09.12.12

SPD Niedersachsen

Stephan Weil, der solide Sozi von nebenan

Auf ihn kommt es an in diesem Januar: Der niedersächsische SPD-Spitzenkandidat soll für seine Partei die Macht in Hannover erobern – und Peer Steinbrück eine fundierte Kanzleroption eröffnen.

Von Ulrich Exner
Foto: dapd

Würde nicht vergessen, seinen Wahlhelferinnen einen Glühwein auszugeben: Stephan Weil (l.) mit dem SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück auf dem Weihnachtsmarkt in Hannover
Würde nicht vergessen, seinen Wahlhelferinnen einen Glühwein auszugeben: Stephan Weil (l.) mit dem SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück auf dem Weihnachtsmarkt in Hannover

Er ist der Schattenmann an diesem Wochenende in Hannover. Weicht nicht von der Seite des Kanzlerkandidaten. Nicht beim Weihnachtsmarktbummel am Sonnabend, nicht im Straßenwahlkampf auf Hannovers zentralem Platz, dem Kröpcke. Erst recht nicht beim Parteitagseinmarsch am Sonntagmorgen auf dem Messegelände. Stephan Weil, der Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Niedersachsen am 20.Januar, braucht jetzt Blitzlicht und Kameras. Popularität. Ermutigung. Es kommt ja auf ihn an in diesem Januar.

Die Rechnung, die sie im SPD-Parteivorstand aufgemacht haben, ist einfach. Fällt Niedersachsen bei der Landtagswahl am 20.Januar an die SPD, dann gäbe es nicht nur im Bundesrat eine echte Blockademehrheit. Dann hätte auch Peer Steinbrück im Bund eine fundierte Kanzleroption, nicht nur eine theoretische. Anders herum: Gelingt es den Genossen nicht, den beim Volk beliebten David McAllister aus Hannovers Staatskanzlei zu verdrängen, dann hätte die Union nicht mehr nur den Kanzlerinnenbonus, dann hätte sie auch noch das "Momentum". Den kleinen Kick, den jeder braucht, wenn eine Sache wirklich gelingen soll.

Also legt Weil sich richtig ins Zeug als zweiter Grußredner nach Hannelore Kraft, vor Sigmar Gabriel. Er hält sich nicht lange auf beim niedersächsischen Kleinklein, das ohnehin niemanden vom Hocker reißen würde auf einer Kanzlerkandidatenkrönungsmesse. Er lehnt sich stattdessen gleich über den Kanzlertresen, attestiert Angela Merkel in Anlehnung an deren gegenteiliges Diktum, "die schlechteste Bundesregierung" zu führen, "die dieses Land jemals hatte". Niedersachsens Genossen würden sich deshalb "zerreißen" für Peer Steinbrück. Für einen flächendeckenden Mindestlohn. Für bezahlbaren Strom, gegen das Betreuungsgeld. So weit, so erwartbar.

Bodenständig durch und durch

Seit fast einem Jahr ist Weil Spitzenkandidat in Niedersachsen. Kilometer um Kilometer ist er durch die Lande gezogen, um sich einigermaßen bekannt zu machen in Deutschlands zweitgrößtem Flächenland. Er hat ein neunköpfiges Schattenkabinett nominiert und zum späten Schluss mit Doris Schröder-Köpf als potenzieller Integrationsbeauftragter auch noch die Promi-Karte gezogen. Aber so richtig durchgedrungen ist er mit seiner Kandidatur noch nicht bei den Menschen.

Hannovers Oberbürgermeister ist bodenständig durch und durch. Er geht gern ins Stadion, trinkt bevorzugt Bier. Man kann klasse mit ihm Fußball spielen. Er vergisst auch nicht, seinen Wahlhelferinnen auf dem Weihnachtsmarkt einen Glühwein auszugeben. Man wird vermutlich nie ein Problem mit ihm bekommen, und wenn er sich am Schluss seiner Rede einigermaßen überraschend auf Steve Jobs beruft und ankündigt, er habe da noch "one more thing" – dann muss niemand bei der SPD etwas grundlegend Neues fürchten.

Weils "one more thing" ist die Tradition. Der Stolz auf die Mitgliedschaft in seiner bald 150-jährigen SPD, auf August Bebel und Kurt Schumacher, den Nachkriegsparteichef aus Hannover. Der Stolz auf Helmut Schmidt und auch auf Gerhard Schröder, der große Stücke hält auf Stephan Weil. Auf den netten, soliden, zuverlässigen Obersozi von nebenan.

Die spröde Berechenbarkeit ist ein Problem. Weil, der zehn Jahre Kämmerer war in Hannover, fehlt ein eigenes, ein originäres Thema. Und der SPD deshalb die letzte Sicherheit. Gelingt es FDP, Linker oder Piraten bis zum Januar doch noch, in Reichweite der Fünfprozenthürde zu kommen, könnte sich die rot-grüne Mehrheit, mit der jetzt alle rechnen im Landtag, doch noch in Luft auflösen. Das wäre ein echter Stimmungskiller, nicht nur für die Niedersachsen-SPD.

Am Ende seines Grußworts erhebt sich der Parteitag, es gibt großen Applaus, aber dann setzen sich die Genossen schnell wieder. Stephan Weil ist ja nicht die Hauptperson an diesem Adventssonntag in Hannover. Aber es wird auf ihn ankommen.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Anschlag in Ottawa "Kanada wird sich niemals einschüchtern lasse…
Es wird kalt Plötzlich Winter - erster Schnee in Deutschland
Tarifstreit Bahn verhandelt mit EVG statt GDL
Anschlag in Kanada Video zeigt Schießerei zwischen Polizei und Täter
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Großbritannien

Ein Hauch von Bauch – Auftritt von schwangerer…

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote