12.12.12

Bonn

Bombe so explosiv wie bei Anschlag von Madrid 2004

Wäre der am Bonner Hauptbahnhof gefundene Sprengsatz detoniert, hätte er laut Behördenkreisen eine ähnlich verheerende Wirkung wie der Anschlag von Madrid 2004 gehabt. In Madrid starben 191 Menschen.

Quelle: Reuters
12.12.12 1:47 min.
Nach dem Fund eines Sprengsatzes auf dem Bonner Hauptbahnhof suchen die Ermittler eine zweite Person. Sie veröffentlichten ein Video aus einer McDonald's-Filiale, auf dem der Verdächtige zu sehen ist.

Der Sprengsatz aus dem Bonner Hauptbahnhof war nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft höchst gefährlich. In der Sporttasche habe sich ein mit Ammoniumnitrat gefülltes Metallrohr befunden, sagte der für Terrorismus zuständige Bundesanwalt Rainer Griesbaum in Karlsruhe.

Um das Rohr seien vier Butangaskartuschen befestigt gewesen, und es habe eine Zündvorrichtung mit einem batteriebetriebenen Wecker gegeben. Ein Zünder sei jedoch nicht gefunden worden. Griesbaum ergänzte, der Tathintergrund sei noch unklar. Es könne sich um politisch motivierte oder allgemeine Kriminalität handeln. "Mit einem Wort: Alles ist offen."

Generalbundesanwalt Harald Range sagte, sobald sich zureichende Anhaltspunkte dafür ergäben, werde seine Behörde das Verfahren übernehmen. Bislang befinde man sich aber lediglich in Kontakt mit der Staatsanwaltschaft Bonn.

Terrorismus islamistischer Prägung nicht unterschätzen

Range warnte jedoch davor, den Terrorismus islamistischer Prägung zu unterschätzen. Insbesondere Einzeltäter, die ihre Anschläge ohne direkte Anbindung an eine terroristische Vereinigung planen würden, seien für die Sicherheitsbehörden nur schwer zu erkennen. "Das wissen auch al-Qaida und andere islamistische Terrororganisationen", sagte Rage.

Zu ihrer Strategie gehöre es, durch Propaganda im Internet vor allem junge Männer zu radikalisieren und ihre Bereitschaft für ein Attentat zu wecken. "Die dschihadistische Internetpropaganda steht deshalb besonders im Fokus unseres Interesses", so Range.

Trotz des Vorfalls sieht die Bundesregierung derzeit keine erhöhte Terrorgefahr. "Die Sicherheitslage in Deutschland ist unverändert", betonte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums. Es bestehe weiterhin das lediglich abstrakte Risiko von Anschlägen, weil sich die Bundesrepublik im Fadenkreuz des internationalen Terrorismus befinde. Gleichzeitig versicherte der Sprecher: "Wir nehmen den Vorfall durchaus ernst."

Verheerende Wirkung

Wäre die Bombe tatsächlich detoniert, hätte sie nach Informationen des Onlineportals faz.net eine ähnlich verheerende Wirkung gehabt wie der Anschlag von Madrid 2004. Dabei waren 191 Menschen ums Leben gekommen.

Das Fehlen eines Zünders wird von faz.net unter Hinweis auf die Behördenkreise damit erklärt, dass die Einsatzkräfte die verdächtige Tasche am Montag mit einer Wasserkanone beschossen hätten. Dabei sei der Zünder "in unzählige Teile zerrissen" worden.

Die Ermittler gingen davon aus, dass die Taschenbombe eigentlich nicht im Bonner Hauptbahnhof, sondern vermutlich in einem Zug oder an einem anderen belebten Ort hätte deponiert werden sollen, berichtet faz.net.

Neue Spur durch McDonalds-Kameras

Die Polizei fahndet weiterhin nach einem Unbekannten. Ein 14-Jähriger Schüler soll den Mann beim Ablegen der Tasche gesehen haben. In der Nacht zum Mittwoch veröffentlichte die Polizei ein Phantombild. Laut Polizei handelt es sich um einen dunkelhäutigen Mann im Alter zwischen 30 und 35 Jahren.

Laut Informationen der "Welt" verfolgen die Behörden zudem eine neue Spur: Die Tasche mit dem Sprengsatz soll zuvor ein Mann weißer Hautfarbe beim Besuch eines McDonalds-Fastfood-Restaurants Bahnhof bei sich gehabt haben.

Dies habe die Auswertung von Aufzeichnungen einer Überwachungskamera des Restaurants ergeben. Die Tasche sei dem Mann von einem dunkelhäutigen Mann "entwendet" und zum Gleis getragen worden, hieß es mit Bezug auf Sicherheitskreise. Der Vorgang soll ohne Rangelei abgelaufen sein, berichtet zudem der "General-Anzeiger" in Bonn.

Tasche gestohlen oder gezielte Übergabe?

Nach Informationen der "Welt" sind sich die Ermittler derzeit nicht sicher, ob die Person, die auf den Aufnahmen der Überwachungskamera zu sehen ist, die Tasche gestohlen hat oder ob eine gezielte Übergabe des Sprengsatzes stattfand.

Aufgrund der diffusen Lage wollen die Behörden sogar die Plakate mit dem Phantombild des Schwarzen nicht weiter verteilen. Das berichtet "Spiegel Online". Demnach wolle man vermeiden "später Fahndungen zurücknehmen zu müssen."

Die Ermittler werten derzeit auch die Überwachungskameras am Düsseldorfer Flughafen aus. Wie die "Welt" erfuhr, unterstützen zwei BKA-Beamte die Kollegen des nordrhein-westfälischen LKA bei ihren Ermittlungen.

Zuvor hatten die Behörden zwei zunächst in Gewahrsam genommene Männer wieder freigelassen. Ein erster Tatverdacht habe sich nicht erhärten lassen, teilte die Polizei mit.

Die Männer waren als mutmaßliche Islamisten ins Visier der Ermittler geraten. Allerdings hätten sie nie als Tatverdächtige gegolten, sagte der Bonner Staatsanwalt Robin Faßbender. Sie seien lediglich wegen einer polizeirechtlichen Maßnahme in Gewahrsam genommen worden.

Anwalt – "Sau durchs Dorf getrieben"

Anwalt Mutlu Günal forderte nach der Freilassung eine Erklärung der Polizei. Sein Mandant Omar D. habe mit der Sache absolut nichts zu tun, sagte Günal. "Die Polizei mag mal erklären, woher dieser Tatverdacht kam. Einfach mal einen Unschuldigen festnehmen, das ist nicht so schön."

Es sei wohl einfach mal "eine Sau durchs Dorf getrieben" worden. Ihn selbst habe die Freilassung keineswegs überrascht: "Ich bin fest davon ausgegangen", sagte Günal.

Mehr Aufmerksamkeit für Islamistische Terrorgefahr

Unterdessen meldeten sich Sicherheitsexperten der Union zu Wort. "Ich frage mich, ob nach den Zwischenfällen im Frühjahr in Bonn die Polizei in NRW den Fahndungsdruck auf die Salafistenszene ausreichend erhöht hat", sagte der Innenexperte und Fraktionsvize der Union, Günter Krings, der "Rheinischen Post". Allerdings ging er zum Zeitpunkt seiner Aussage von einem Tatverdacht gegen die beiden bekannten, nun wieder freigelassenen Salafisten aus.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sprach von einem neuen Alarmzeichen. Unabhängig davon, ob die Bombe wirklich scharf gewesen sei, sei die verdächtige Tasche am Montag nicht zufällig auf dem Bonner Hauptbahnhof abgestellt worden, sagte Herrmann der "Passauer Neuen Presse".

Herrmann mahnte, so wichtig und notwendig die Aufarbeitung der NSU-Morde und des Rechtsterrors sei, so wenig dürften die Sicherheitsbemühungen in Hinblick auf islamistischen Terrorismus vernachlässigt werden. "Wir wissen von einer Reihe hochgefährlicher und gewaltbereiter Leute, deren Aufenthalt immer wieder zwischen Deutschland und arabischen Ländern wechselt", sagte er.

Angst, in der Adventszeit etwa Weihnachtsmärkte zu besuchen, müsse aber niemand haben, zumal es keine konkreten Anschlagsdrohungen gebe.

Metallrohr, Wecker, Batterien, Gas und Ammoniumnitrat

Der Bonner Bombenalarm weckt Erinnerungen an zwei fehlgeschlagene Anschläge im Jahr 2006. Damals deponierten zwei Männer auf dem Kölner Hauptbahnhof zwei Kofferbomben in Regionalzügen nach Hamm und Koblenz, die aber nicht explodierten.

Zweieinhalb Jahre später verurteilte das Oberlandesgericht Düsseldorf den 24-jährigen Libanesen Youssef El Hajdib zu lebenslanger Freiheitsstrafe. Der Mittäter Jihad Hamad war zuvor bereits im Libanon zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden.

Quelle: dpa/dapd/ff/AFP/UM/mcz
Quelle: Reuters
11.12.12 1:42 min.
Nach dem Bombenalarm im Bonner Hauptbahnhof hat die Polizei einen der Verdächtigen, den gebürtigen Somalier Omar D., festgenommen und einen weiteren zur Fahndung ausgeschrieben.
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