EnergiepolitikEnergie-Bosse warnen Europa vor dem Strom-Kollaps
  2. 2. KommentareWahlliste im IranGlühende Nationalisten werden Mullahs gefährlich
  3. 3. DeutschlandArbeitsmarktVon der Leyen verrät das deutsche Erfolgsgeheimnis
  4. 4. DeutschlandParteijubiläumDie SPD hat den Glauben an eine bessere Welt verloren
  5. 5. DeutschlandPartei im ZwielichtDie Grünen waren ein „Honigtopf“ für Päderasten
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Bilder von oben

Das zerstörte Oklahoma City aus der Luft

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote