15.12.12

Seehofer gegen Söder

Von Glühwein-befeuerter Posse zum Partei-Drama

Der vorweihnachtliche Rundumschlag von Parteichef Horst Seehofer hat die CSU in eine Krise gestürzt. Kontrahent Markus Söder ist stark wie nie – auch wenn jetzt Waffenstillstand herrschen soll.

Foto: dpa

Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU, l.) mit Ministerpräsident Horst Seehofer im Januar 2012: Damals war ihr Verhältnis noch besser
Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU, l.) mit Ministerpräsident Horst Seehofer im Januar 2012: Damals war ihr Verhältnis noch besser

Die CSU ist in heller Aufregung: Ratlos wälzt sie Probleme, die vor einer Woche noch undenkbar schienen: Kann Markus Söder, der stärkste Mann in der Staatsregierung, noch Minister bleiben - oder verbietet das eigentlich die Selbstachtung?

Muss sich Parteichef Horst Seehofer überwinden und tun, was er noch nie getan hat: sich bei einem Parteifreund öffentlich entschuldigen, weil er ihn in beispielloser Weise gedemütigt hatte? Steht Seehofer gar vor eine Revolte in Kreuth, wie Stoiber sie 2007 erlebte?

Nach sechstägiger Verwirrung herrscht nun zumindest so etwas wie Waffenstillstand zwischen den Kontrahenten. Freitagnachmittag – kurz vor fünf Uhr – meldete die Staatskanzlei in München: "Ministerpräsident Horst Seehofer und Staatsminister Dr. Markus Söder haben sich heute zu einem intensiven Gespräch getroffen. Alle aufgeworfenen Fragen sind ausgeräumt. Beide werden auch in Zukunft für eine gute Entwicklung Bayerns eng zusammenarbeiten. Zu Einzelheiten des Gesprächs wurde Stillschweigen vereinbart."

Konflikt notdürftig zugeschüttet

Ob damit alles wieder gut ist, darf bezweifelt werden. Nichts ist erklärt. Der Konflikt ist notdürftig zugeschüttet. Mit dem vereinbarten Stillschweigen werden sich die Parteifreunde kaum zufriedengeben.

Denn zu sehr hatte ein Ausfall von Horst Seehofer auf seiner traditionellen Weihnachtsfeier für die Münchner Journalisten die Partei in Turbulenzen gestürzt.

Was zunächst aussah wie eine Glühwein-befeuerte Posse, hatte sich zum veritablen Drama entwickelt. Die Partei, die sich fast schon an die sarkastischen Späße ihres Vorsitzenden gewöhnt hatte, war sich einig: "Dieses Mal hat er überzogen."

Aufgekratzter Seehofer watschte Parteifreunde ab

Was war geschehen? Ein aufgekratzter Seehofer war auf der Feier im noblen "Café Reitschule" in München von Tisch zu Tisch gegangen und watschte verbal seine Parteifreunde ab: Karl Theodor zu Guttenberg und Norbert Röttgen nannte er "Glühwürmchen".

Verkehrsminister Ramsauer "Zar Peter". Dessen Staatssekretär Andreas Scheuer empfahl Seehofer ein Politik-Praktikum. Innenminister Hans-Peter Friedrich wurde als zögerlich gescholten, weil er beim NPD-Verbot nicht richtig mitzieht.

Seehofers prominentestes Opfer war jedoch einer, der lange Zeit als sein Favorit galt: Bayerns Finanzminister Markus Söder. "Pathologisch ehrgeizig" sei der, "zu viele Schmutzeleien" gingen auf sein Konto, sagte Seehofer. Zuvor hatte er ausdrücklich betont, dass alles, was an diesem Abend gesagt wird, auch berichtet werden dürfe.

Ob Absicht dahintersteckte, weiß niemand. "Alles ist frei", wiederholte er in freudiger Erinnerung an sein legendäres ZDF-Interview, das ihm viele Sympathien eingebracht hatte. Dieses Mal ging der Schuss aber nach hinten los.

Die CSU als unterwürfiges, "schnurrendes Kätzchen"

Die Irritation über den Auftritt beim CDU-Parteitag, wo Seehofer die CSU als unterwürfiges, "schnurrendes Kätzchen" und nicht als bayerischen Löwen präsentierte, war noch nicht vorüber, da machte er deutlich, wie wenig er von Parteifreunden hält. Er sieht sich als politischer Schachmeister, alle anderen als Halma-Spieler.

Seehofer demonstriert seinen Machtanspruch gerne. Während er nach außen erfolgreich den leutseligen Landesvater gibt, regiert er nach innen mit der Härte des Absolutisten. "Jetzt hat der Letzte gemerkt, dass es jeden treffen kann", sagt ein Kabinettsmitglied.

Seehofer weiß, dass noch keiner neben ihm steht, und will es auch nicht so weit kommen lassen. Und er glaubt, dass der Erfolg ihm recht gibt. Intern geht die CSU davon aus, dass sie gerade bei 49 Prozent auf Landesebene liegt und bei den Bundestagswahlen mit 50 plus x Prozent der Stimmen rechnen könnte.

Die Schlachtordnung ist neu

Vor allem die Landtagsfraktion konnte sich jetzt trotzdem nicht mehr unterordnen. Sie reagierte wie früher, bei Gefahr rückt sie geschlossen zusammen. Nur die Schlachtordnung ist neu. Ein Minister muss gegen den Ministerpräsidenten in Schutz genommen werden.

Söders Haushaltsrede am Donnerstag im Landtag wurde so zur Solidaritätskundgebung für den Minister und zur Protestaktion gegen den abwesenden Seehofer. Der Ministerpräsident war in Berlin, als der Rekordetat von 95 Milliarden ohne Neuverschuldung verabschiedet wurde.

Das sollte für die CSU der krönende Abschluss des Jahres sein, die solide Ausgangsbasis für den Doppelwahlkampf 2013. Diese Inszenierung hatte Seehofer den Abgeordneten nun verdorben.

Szenenapplaus und wortreiche Unterstützung

Der Finanzminister genoss dennoch die Debatte. Es gab für ihn Szenenapplaus und wortreiche Unterstützung: "Ich bin ganz sicher, dass er weiß, dass in ihm die Zukunft liegt", erklärte der CSU-Finanzpolitiker Philipp Graf Lerchenfeld.

"Ich erwarte, dass sich Seehofer entschuldigt", sagte der Abgeordnete Herman Imhof. Ganz so weit kam es nicht. Für Reue oder Entschuldigungsabsichten gibt es keine Anzeichen, auch nicht nach der dürren Erklärung aus der Staatskanzlei.

Lang kann das Gespräch nicht gedauert haben. Seehofer war nach Berlin gereist. Ein Hintergrundgespräch mit Journalisten sagte er dort ab. Um halb zwei stand er noch am Flughafen in Berlin.

Auch Söder hielt sich ruhig. Er sei aber tief verletzt, heißt es. Dabei ist er selbst einer, der austeilen kann. Nur indirekt konterte er Seehofers Attacken. "Haltung zeigen und Pflichten erfüllen. Das ist mein Motto", sagte Söder.

SPD hält Söder für "irreparabel beschädigt"

Die bayerische SPD hält ihn schon für "irreparabel beschädigt". In der CSU glauben dagegen viele, dass Söder gerade so stark wie nie ist. Selbst Kollegen, die noch eine Rechnung mit ihm offen haben – und das sind nicht wenige.

In der Riege der Kronprinzen und -prinzessinnen ist er wieder auf Position eins gerückt – dabei hatte der Parteivorsitzende erst Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner ins Rennen geschickt.

Seehofer und seinen Finanzminister verbindet ein geschäftsmäßiges Verhältnis. Jeder weiß: Der eine ist jetzt die Nummer eins, der andere will es einmal werden. Man rauft sich zusammen und ist auf der Hut. Warum Seehofer aber gerade jetzt Söder so heftig abkanzelte, weiß nur er selbst.

Ein Vorgeschmack des Machtkampfes

Die heftige Reaktion, die er in der Partei aber auslöste, könnte für Seehofer ein Zeichen sein, dass es auch ihm nicht gelingen könnte, den Nachfolger selbst zu bestimmen. Er erlebt gerade einen Vorgeschmack des Machtkampfes.

Eine Revolte will die CSU jetzt aber nicht. Der Selbsterhaltungstrieb ist zu stark. Neun Monate vor den Wahlen schon wieder einen Chef auszutauschen ist zu gefährlich. Deshalb kam auch das Friedensgespräch zustande, rechtzeitig vor dem Jour fixe der Parteispitze am Samstag.

Und am Dienstag will das Kabinett in Söders Heimatstadt Nürnberg tagen, auf der Kaiserburg. Dabei sollen noch ein paar (Wahlkampf-)Geschenke für die Franken aufgetischt werden. Das wollten sich weder Söder noch Seehofer entgehen lassen.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Mit der S-Bahn kommen die Berliner am Wochenende vielerorts nur im Schneckentempo voran
18:09Berliner Nahverkehr
Hälfte aller S-Bahn-Linien am Wochenende eingeschränkt

Auch an diesem Wochenende wird an vielen Berliner Bahnstrecken kräftig gebaut. Besonders betroffen sind die Fahrgäste der S-Bahn. Auf sieben Linien fahren bis Montagfrüh Pendelzüge oder Busse. mehr...


Schon 2012 lockte der „Summer Rave“ viele junge Berliner in die Hangars des stillgelegten Flughafens Tempelhof
18:48Terminvorschau
Das bringt der Tag in Berlin am Sonnabend

Berlin hat jeden Tag Neues zu bieten. Politische Termine, Demonstrationen, Prozesse, Theater, Konzerte. Hier finden Sie eine Auswahl der Berliner Morgenpost für Sonna, den 25. Mai. mehr...


„The Rock“: Wowereit zeigte nicht die geringsten Anzeichen dafür, dass ihn die Fragen vielleicht ermüdeten
19:55Hauptstadtflughafen
Wowereit lässt sich im BER-Ausschuss nicht fassen

Berlins Regierender Bürgermeister musste sich dem BER-Untersuchungsausschusses stellen. Dabei zeigte er sich gelassen - und hatte auf alles ein Antwort. Eine persönliche Verantwortung wies er zurück. mehr...

Typhoon escorts plane into Stansted
18:52Britischer Luftraum
Kampfjet leitet Flugzeug um – Zwei Festnahmen

Dramatischer Zwischenfall in Großbritannien: Ein Kampfjet hat ein pakistanisches Flugzeug mit 297 Menschen an Bord umgeleitet. Zwei Männer wurden wegen Gefährdung des Luftverkehrs festgenommen. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Krawalle Wieder Ausschreitungen in Stockholm
Washington Brücke in USA eingestürzt
Grundsatzrede Obama will strengere Regeln für Drohnenangriffe
Queen of Soul Aretha Franklin braucht eine kleine Auszeit
Die Welt - Aktuelle News
  1. 1. KommentareChampions LeagueHer mit der German Fußlümmelei!
  2. 2. AuslandTerror in London"Unser Herz ist auseinandergerissen worden"
  3. 3. AuslandEurofighterBritische Kampfjets eskortieren Flugzeug aus Pakistan
  4. 4. WirtschaftJeroen DijsselbloemEuro-Gruppen-Chef ärgert wieder einmal Berlin
  5. 5. DeutschlandUnterlassungJetzt will Gregor Gysi Wolfgang Kubicki verklagen
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Finale in London

Das tippen die Berliner Fans von Bayern und BVB

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote