10.12.12

Linken-Politikerin

Als Petra Pau plötzlich ihre Stimme verlor

Vor zweieinhalb Jahren verstummte Petra Pau, Vizepräsidentin des Bundestages, mitten in einer Rede. Monatelang kämpfte die Linken-Frau um ihre Stimme. Und bekam ausgerechnet von einem CSU-Mann Hilfe.

Von Miriam Hollstein
Foto: picture alliance / dpa

Linken-Politikerin Petra Pau ist Vizepräsidentin des Bundestags
Linken-Politikerin Petra Pau ist Vizepräsidentin des Bundestags

In der Mensa der Peter-Pan-Grundschule im Ost-Berliner Bezirk Marzahn steht Petra Pau vor hundert Kindern. Der Direktor hat sie als "ganz wichtige Politikerin in Deutschland" vorgestellt. Pau, die zur beigefarbenen Hose ein Hemd und Sportschuhe trägt, lächelt ohne jede Aura von Wichtigkeit. Dann liest sie aus dem Buch "Tom der THW-Helfer" vor.

Vorlesetage sind dankbare Pflichttermine für Spitzenpolitiker. Man geht in eine Kita oder eine Schule, lässt sich fotografieren. Doch bei Petra Pau ist alles anders. Dass die Linken-Politikern hier steht, grenzt an ein kleines Wunder. Davon zeugt das kleine hautfarbene Mikro an ihrem Mund, von dem aus ein Kabel am Rücken entlang zu einem Verstärker am Hosenbund führt. Ohne diesen würde Paus Stimme bei diesem Termin im November nicht den Saal füllen, sondern zwischen den ersten Reihen hängenbleiben.

Selbst mit Mikrofon klingt es manchmal, als ob die Töne über ein Reibeisen rutschen müssten, bevor sie nach draußen fänden. "Sind Sie angeschlagen?", hatte der Schulrektor bei der Vorbesprechung gefragt. "Ich bin vor zwei Jahren an der Stimme erkrankt", antwortete Pau kurz und nüchtern. Keine Details.

Von Anfang an in Sprechberufen tätig

Es passierte am 5.Mai 2010, kurz nach 14 Uhr. Pau hatte in ihrer Eigenschaft als Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags gerade damit begonnen, die Konstituierende Sitzung einer Enquête-Kommission zum Internet zu leiten. "Plötzlich war die Stimme weg, vor laufenden Kameras", erzählt sie später in ihrem Wahlkreisbüro.

Petra Pau hat lange gezögert, sich mit der Reporterin zu treffen. Eigentlich will sie über ihre Krankheit nicht sprechen. Das Video von damals dokumentiert einen fünfminütigen Kampf. Anfangs hüstelt Pau nur irritiert, dann wird ihre Stimme immer rauer und gepresster. Ganz weg blieb sie zum Glück nie, und Pau überspielt das Drama mit großer Professionalität. Aber am Ende, als sie an den neuen Enquête-Vorsitzenden übergeben hat, sieht man sekundenlang die Fassungslosigkeit in ihrem Gesicht.

Nie hatte sie zuvor Probleme mit ihrer Stimme. Im Gegenteil: "Ich habe immer eine schöne Altstimme gehabt", sagt Pau. Die logopädische Schulung, die sie im Rahmen ihrer Ausbildung zur Deutsch- und Kunstlehrerin absolvieren musste, konnte sie abkürzen.

Im Bundestag taten Pau immer jenen Kolleginnen leid, die besonders zarte Stimmen hatten. Sie selbst war von Anfang an in Sprechberufen tätig. Erst als Lehrerin, dann als Politikerin.

Ein Jahr blieb sie nahezu stumm

Nach der Wende wurde die gebürtige Ost-Berlinerin PDS-Vorsitzende in Berlin, später Vizechefin der PDS-Bundespartei. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde die zierliche Politikerin mit dem roten Igelhaarschnitt (Spitzname: "Pumuckl") 2002 bekannt, als die PDS an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte und nur Pau sowie Gesine Lötzsch als Direktkandidatinnen in den Bundestag einzogen.

2006 wurde Pau zur Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags gewählt, nachdem die Abgeordneten den Linken-Kandidaten Lothar Bisky vier Mal hatten durchfallen lassen. Jede Fraktion hat Anrecht auf einen Stellvertreterposten. Pau schaffte es im ersten Wahlgang mit 385 Stimmen. Ab da leitete sie regelmäßig Sitzungen.

Bis zu jenem Maitag. Sie hat danach noch ein paar Versuche unternommen. Es endete im Krächzen. Der erste Arzt diagnostizierte eine Nervenerkrankung, bei der die Sprachmuskulatur verkrampft. Helfen konnte er nicht. Ein Jahr blieb Petra Pau nahezu stumm.

Präsidium war die größte Stütze

Eduard Oswald steht nicht im Verdacht, der Linken nahe zu stehen. Der 65-jährige Augsburger ist seit fast 50 Jahren Mitglied der CSU, für die er seit 1987 im Bundestag sitzt. Als er im März 2011 Vizepräsident des Deutschen Bundestags wurde, war Pau schon erkrankt.

Oswald mag die direkte Art. Deshalb hat er Pau einfach angesprochen, sich erklären lassen, was die Ursache war. "Frau Pau war da sehr diskret", sagt Oswald. Von da ab hat er, der CSU-Mann, versucht, die linke Präsidiumskollegin zu unterstützen. Er hat darauf geachtet, dass bei ihren Reden ein Glas Wasser neben ihr stand. Und wenn er sah, dass es mit der Stimme schwierig wurde, hat er angeboten, sie abzulösen.

Wenn Pau heute erzählt, wer ihr im Bundestag durch die schwierige erste Zeit geholfen hat, dann fällt ihr als erstes der Name Oswald ein. Dem ist das Lob fast unangenehm. "In einem solchen Fall spielen politische Einstellungen keine Rolle für mich", sagt er. "Da ist es selbstverständlich zu helfen." Er hätte dies auch für jeden anderen Kollegen getan, betont Oswald: "Es muss in einer Demokratie über alle Meinungsverschiedenheiten hinweg doch auch immer ein menschliches Miteinander geben."

Eduard Oswald sagt, er habe immer bewundert, mit welcher Energie Petra Pau gegen "ihre Beeinträchtigung" angekämpft habe: "Sie hat sich nicht entmutigen lassen". Nie sei im Präsidium darüber diskutiert worden, ob eine stimmlich eingeschränkte Vizepräsidentin noch tragbar ist, erzählt Oswald.

Das Präsidium sei "die größte Stütze" gewesen, sagt Pau. Sie selbst hat sich manchmal gefragt, wie lange sie es den anderen zumuten kann, ihre Termine mit zu übernehmen. Auch die Kollegen im NSU-Untersuchungsausschuss, in dem sie sitzt, halfen: "Die reagierten auf jede Stimmschwankung mitfühlend." Da wurde schon mal kurzfristig die Rede-Reihenfolge verändert, damit Pau ihre Stimme noch einen Moment schonen konnte.

Manchmal las ihre Mitarbeiterin die Reden vor

Und wie hat die eigene Fraktion reagiert? Da schweigt die 49-Jährige einen Moment. Dann sagt sie, der Vorstand und die meisten Fraktionskollegen hätten sich "solidarisch" verhalten. Einer ihrer politischen Weggefährten wird deutlicher: "Aus dem gegnerischen Lager hätten sich sicher einige gefreut, wenn Petra dauerhaft verstummt wäre."

Er ist überzeugt, dass der Stimmverlust auch etwas mit den Auseinandersetzungen in der Fraktion zu tun hatte. Kurz zuvor hatte der Streit zwischen dem Oskar Lafontaine und dem ehemaligen Linken-Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch einen Höhepunkt erreicht. Hinter den Kulissen tobte der Krieg zwischen beiden Lagern. Wer nicht Freund war, war Feind und wurde unerbittlich bekämpft.

Sich ausgerechnet in diesen für die Partei schwierigen Zeiten buchstäblich nicht zu Wort melden zu können, war für Petra Pau bitter. Oder als in Teilen der Linken Antisemitismus salonfähig zu werden schien. Viel hätte Pau, die sich seit Jahren für die deutsch-israelische Zusammenarbeit einsetzt und im Frühjahr 2008 den Bundestag auf einer Antisemitismuskonferenz in Jerusalem als Rednerin vertrat, ihren Genossen zu sagen gehabt. Aber auch nach außen hin war sie zwangsläufig verstummt. "Es gibt ja noch die scharfe Waffe der Pressemitteilung", sagt sie ironisch und muss selbst dabei grinsen.

Nur in ihrem Wahlkreis, im Ost-Berliner Außenbezirk Marzahn-Hellersdorf, da ging es auch ohne Stimme. Sie ist einfach trotzdem zu den Veranstaltungen gegangen. Manchmal hat ihre engste Mitarbeiterin ihre Reden vorgelesen.

Hunderte besorgter Anfragen

Dass ausgerechnet Pau, für viele trotz SED-Vergangenheit noch die "Stimme der Vernunft" in der Linken, plötzlich schwieg, blieb nicht unbemerkt. Hunderte besorgter Anfragen erreichten die Linken-Politikerin. Ob sie ruhig gestellt worden sei, wollten einige wissen.

Ein einziges Mal hat sie sich ganz kurz in einem Interview zu ihrer Krankheit geäußert. Danach nicht mehr. Sie wollte kein Mitleid. In ihrem Wohnhaus erzählten die Nachbarn dem Postboten, die Pau sei wohl "hochnäsig" geworden, sie rede ja nicht mit mehr einem. Das hat die Politikerin, die immer bodenständig bleiben wollte, getroffen.

Die Stimme ist für Spitzenpolitiker ein Werkzeug der Macht. Wenn es damit Probleme gibt, wird das sofort bemerkt. Frauen haben es dabei oft schwerer als Männer.

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen hat sich angewöhnt, leiser zu werden, wenn sie sich aufregt, um die Stimme vor dem Überschnappen zu bewahren. Familienministerin Kristina Schröder hat ein intensives Medientraining absolviert, um bei ihren öffentlichen Auftritten bestehen zu können. Heide Simonis, die ehemalige Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, hat jahrelang Gesangsunterricht genommen, um ihre Stimme besser unter Kontrolle zu halten. Wer dauerhaft keine Stimme hat, der ist politisch so gut wie erledigt.

Die Krankheit war eine bittere Lehre

Petra Pau hat sich ihre mühsam zurückerobert. Nachdem die verschiedenen ärztlichen Diagnosen nicht weiterhalfen, bekam sie den Hinweis auf ein Sprachtherapiezentrum in Bad Rappenau. Vier Wochen lang war sie dort zur Reha, gemeinsam mit Pfarrern, Lehrern und Callcenter-Mitarbeitern, die alle nicht mehr sprechen konnten. "Da merkt man, dass man mit dem Problem nicht allein auf der Welt ist."

Danach war es besser, gut aber noch nicht. In Berlin hat sie eine Logopädin gefunden, bei der sie zweimal pro Woche Atem- und Stimmübungen macht. Seit Anfang 2012 leitet Pau wieder regelmäßig Sitzungen des Bundestags. Das Headset hilft ihr dabei. Die Mitarbeiter der Bundestagsverwaltung waren auf die Idee gekommen. Auch so ein Fall von kollegialer Amtshilfe.

"Ich bin wieder da", sagt Pau selbstbewusst. Im Untersuchungsausschuss kümmert sie sich um die parlamentarische Aufarbeitung der NSU-Morde. Die Bekämpfung von Rechtsextremismus ist einer ihrer Schwerpunktthemen. Das NPD-Verbotsverfahren sieht sie kritisch: "Die Gefahr, dass das Verfahren scheitert und zur Werbeveranstaltung für die NPD wird, ist groß."

Am Ende des Gesprächs sagt Pau, dass sie jetzt mehr auf sich achte. Da guckt ihre Mitarbeiterin skeptisch. Aber dann sagt auch sie, die Chefin gehe jetzt nicht mehr wie früher zu jedem Basisgruppentreffen. Sondern auch mal schwimmen und joggen, um sich und ihrer Stimme kleine Atempausen im termingefüllten Alltag zu schaffen. Die Krankheit war eine bittere Lehre: "Man kann in der Politik alles sein, nur nicht sprachlos."

Dass ihre Stimme vermisst wird, durfte Pau häufiger erleben. Etwa, als sie neulich zum Antisemitismusbericht im Bundestag sprach, kam hinterher ein Mitglied der jüdischen Gemeinde zu ihr und sagte: "Wir brauchen dich. Schön, dass es dich gibt."

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