12.12.12

Finanzierung

Deutschland gibt mehr Geld für die Bildung aus

Die Regierung erhöht vor allem die Ausgaben für die Geisteswissenschaften. Sogar Institute im Ausland werden von Deutschland mitfinanziert. Im Bereich Forschung investieren aber vor allem Unternehmen.

Foto: dpa

Bundeskanzlerin Angela Merkel am Hörzentrum an der Medizinischen Hochschule Hannover. 2012 sind die Ausgaben von Forschung und Bildung in Deutschland auf 9,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gestiegen
Bundeskanzlerin Angela Merkel am Hörzentrum an der Medizinischen Hochschule Hannover. 2012 sind die Ausgaben von Forschung und Bildung in Deutschland auf 9,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gestiegen

Fast ist es, als könnte man die Schuhcreme noch riechen, die hier einst produziert wurde. Im zweiten Hinterhof der Sophienstraße 22a, wo sich heller Backstein zu einem typischen Berliner Industriebau der Jahrhundertwende türmt, fertigten Arbeiter über Jahrzehnte die berühmte Schuhcreme, auf dessen Logo ein bekrönter Frosch prangt.

Der Grund, warum es hier immer noch nach Chemie riecht, ist jedoch das neue Linoleum auf dem Boden und die frische grüne Farbe an den Wänden. Das Gebäude gehört zur Humboldt-Universität und gerade ist ein neuer, sogenannter Exzellencluster eingezogen.

Geisteswissenschaften haben aufgeholt

"Bild Wissen Gestaltung" nennt sich das interdisziplinäre Projekt, das im Rahmen der Exzellenzinitiative von Bund und Ländern im Sommer ausgewählt wurde. Es tritt den Beweis an, dass es in der Initiative nicht nur um die Naturwissenschaften geht.

In der ersten und zweiten Programmphase lag auf ihnen noch das deutliche Schwergewicht. Mittlerweile nach der dritten Auswahlrunde haben die Geisteswissenschaften aufgeholt. Auch, weil sie sich von ihrem anfänglichen Selbstmitleid frei gemacht haben. Nur wer mitmacht, kann eben auch gewinnen.

190 Millionen Euro zusätzlich

Über die Exzellenzinitiative hinaus erweitert das Bundesforschungsministerium seine Förderung für die Geisteswissenschaften nun noch einmal spürbar. Dafür stellte Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) in den neuen Räumen des Berliner Clusters das "Rahmenprogramm Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften" vor. 190 Millionen Euro fließen in den kommenden fünf Jahren in Projekte aus diesem Bereich.

Ingesamt investiert die Bundesregierung damit 380 Millionen Euro in Geisteswissenschaften. "Es gibt in Deutschland eine große Tradition der Geisteswissenschaften. Das darf man nicht als historisches Relikt betrachten", sagt Schavan. Ziel des Programms sei, die Internationalisierung der Geisteswissenschaften zu fördern und Freiräume zu schaffen, über Länder und Disziplinen hinaus. Deutschland investiert dabei nicht nur Zuhause.

In wichtigen Weltregionen sollen in Kooperation mit den Gastländern bis zu fünf Internationale Kollegs aufgebaut werden. Gedacht wird an Regionen in Asien, Afrika, Süd- und Mittelamerika. Auch sollen Sammlungen in Museen, Archiven und Hochschulen erschlossen werden, die bisher ein eher unbeachtetes Depot-Dasein fristen.

Biologen profitieren von Kunsthistorikern

Wie schließlich die disziplinübergreifende Zusammenarbeit konkret aussehen kann, das beschreibt der Kunsthistoriker Horst Bredekamp anhand eines Beispiels, das auch das Anliegen seines Exzellenzclusters charakterisiert: "Ein Biologe erzählte mir, dass er große Probleme hat die Form, die Bewegungen eines Flusskrebs zu beschreiben."

Den Biologen fehlten schlicht die Worte. Die totale Fokussierung auf die mikroskopische Ebene hat die Naturwissenschaften gewissermaßen sprachlos gemacht, wenn es um die einfache Beschreibung dessen geht, was zu sehen ist.

Die Lösung habe für den Biologen darin bestanden, erzählt Bredekamp, sich daran zu orientierten, wie in der Kunstgeschichte Skulpturen beschrieben werden. "Eine Madonnen-Statue aus dem Museum und ein Flusskrebs haben mehr gemeinsam, als man denkt." 22 Disziplinen sind an "Bild Wissen Gestaltung" beteiligt.

Unternehmen investieren mehr als 50 Milliarden Euro

Bloßer Stichwortgeber der Naturwissenschaften wollen die Geisteswissenschaften aber nicht sein. Auch wenn es ihnen darum geht, etwa durch Lektüre jahrhundertealter Schriften, die heutige Materialforschung an Materialien zu erinnern, die diese einfach vergessen hat, weil es kaum Bewusstsein für das Gewesene gibt. Der Austausch soll auch in die andere Richtung gehen. "Wir haben die Naturwissenschaften eingeladen, nicht umgekehrt," sagt Bredekamp.

Die Summen, die der Bund in die Geisteswissenschaften investiert, exponieren Deutschland mittlerweile international. "Die Kollegen beobachten mit Neid, dass hier in Deutschland die Mittel steigen", sagt Bredekamp. Deutschland hat sich zum Ziel gesetzt – wie auch die Europäische Union – drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Forschung auszugeben.

Dabei werden sowohl öffentliche, als auch private Mittel bilanziert. In beiden Bereichen sind die Ausgaben gestiegen. Die Unternehmen haben 2011 so viel Geld wie nie für Forschung und Entwicklung ausgegeben. Sie investierten laut Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft 50,3 Milliarden Euro und damit 7,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Den größten Anteil daran hat die Autoindustrie. Einschließlich staatlicher Mittel lag der Anteil im vergangenen Jahr bei 2,88 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Des Zehn-Prozent-Ziel ist greifbar

Der Bund schulterte gut ein Viertel der Forschungsgelder. "Wenn wir das 3-Prozent-Ziel erreicht haben, können wir nicht stehen bleiben. Wir müssen uns dann Gedanken machen, ob wie nicht 3,5 Prozent erreichen", sagt Schavan schon heute. Für Bildung haben Bund, Länder und Gemeinden im Jahr 2012 Ausgaben in Höhe von 110,3 Milliarden Euro veranschlagt. Das sind 4,7 Milliarden Euro mehr als für 2011 wie aus dem vom Statistischen Bundesamt vorgelegten Bildungsfinanzbericht hervorgeht.

Der Bericht berücksichtigt auch die Ausgaben von Unternehmen und privaten Haushalten für Bildung, Forschung und Wissenschaft. Danach wurden hierfür im Jahr 2010 vom öffentlichen und vom privaten Bereich insgesamt nach noch vorläufigen Berechnungen 234,5 Milliarden Euro ausgegeben. Das entsprach etwa 9,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Zielmarke von Bund und Ländern sind zehn Prozent.

Deutschland unterstützt Institut in London

Viele europäische Staaten sehen geisteswissenschaftliche Forschung nicht gleichwertig mit der naturwissenschaftlichen. Das zeigten auch die Verhandlungen um den europäischen Finanzrahmen bis 2020. Dort sollte das Budget allein den Naturwissenschaften zugute kommen. Es war Deutschland, das dagegen sein Veto einlegte. Die Neuverhandlungen laufen.

Wie prekär die Situation der Geisteswissenschaften anderswo ist, zeigt das Beispiel des Londoner Warburg Institute. Die Einrichtung, die vor allem aus einer riesigen Bibliothek zur Kunst- und Kulturgeschichte besteht, leidet unter der Mittelkürzung in Großbritannien erheblich. Das führte sogar dazu, dass sein Direktor die London University verklagte, an die es angeschlossen ist.

Auch hier wird das deutsche Rahmenprogramm nun helfen. Die Wege sind zwar etwas verschlungen, aber letztlich führen sie dazu, dass Deutschland eine internationale Forschungskooperation an dem Institut fördert, die Geld mitbringt. Das setzt die Briten unter Druck, zur Gesichtswahrung ihren Teil beizutragen. Die Hilfe aus Deutschland ist übrigens auch ein Beleg für historisches Bewusstsein. Das Warburg Institut war als jüdische Einrichtung 1933 aus Hamburg nach London übersiedelt.

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