16.12.12

Psychologie

Was Kinderzeichnungen über Familien verraten

Die Malereien der Kleinen durchlaufen verschiedene Phasen, die weltweit etwa gleich sind. Dennoch unterscheiden sich Bilder aus westlichen und solche aus traditionellen Gesellschaften deutlich.

Foto: Getty Images

Jeder ist einzigartig: In deutschen Kinderzeichnungen spiegeln sich unsere gesellschaftlichen Werte
Jeder ist einzigartig: In deutschen Kinderzeichnungen spiegeln sich unsere gesellschaftlichen Werte

Pünktchen, Pünktchen, Komma, Strich – fertig ist das Mondgesicht! Stolz hält mir mein fünfjähriger Sohn ein Blatt vor die Nase: Aus dem Kreis in der Mitte des Bildes starren mich zwei riesige leere Augen an, am viel zu kleinen Bauch hängen zwei sehr lange Strichbeine ohne Füße, und an den Enden der ebenso langen Stricharme kleben zwei dicke Kugeln – die Hände – mit ungefähr jeweils zehn Fingern.

Bis Kinder so zeichnen, dass sich Menschen, Gegenstände oder Tiere daraus erkennen lassen, dauert es eine ganze Weile. Aber schon im ersten Lebensjahr gibt es eine frühe Form des "Gestaltens". Martin Schuster, inzwischen pensionierter Professor am Psychologischen Institut der Universität Köln, nennt sie in seinem Buch "Kinderzeichnungen" die Schmierphase.

Brei, Matsch, Rasierschaum oder Fingerfarbe werden mit Vorliebe überall hin- und herumgeschmiert, zur Freude der Kinder und als Geduldsprobe für die Eltern. Irgendwann um den zwölften Monat herum klappt es mit dem Greifen dann aber so gut, dass die Kinder erstmals Stifte halten lassen: Die Kritzelphase beginnt.

Der Kopffüßler steht am Anfang

Noch ziemlich unkontrolliert malen Kinder dann dicke Striche oder Kreise mit viel Schwung und Spaß daran, etwas auf dem Papier zu hinterlassen. Dabei geht es weniger darum, etwas abzubilden, als darum, Bewegungen selbst zu steuern und sichtbar zu machen. Die Bilder ähneln in etwa denen, die auch Schimpansen malen, wenn man ihnen einen Stift in die Hand drückt.

Mit etwa zweieinhalb Jahren ändern sich zwar nicht die Zeichnungen selbst, aber ihre Wahrnehmung, und Kinder beginnen damit, ihren Bildern einen Sinn zu geben. Ab etwa drei Jahren entstehen die sogenannten Kopffüßler: Aus den bogenförmigen Kritzeln entwickelt sich ein Kreis, aus den gekritzelten Strichen werden Arme und Beine.

Der Bauch fehlt, die Gliedmaßen setzen oft nicht direkt am Körper an, und Auge und Mund können außerhalb des Gesichts liegen. Schuster spricht dabei von der Schemaphase, weil der Kopffüßler ein Grundmodell für Lebewesen aller Art ist.

Bilder werden detailreicher und szenischer

Mit der Zeit werden die Zeichnungen dann immer detailreicher. Der Bauch kommt dazu, Ohren, Wimpern und Haare werden gezeichnet, und jedes Kind entwickelt langsam einen ganz eigenen Stil und eigene Vorlieben dafür, was gemalt wird. Bis zum Zeitpunkt der Einschulung etwa erreichen Kinder dann die Phase der Werkreife, wie viele Experten sie nennen: Sie erzählen mit ihren Bildern Geschichten, und malen dazu kleine Szenen, bei denen die Elemente zueinander in einer Beziehung stehen.

Mit der Entwicklung vom Kopffüßler zur Darstellung von Geschichten beschäftigt sich auch Heidemarie Keller von der Universität in Osnabrück. Die Psychologin interessiert sich dafür, ob Kinder aus verschiedenen Kulturen sich auch in den Phasen des Zeichnens unterscheiden. Zusammen mit ihrem Team ließ die Wissenschaftlerin dazu Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren sich selbst und ihre Familie zeichnen und sah ihnen genau dabei zu.

"Wir analysieren die Zeichnungen anhand von Details, also zum Beispiel Größe in Millimetern, Details an der Figur und am Kopf", sagt sie. Unterschiede könne man bereits im Kritzeln erkennen. So zeigte ein Vergleich kindlicher Zeichnungen aus Deutschland und Kamerun: Während deutsche Kinder eher wenige, aber große Kritzel verwenden, malen die kamerunischen Kinder viele kleine.

Individualismus versus Gemeinschaft

Die Kritzelgestalten selbst aber unterschieden sich nicht – Kinder aus Kamerun durchlaufen also die gleichen Phasen wie Kinder hierzulande, nur der Ausdruck ist ein etwas anderer. Bei den älteren Kindern in der Kopffüßlerphase wiederholte sich dieses Muster: Westlich sozialisierte Kinder malten sich groß und mit einem deutlichen Gesichtsausdruck – oft mit einem lachenden Mund.

Zeichneten sie ihre Familien, bekamen die einzelnen Mitglieder recht individuelle Züge. Sie waren von unterschiedlicher Größe und trugen charakteristische Kleidungsstücke oder Frisuren. Die Kinder aus Kamerun dagegen zeichnen ihre Familien eher als eine Reihe von Figuren, die einander recht ähnlich sahen.

Die einzelnen Familienmitglieder zeigten weniger Details, waren im Schnitt kleiner als die Darstellungen der deutschen Kinder, und hatten keinen so differenzierten Gesichtsausdruck. "Das kann man mit den unterschiedlichen kulturellen Orientierungen in Verbindung bringen," sagt Keller. Ob eine Gesellschaft eher Wert auf Individualität und Autonomie oder eher auf Gemeinschaft und Bindung lege, zeige sich demnach schon in den Zeichnungen der Allerkleinsten.

Wie Kinderzeichnungen Beziehungen ausdrücken

Auch eine andere Studie fand Ergebnisse, die diese Hypothese unterstützen: Kinder mit türkischem Migrationshintergrund, die man ihren Geburtstag fotografieren ließ, machten eher Aufnahmen der Familienmitglieder. Deutsche Kinder ohne Migrationshintergrund dagegen fotografierten mit Vorliebe vor allem eins: ihre Geschenke.

Eltern, die sich die Zeichnungen ihrer Kinder ansehen, interessiert meist aber noch etwas anderes als die Frage, ob ihr Kind so malt wie der Rest des eigenen Kulturkreises: Sie wollen wissen, was die Zeichnungen bedeuten. Das herauszufinden ist leichter, je älter die Kinder sind. Im Grundschulalter überlegen Kinder bereits vor dem Ansetzen des Stiftes genau, was sie zeichnen wollen. Außerdem malen sie bereits perspektivisch.

Wie groß die Menschen auf den Bildern sind und wie genau sie auf dem Blatt angeordnet werden, sagt daher schon einiges darüber aus, wie das Kind die Personen jeweils wahrnimmt. Die Psychotherapeutin schreibt dazu in ihrer Veröffentlichung "Die Darstellung von guten und schlechten Beziehungen auf Kinderzeichnungen", dass Kinder im Grundschulalter Beziehungen zu Personen, die sie mögen, anders darstellen als Beziehungen zu Personen, die sie nicht mögen.

Gramel hatte 500 Zeichnungen von Kindern im Grundschulalter analysiert. Positive Beziehungspersonen zeichneten die Kinder näher an sich selbst als solche, die sie als eher negativ empfanden. Sie lächelten meist und wurden detailreicher dargestellt als andere. Außerdem schien auf diesen Bildern oft die Sonne vom Himmel, und die Kinder verwendeten eher ihre Lieblingsfarben.

Ich nehme mir noch einmal das Blatt meines Sohnes vor: Der Kopf mit den Riesenaugen und den dünnen Strichbeinen – das sollte wohl ich sein. Denn auf dem rechten Arm sitzt noch so ein Wesen, mit großem Kopf und dünnen langen Beinen und Ärmchen. Nur etwas kleiner ist es. Beide Kreaturen sind wahrlich keine Schönheiten – aber sie lachen. Zugegeben: Ich bin erleichtert.

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