14.12.12

Sprengsatz

Bonn entging nur knapp der Terror-Katastrophe

Nur eine fehlerhafte Zündung verhinderte offenbar die Explosion der Bombe auf dem Bonner Hauptbahnhof. Jetzt ermittelt der Generalbundesanwalt. Die Täter werden im islamistischen Milieu vermutet.

Von Günther Lachmann
Foto: dpa

Der Hauptbahnhof in Bonn: Eine Glühbirne durchkreuzte vermutlich die von den Tätern geplante Explosion
Der Hauptbahnhof in Bonn: Eine Glühbirne verhinderte vermutlich die von den Tätern geplante Explosion

In dem ganzen Drunter und Drüber um die Bombe haben sie ihn einfach übersehen. Dabei hatte der Zeuge sich keineswegs heimlich aus dem Staub gemacht, sondern am Service Point des Bonner Hauptbahnhofs Alarm geschlagen. Er muss den Mann gesehen haben, der die Tasche mit dem Sprengsatz auf Gleis 1 absetzte, vermutet die Polizei jetzt wohl nicht ganz zu Unrecht.

Darum sucht sie nun nach ihm, denn so gut wie er dürfte niemand den Mann mit der Tasche beschreiben können, dessen kriminelle Absicht möglicherweise letztlich von einer einfachen Glühbirne durchkreuzt wurde.

So jedenfalls schildert es wdr.de und beruft sich dabei auf Ermittlerkreise. Gegenüber der "Welt" sagte die Polizei, das Ergebnis der ersten Analyse werde noch einmal gecheckt. Schließlich sei es wegen der öffentlichen Wirkung unverantwortlich, einen solchen Verdacht zu bestätigen, bevor das Ergebnis auch dieser letzten Kontrolle vorliege.

Es gibt aber auch andere Darstellungen. Danach war der Zünder nicht mit einer Glühbirne, sondern mit einem Wecker verbunden. Das berichtet der "Tagesspiegel" und verweist auf neue Verdachtsmomente, die für einen islamistischen Hintergrund sprächen.

Bleibt es bei dem Glühbirnen-Versagen, dann hat sie die frühere Bundeshauptstadt am Montag vor einer Katastrophe bewahrt. Denn der Sprengsatz in der blauen Tasche sei "aus sicherer Entfernung" gezündet worden, berichtet wdr.de.

Er sei nur deshalb nicht explodiert, weil er falsch zusammengebaut worden war. Statt eines sogenannten Boosters habe der Täter nämlich besagte Glühbirne verwendet. Sie sei neben anderen Einzelteilen mit dem Sprengsatz von der Polizei sichergestellt worden.

"Unkonventionelle Sprengvorrichtung"

Bereits Mitte der Woche sprach die Polizei von einer "unkonventionellen Sprengvorrichtung". Die Art und Weise der Konstruktion lasse auf enorme Kenntnisse beim Bombenbau schließen, sagte der Einsatzleiter der Polizei, Norbert Wagner. Die Bearbeitung der verwendeten Materialien sei sehr anspruchsvoll. "Das war kein Dummerjungen-Streich", sagte der Polizist.

Es wurde der Vergleich zu den verheerenden Terror-Anschlägen vom 11. März 2004 in Madrid gezogen. Jedoch galt der Vergleich weniger den verheerenden Folgen, in Madrid wurden durch mehrere Kofferbomben in Regionalzügen 191 Menschen getötet, 2051 verletzt, sondern der Art des Sprengsatzes.

Die Bonner Bombe habe weniger als ein Zehntel der Substanz einer der Bomben von Madrid.

Bombenbauanleitung aus dem Internet

In Madrid war es der verwendete Sprengstoff, der den Verdacht der Ermittler weg von den baskischen Separatisten der Eta hin zu islamistischen Tätern leitete. Der "Tagesspiegel" will erfahren haben, dass auch der Bonner Sprengsatz "von der Machart zu einer Bombenbauanleitung aus dem Internet-Magazin "Inspire" passen, das die Al-Qaida-Filiale im Jemen produziere.

Bis auf wenige Abweichungen sei die Bombe mit der von "Inspire" beschriebenen Konstruktion identisch. Nach den in dieser Woche von der Bundesanwaltschaft verbreiteten Informationen, fand die Polizei ein mit Ammoniumnitrat gefülltes Metallrohr, um das vier Butangas-Kartuschen gebunden gewesen seien.

Allerdings sah die Behörde zu diesem Zeitpunkt noch keinen ausreichenden Anhaltspunkt für einen terroristischen Hintergrund. Das hat sich inzwischen geändert. Am Freitag übernahm der Generalbundesanwalt die Ermittlungen.

"Auch in Zukunft wachsam sein"

Den Grund nannte zunächst allerdings nur Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD). Die Ermittlungen der Kölner Polizei hätten ergeben, dass die Täter des versuchten Bonner Bombenanschlags mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der islamistischen Szene stammen: "Das schnelle Ergebnis der mit Hochdruck vorangetriebenen Ermittlungen zeigt das entschlossene Vorgehen der Sicherheitsbehörden gegen gefährliche Extremisten."

Deshalb werde die Kölner Polizei den Generalbundesanwalt und das Bundeskriminalamt in vollem Umfang unterstützen.

Er sieht durch die aktuelle Entwicklung die Einschätzung der Sicherheitsbehörden bestätigt, wonach Deutschland und deutsche Einrichtungen im Ausland im Fadenkreuz des islamistischen Terrorismus sind.

"Es war richtig, dass Polizei und Verfassungsschutz bundesweit seit Jahren sorgfältig alle Erkenntnisse über salafistische Gruppierungen zusammengetragen haben. Wir werden auch in Zukunft wachsam sein", sagte Ralf Jäger.

Jugendliche Augenzeugen und unscharfe Aufnahmen

Über mögliche Fahndungsergebnisse der Polizei ist indes noch nichts bekannt. Abgesehen von dem Zeugen am Service Point, bestanden die wichtigsten Informationsquellen der Beamten bislang aus zwei jugendlichen Augenzeugen und unscharfen Aufnahmen einer Überwachungskamera aus einem Schnellrestaurant.

Die beiden Jugendlichen, ein 14 Jahre und ein 13 Jahre alter Junge, hatten ausgesagt, der Mann habe ihnen die blaue Tasche geradewegs vor die Füße geschoben. Später sagte die Ermittler, aus der Tasche hätten Drähte herausgeragt, Kabel und ein Wecker seien sichtbar gewesen. Von einer Glühbirne war da noch nicht die Rede.

Chronologie – Bombenfund in Bonn

10. Dezember: Passanten entdecken gegen 14.00 Uhr eine herrenlose Tasche an einem Gleis. Der Bahnhof wird komplett abgeriegelt, der Zugverkehr ist erheblich gestört. Spezialisten der Bundespolizei beschießen die Tasche mit Wasser und untersuchen die Einzelteile.

Am Abend heißt es, sie habe "potenziell zündfähiges Material" enthalten. Ein Zünder wird zunächst nicht entdeckt. Nach Medienberichten haben Zeugen junge Männer beim Abstellen der Sporttasche beobachtet.

11. Dezember: Ermittler nehmen einen gebürtigen Somalier aus der Islamistenszene fest. Medienberichten zufolge geht den Fahndern in Bonn ein zweiter Verdächtiger ins Netz. Am Abend teilt die Polizei mit, beide Verdächtige seien wieder auf freiem Fuß. Die Suche nach dem mutmaßlichen Haupttäter geht per Phantombild weiter. Er wurde laut Polizei von einem 14 Jahre alten Schüler beschrieben.

12. Dezember: Nach Einschätzung der Ermittler war der Sprengsatz hochgefährlich. Ob die Bombe funktionsfähig gewesen sei, müsse noch geklärt werden, teilt die Generalbundesanwaltschaft mit.

Ausreichende Anhaltspunkte für einen terroristischen Hintergrund gebe es bisher nicht. Die Polizei weitet die Fahndung auf einen zweiten Verdächtigen aus – gesucht werden nun ein dunkel- und ein hellhäutiger Mann.

13. Dezember: Die Bundesregierung warnt vor Überreaktionen. Es gebe keine Hinweise auf erhöhte Terrorgefahr etwa auf Weihnachtsmärkten, betont das Innenministerium. Ein dritter Mann wird als Zeuge gesucht. Er habe Bahnmitarbeitern die herrenlose Tasche gemeldet.

14. Dezember: Der Westdeutsche Rundfunk berichtet, dass die Bombe ferngezündet worden sei. Wegen eines Baufehlers sei sie aber nicht detoniert. Dies sei nur "eine von mehreren Ermittlungsthesen", heißt es bei der Polizei. Sicherheitskreise melden Zweifel an der Theorie einer Fernzündung an. Die Bundesstaatsanwaltschaft übernimmt zudem die Ermittlungen.

Quelle: dpa

Quelle: Reuters
12.12.2012 1:47 min.
Nach dem Fund eines Sprengsatzes auf dem Bonner Hauptbahnhof suchen die Ermittler eine zweite Person. Sie veröffentlichten ein Video aus einer McDonald's-Filiale, auf dem der Verdächtige zu sehen ist.
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