15.12.12

"Krekeler killt"

Friedrich Ani ist der Simenon von München

Tabor Süden ist Kult. Der Detektiv des Schriftstellers Ani sucht Vermisste. Nicht selten findet er sie tot. Süden ist ein Einsamkeitsexperte. Er schweigt in die Stille solange, bis sie schreit.

Foto: Infografik Die Welt

Einsamkeit ist immer und überall: Friedrich Ani (Jg. 1959) kennt München und seine Milieus. In ihnen versucht er Vermissungen zu klären, Verschwundene ins Leben zurück zu holen, so leer wie es sein mag
Einsamkeit ist immer und überall: Friedrich Ani (Jg. 1959) kennt München und seine Milieus. In ihnen versucht er Vermissungen zu klären, Verschwundene ins Leben zurück zu holen, so leer wie es sein mag

War'n Sie auch grad essen? Im Beisel um die Ecke, wo die Blonde kellnert? Nette Person, kenn' sie schon lang. Wie sie heißt? Keine Ahnung. Vergessen vielleicht. Oder nie gewusst. Wer kann sich schon die Namen all der Schatten merken, die uns durch unser Leben helfen, die uns begegnen. Solange sie da sind. Sind sie verschwunden, fehlt einem manchmal was, man weiß aber nicht genau was.

Eine Art Phantomschmerz ist noch da. Wenn er schlimm wird, wenn die Abwesenheit weh tut in Kopf und Seele, geht man am Besten zu Tabor Süden. Der ist ein Vermissungsfachmann, der findet alle, manchmal nur noch tot.

Der Münchner Schriftsteller Friedrich Ani hat ihn vor Jahren erfunden. Seitdem hat Tabor Süden – 53 Jahre alt, bierbegeistert, sehr eigen – beharrlich und verschwiegen mehr als ein Dutzend Vermissungsfälle geklärt.

Ani verbindet Weisheit mit Dialogkunst

Fälle, an denen uns Ani eindrücklich zeigt, dass sich schönes Schreiben, Poesie, krachende Dialogkunst, Weltweisheit, Gegenwartsgenauigkeit und das Format des knackigen Kurzkrimis nicht zwangsläufig ausschließen müssen, dass es einen legitimen Nachfolger Dürrenmatts auf diesem Feld durchaus geben kann.

Ani ist für München längst, was Simenon für Paris war. Was sehr an Tabor Süden liegt. Dem Kind von Vertriebenen aus Sudetendeutschland, dem Einsamkeits- und Melancholiekönig. Er ist der größte Beschwörer und Beschweiger unter den Ermittlern der Gegenwart.

Ein Einsamkeitsexperte von Graden. Ein Milieumikroskopierer. Er kann Schatten finden wie kein zweiter. Kein Wunder ist er doch schließlich selber einer.

Wer eine Einstiegsdroge braucht für die wunderschön traurige Welt des Tabor Süden ist mit dessen neuem Fall "Süden und das heimliche Leben" bestens bedient (Vorsicht allerdings: Wer sich gerade dieser extrem starken Süden-Dosis aussetzt, wird den verbliebenen Rest seines Weihnachtsgeldes sofort in die nächstgelegene Buchhandlung tragen). Süden soll Ilka Senner suchen.

Anis Detektiv Tabor Süden ist selbst ein Schatten

Eine Blondine, die keine Blondine ist, auf der schlechten Seite der Vierzig angekommen. Geschmeidig, nachgiebig, rücksichtsvoll, unaufdringlich, nennt sie sich selbst. Eine durch und durch lautlose Person. Sie hat gelernt, sich nichts und niemandem auszusetzen. Ein Schatten halt. Kein Kind, kein Kegel, kein Glück mit den Männern.

Kellnerin ist sie in der Kneipe "Charly's Tante". War sie, besser gesagt. Denn jetzt ist sie weg. Dabei sollte sie doch gerade erst von Charly, der Wirtin, die genug von Gebräu und Betrunkenen hat, die Bierschwemme mit –garten übernehmen.

Süden und die Menschen passen nicht immer zueinander

Die Stammgäste, die wahrscheinlich auch schon zur Eröffnung da waren, vermissen ihren Schatten, legen zusammen, so sitzt Süden mitten unter ihnen und will nüchtern bleiben. "Möge es nützen" prostet er ihnen mit Kaffee zu. Bis Kaffeekanne und –tasse für ihn aussehen "wie das Geschirr eines gemeinen Gottes ".

Süden geht vor, wie er immer vorgeht. Abstand, hat er mal gelesen, sei die Seele des Schönen. So schweigt Süden, der desöfteren das nachvollziehbare Gefühl hat, dass er und die Menschen gerade nicht zusammenpassen. Und wartet.

Er sitzt in Zimmern, in Gesprächen voller Abwesenheit. Und schweigt. Er kann derart in Räume, in Sätze, in Menschen hineinschweigen, dass sie irgendwann zurück schreien. Und Dinge preisgeben, die sie nie preisgeben wollten. Mit den lang verschwiegenen Geschichten füllt er dann den Weißraum, den die Vermissungen hinterlassen haben, als sie gingen.

Eine Suche unter in sich Gefangenen

Was besonders dann interessant ist, wenn sich heraus stellt, dass der Weißraum nicht erst durchs Verschwinden entstanden ist, sondern eben immer schon da war.

Wie im Fall von Ilka Senner. Süden sucht. Und findet Gefangene. Menschen, die sich eingeigelt haben in ihre Welten, in ein Geflecht von Scham und Verletzung. Geschlagene, an den Fäden ihrer Vergangenheiten Zappelnde. Die sich hinauszaubern aus ihren Zellen. Oder sich hinauszaubern lassen.

Melancholie bis das Obstmesser zusticht

Wie eine wärmende Decke hängt die Melancholie des Süden über Ilkas Geschichte. Darunter leuchtet Ani mit sanftem Sarkasmus, extrem verdichteten Dialogen, Spott und hingetuschten Bildern die Menschen aus und die Milieus. Man möchte gar nicht mehr weg, obwohl alles so eng ist und so karg und so kalt für die Seele.

Am Ende entscheidet ein Obstmesser alles. Möge es nützen. Ein Prost auf Tabor Süden. Er rettet uns den Tag.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams
Obama in Berlin
18.06.13US-Präsident zu Besuch
Minutenprotokoll – Barack Obamas Ankunft in Berlin

US-Präsident Barack Obama ist mit seiner Frau Michelle und den Töchtern Sasha und Malia in Berlin gelandet. Die Präsidentenfamilie hat im Hotel eingecheckt. Der Tag im Minutenprotokoll. mehr...


Ein Blick in die Präsidentenmaschine „Air Force One“
18.06.13Präsidentenmaschine
Obama in Berlin - Eine interaktive Tour durch die "Air Force One"

Die "Air Force One" ist die Maschine des US-Präsidenten. Über kein anderes Flugzeug gibt es mehr Geheimnisse. Wir zeigen, wie es im Inneren der berühmtesten Boeing 747 der Welt aussieht. mehr...


Sekunden vor der Landung: Auf diesen Moment haben die Fans der „Air Force One“ gewartet
18.06.13Obama in Berlin
Blick auf die "Air Force One" macht Planespotter glücklich

Sie warten und warten – auf den einen Moment. Planespotter haben sich am Flughafen Tegel versammelt, um Barack Obama landen zu sehen. Die "Air Force One" ist für viele das schönste Flugzeug der Welt. mehr...

BMO_ObamaLimo.jpg
18.06.13Interaktive Grafik
Die Staatskarosse des US-Präsidenten ist ein rollendes "Biest"

Bei der Sicherheit des US-Präsidenten wird nichts dem Zufall unterlassen. Seine Dienstlimousine ist wie ein fahrender Hochsicherheitstrakt. Daher hat es auch den Spitznamen "The Beast" - das Biest. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
Top-Thema

Aus dem Bett ihrer Suite im „Ritz-Carlton“ kann das Präsidentenpaar auf den Potsdamer Platz schauen
Obamas Hotel in Berlin

Hier übernachtet die First Familiy

Video Nachrichten mehr
US-Präsident So bereitet sich Berlin auf den Obama-Besuch vor
Berlin-Besuch Obamas Rede an der Siegessäule
Staatsbesuch In Berlin gilt höchste Sicherheitsstufe für Obama
USA Obama verteidigt Abhöraktionen der Geheimdienste
Die Welt - Aktuelle News
  1. 1. WirtschaftAltersabsicherungWarum die Rente mit 69 allen Deutschen helfen soll
  2. 2. DeutschlandUS-Präsident in BerlinDeutschland empfängt die Familie Obama
  3. 3. WirtschaftSteueroasenG-8-Staaten wollen Google & Co. an den Kragen
  4. 4. KommentareG-8-GipfelDie Bundesregierung lag in der Syrien-Frage falsch
  5. 5. AuslandTürkeiErdogan verkündet Sieg über die Demonstranten
 
Top Bildershows mehr
Staatsbesuch

Von Kennedy bis Bush – US-Präsidenten in Berlin

Absperrungen

US-Präsident Barack Obama in Berlin

US-Präsident

Straßensperrungen zum Besuch von Obama in Berlin

"Ritz-Carlton"

Hier übernachtet Barack Obama in Berlin

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote