11.12.12

Zweiter Weltkrieg

Stalingrad-Protokolle – Zeugen eines Weltverbrechens

Der amerikanische Historiker Jochen Hellbeck hat unveröffentlichte Augenzeugenberichte sowjetischer Soldaten gefunden und ins Deutsche übersetzt. Sie korrigieren das Bild der russischen Kriegsführung.

Von Hans Mommsen
Foto: picture alliance / akg images

Tod und Terror im Januar 1943: In der Schlacht um Stalingrad kümmern sich sowjetische Sanitäter um verletzte russische Soldaten
Tod und Terror im Januar 1943: In der Schlacht um Stalingrad kümmern sich sowjetische Sanitäter um verletzte russische Soldaten

Jochen Hellbeck, Assistant Professor an der Rutgers Universität in New Jersey, legt in seinem Buch "Die Stalingrad-Protokolle" eine umfassende Dokumentation der Kampfhandlungen in Stalingrad vom Juni 1942 bis zum 2. Februar 1943 vor. Sie enthält nur einen Bruchteil einer vollständigen Verzeichnung des Kriegsgeschehens, die während und unmittelbar nach dem Ende der Kampfhandlungen von einer sowjetischen Historikerkommission erstellt worden ist. Es handelt sich um eine zeitnah entstandene, unter dem unmittelbaren Eindruck der sich abzeichnenden deutschen Niederlage stehende Schilderung der Kampfhandlungen aus der Sicht der daran Beteiligten.

Hellbeck präsentiert eine repräsentative Auswahl aus den erhalten gebliebenen 215 Zeitzeugenberichten, an die sich eine Reihe von Verhöraufzeichnungen von gefangenen deutschen Offizieren anschließt. Die von Hellbeck ins Deutsche übertragenen Quellen sind in den sowjetischen Archiven erhalten geblieben und lagen bisher nur im Russischen vor. Sie stellen ein einzigartiges und zutiefst eindrucksvolles Zeugnis der militärischen Katastrophe dar, die sich mit der Vernichtung der Sechsten Armee in Stalingrad vollzog, und bilden ein Gegengewicht gegen den von der deutschen Forschung in der Regel in den Vordergrund gestellten "Opfergang" der deutschen Verbände.

Ungebrochener Kampfeswillen

Hellbecks Dokumentation räumt mit dem Vorurteil auf, dass die sowjetischen Verbände nur durch Gewaltmaßnahmen, so durch die Liquidierung einzelner befehlsverweigernder Einheitsführer, aber auch Massenerschießungen von zurückweichenden Truppenteilen, kampffähig blieben und dass dies ein entscheidender Faktor für die bemerkenswert hohe Kampfbereitschaft der sowjetischen Verbände gewesen sei.

Systematische Schulung und politische Indoktrination führten aus seiner Sicht zu einer wirkungsvollen Mobilisierung des Kampfwillens der russischen Soldaten. Ein Hauptwerkzeug dazu bildete die Kommunistische Partei und zunächst das System der politischen Kommissare. Es gelang, die Soldaten mit nationalen Parolen zu erfüllen, die eng mit dem Stalin-Kult einhergingen.

Gefangennahme von General Paulus

Die Eindrücke der Kombattanten, die aus den unterschiedlichsten Ethnien rekrutiert waren, belegen den von der Forschung vielfach betonten Tatbestand, dass die verfügbaren militärischen Ressourcen der deutschen Seite in keiner Weise ausreichten, um gegen den anwachsenden Widerstand der sowjetischen Verbände Stalingrad einzunehmen. Die von den Zeitzeugen überlieferten Berichte sind aufschlussreich, um einzelne Episoden, so die Gefangennahme von Friedrich Paulus am 2. Februar 1943, mit Anschauung zu füllen, aber die militärischen Vorgänge selbst bleiben blass.

Das gilt auch für Jochen Hellbecks vorangestellte mehr als hundert Seiten umfassende Einleitung, die die Materie einzelnen Stichworten zuordnet, ohne eine systematische oder inhaltliche Gliederung erkennen zu lassen.

Die Rolle der Politkommissare

Einen Schwerpunkt bildet die Schilderung der Rolle der Partei und der kommunistischen Kommissare, aber seine Feststellung, der parteipolitische Apparat habe "eine weltanschauliche Geschlossenheit in der Vorstellungswelt von Rotarmisten" erzeugt, lässt sich mit dem von ihm vorgelegten Zeugenschrifttum schwerlich hinreichend belegen. Seine Kritik, die bisher vorliegende Forschungsliteratur habe das Ausmaß der von ihnen nichtgeleugneten Erschießung von eigenen Mannschaften und Offizieren, wenn sie sich den Angriffsbefehlen widersetzten, stark übertrieben, ist sicherlich berechtigt, aber er selbst bringt keine verlässlichen statistischen Belege dafür. Andererseits besteht kein Zweifel, dass die in dem Ringen um Stalingrad eingesetzten sowjetischen Verbände aufopfernd gekämpft und in der Regel die deutschen Gefangenen human behandelt haben.

Wären die sich häufenden Vernichtungsbefehle der deutschen Seite bekannt gewesen, die die vollständige Zerstörung Stalingrads, die Liquidierung oder Deportation der Zivilbevölkerung und unzählige Völkerrechtsverstöße umfassten, wäre der Widerstandswille des russischen Gegners noch weit härter ausgefallen. Die Zeugenberichte vermitteln daher ein erschreckend konkretes Bild der von der deutscher Seite beschlossenen Vernichtungspolitik und der von Adolf Hitler in grenzenloser Überschätzung der militärischen Möglichkeiten von vornherein vorangetriebenen vollständigen Zerstörung des Sowjetstaates mit Stalingrad als Symbol.

Deutsche Fehler

Die militärischen Fehlleistungen der deutschen Führung, die die Niederlage schließlich unabwendbar machten, lagen lange vor der entscheidenden russischen Offensive vom 19. Januar 1942. Die Kette anschließender strategischer Fehlentscheidungen der deutschen Führung führte notwendig zum Untergang der gesamten Armee und damit zur schwersten Niederlage der deutschen Militärgeschichte. Das gilt vor allem auch für die von Adolf Hitler immer wieder abgelehnten Waffenstillstandsangebote der russischen Seite und die klägliche Rolle von Generalfeldmarschall Paulus. Dass zu keinem Zeitpunkt hinreichende Chancen bestanden, eine Niederlage abzuwenden, wird durch die anschaulichen, vielfach bedrückenden Augenzeugenberichte, die Jochen Hellbeck vorlegt, bestätigt.

Hellbeck schildert im einzelnen, wie die Aufzeichnungen durch die selbst ernannte Historikerkommission, die noch während der Kampfhandlungen ihre Arbeit aufnahm, zustande kamen. Er erklärt, dass sie zunächst wegen antisemitischer Vorurteile gegen Isaak Minz, den Hauptpropagator des Verhörprojektes, auf Kritik stießen, aber mit der Zurückdrängung des Stalinkultes ihre ursprüngliche propagandistische Bedeutung einbüßten und dann in Vergessenheit gerieten. Für die deutschen Leser sind die Stalingrad-Protokolle eine bittere Erinnerung daran, dass die verbrecherische Politik des mit Josef Stalin konkurrierenden deutschen Diktators ein Weltverbrechen in Gang setzte, dessen Folgen noch immer präsent sind.

Neue Erkenntnisse

Die vom Jochen Hellbeck vorgelegten Interviews zeichnen sich durch eine zuverlässige Übersetzung aus. Die Absicht des Autors, die Gesamtheit der erhaltenen Text in deutscher Sprache zu edieren, verspricht jedoch kaum neuere Erkenntnisse über den Verlauf der Kampfhandlungen, zumal die militärische Strategie der deutschen Führung von der internationalen Forschung eingehend untersucht worden ist, und ebenso wenig über die Mentalität der sowjetischen Soldaten.

Es steht auf einem andern Blatt, dass die Eitelkeit und Hybris der beiden Diktatoren die normalen Kriterien der Kriegführung außer Kraft gesetzt und der Eskalation des Verbrechens freien Raum gegeben hat.

Foto: akg

Wendepunkt an der Ostfront: Bei der Schlacht um Stalingrad musste die deutsche Wehrmacht Anfang 1943 erstmals eine vernichtende Niederlage im Zweiten Weltkrieg hinnehmen.

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