07.12.12

Designkritik

Welcher Golf gelungen ist - und welcher nicht

Eine Ausstellung in Berlin zeigt, mit welchen Gestaltungstricks der VW Golf zum Bestseller wurde. Designprofessor Paolo Tumminelli bewertet in der "Welt" die sieben Generationen Golf.

Von Thomas Imhof
Foto: Stefan Anker

Der Golf I, 3,71 Meter kurz, ist der Klassiker von 1974. Giorgetto Giugiaro schuf ihn und ging wie das Auto in die Design-Geschichte ein. Ein Merkmal der ersten Generation, das bis heute erhalten blieb, ist die ausgesprochen breite hintere Dachsäule (C-Säule).

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Bislang 29 Millionen Golf sind seit 1974 auf die Straßen der Welt gerollt – für den Autor Florian Illies schon vor zwölf Jahren ein Grund, der "Generation Golf" literarisch nachzuspüren. Die siebte Generation ist seit drei Wochen im Handel, jetzt zeigt der Hersteller der Erfolgsgeschichte im Volkswagen Automobil Forum Unter den Linden in Berlin die Ausstellung "Generationen Golf", die dem erfolgreichsten Auto Europas gewidmet ist.

Damit stellt erstmals eine Ausstellung die 38-jährige Erfolgsgeschichte des unverwechselbaren Golf-Designs in ihren Mittelpunkt. Gezeigt werden unveröffentlichte Skizzen, Texte und Videos, die dokumentieren, wie es den Mitarbeitern gelang, eine eigene Golf-DNA und damit eines der erfolgreichsten Automobildesigns der Welt zu entwickeln.

Der Golf I passte in die Zeit

Paolo Tumminelli, Professor für Designkonzepte an der International School of Design in Köln, war neun Jahre alt, als der von seinem Landsmann Giorgetto Giugiaro gezeichnete Golf I 1974 das Licht der Autowelt erblickte. Das Jahr fiel zusammen mit der ersten Ölkrise, da passte ein 3815 Millimeter langes Kompaktauto bestens in die Zeit.

Obwohl Giugiaro einige Kompromisse hinnehmen musste: Das Platzangebot war weitaus knapper als beim auch von ihm konzipierten Alfasud, aus Kostengründen forderte Volkswagen runde statt eckige Scheinwerfer, und die Frontscheibe stand steiler, damit der Golf die US-Sicherheitsgesetze erfüllte.

Der Golf II verlor die Leichtigkeit

Dennoch schrieb der Golf I Designgeschichte. "Die keilförmige Motorhaube betonte die Modernität und war ein sehr deutsches Symbol für Robustheit und Solidität. Dazu kam eine Heckklappe, die als dreidimensional modellierte, eingefasste Scheibe den Eindruck eines soliden Metallteils vermittelte", sagt Tumminelli.

Das stärkste Zeichen setzte Giugiaro aber mit der breiten C-Säule. "Das war gegen den Trend – denn Mitte der 70er-Jahre wollten alle möglichst große Glasflächen." Zugleich finden sich am Ur-Golf durchaus Kurven und Wölbungen: "Das Auto floss nach unten." Obendrein ließ Giorgetto Giugiaro bei allem Bauhaus-Design doch noch ein wenig Italo-Esprit einfließen.

Als der Golf II 1983 kam, war Giugiaro nicht mehr im Spiel. Sein Vorschlag wurde abgelehnt und tauchte als Seat Ibiza in Spanien auf. Gegen die Formensprache des Italo-Iberers wirkte der zweite Golf fast wie eine Trutzburg. Dank des erstmaligen Einsatzes von Industrierobotern stimmten wenigstens diesmal die Qualität und Rostvorsorge. Bundesweit sind heute immer noch unglaubliche 450.000 Golf II zugelassen.

Bei vielen Designern herrschte dennoch eine gewisse Ernüchterung: "Wie konnte man den Golf so verunstalten", beklagt Tumminelli. "Er nahm zwar die wichtigsten Elemente des Vorgängers wieder auf, opferte aber die Leichtigkeit und Frische des Vorgängers einem pseudo-barocken Landhausstil."

Der Golf III wirkte schmalbrüstig

Am Ende ist der Golf II für ihn kaum mehr als "ein aufgeblasener, nun auch aerodynamisch günstigerer Golf, aber klobig zu fahren." Bei Volkswagen billigt man dem Golf II dagegen große Verdienste zu. Mit ihm sei erst die DNA, der Erfolgs-Code der Generation Golf, entstanden.

Sprung ins Jahr 1991. Der dritte, erneut unter Leitung von Herbert Schäfer gestylte Golf gab sich vor allem im Gesicht frisch. Mit mandelförmigen und unter einem gemeinsamen Deckglas sitzenden Leuchteinheiten. Und einem deutlich schmaleren Grill. Aus Designer-Sicht negativ wirkten die 13 Zoll-Reifen der Basis-Versionen.

Sie ließen den Golf III schmalbrüstig wirken. Nur mit 14-Zöllern und schwarzen Radumläufen stand er gut auf der Straße. "Die Japaner haben in den 90ern auch VW gezwungen, die Autos runder und integraler zu gestalten", sagt Tumminelli. Folge: Der Golf bekam erstmals lackierte und integrierte Stoßfänger. Das Auto wirkte mehr aus einem Guss.

Der Golf IV hat ein Design-Highlight

Der Golf IV von 1997 sieht auch heute noch zeitlos frisch aus. Die Scheinwerfer und Blinker saßen nun unter Klarglas, die Fugen waren eng, die Frontscheibe flacher, das Heck steiler und das Dach noch gestreckter. "Es gab kein einziges überflüssiges und wie nachträglich angeschweißt wirkendes Teil", schwärmt Tumminelli.

Bis heute ein Design-Highlight sind die parallel laufenden Karosseriefugen der C-Säule und des hinteren Türausschnitts – das beim Golf VII neu entdeckte "gepfeilte C". "Der Wagen bestach durch ein Finish, das wir heute als Audi-Stil bezeichnen würden", sagt Paolo Tumminelli.

Der Golf V quoll auf wie ein Brötchen

Welcher Kontrast bot dazu im Oktober 2003 der Golf V. Ein Produkt der Ära Bernd Pischetsrieder (Vorstandsvorsitzender) und Murat Günak (Designchef). Es war die Zeit, in der VW-Scheinwerfern und -Rückleuchten Tränensäcke wuchsen und die Plakettengrills mit fettem Chrom überzogen wurden.

"Der Golf quoll auf wie ein Brötchen, es gab keinen Anfang und kein Ende mehr, das Auge suchte vergeblich nach Linien zum Festhalten", kritisiert Tumminelli. Es haperte in Details: Die Haube folgte – wie bei einem Sportwagen – der Kontur der bis in die Kotflügel gezogenen Scheinwerfer.

Doch die Lampen wirkten schlecht eingefasst, das Gesicht verlor an Wiedererkennungswert. Reizthemen waren auch die mausgraue untere Hälfte des Heckstoßfängers und die erstmals zweigeteilten Rückleuchten. "Sie waren schwülstig und wirkten für einen VW zu beliebig."

Der Golf VI bot nur Kosmetik, aber gute

Schadensbegrenzung war angesagt – sie kam nach nur fünf Jahren in Gestalt des Golf VI. Streng genommen war er nur ein Golf 5,5, denn unter der Haut blieb alles gleich. Der neue, von Audi gekommene Chefdesigner Walter de Silva machte mit seinem Team das Beste aus der Situation.

"Die Scheinwerfer und Rückleuchten wirkten jetzt rechteckiger, es gab wieder eine Art Grill und eine Linie, die sich von vorne nach hinten zog", lobt Tumminelli seinen ehemaligen Doktorvater. "Es war zwar nur Kosmetik, aber einer der seltenen Fälle, in denen ein Facelift tatsächlich besser aussah als das Original."

Mit dem neuen Golf VII haben sich die Proportionen komplett verändert. Durch den neuen modularen Querbaukasten wanderten die Vorderräder 43 Millimeter weiter nach vorn. "Die Kabine bewegt sich visuell nach hinten", sagt VW-Markendesignchef Klaus Bischoff.

Der Golf VII ist ein Designer-Golf

Tumminellis Urteil fällt ambivalent aus. "Das ist ein Designer-Golf. Ästhetisch perfekt, mit großer Qualität und Harmonie zwischen Bug und Heck. Man sieht, wie man versucht hat, ihn sportlich zu machen. Die Proportionen zwischen Seiten und Dach haben sich geändert. Leider mit dem Ergebnis, dass die Rundumsicht aufgrund der kleineren Glasfläche um die Hälfte geschrumpft ist. Das sind Dinge, die man eigentlich nicht haben möchte."

Intelligent gelöst ist für ihn die flache und sportliche Front. "Dabei ist er der erste Golf, bei dem die Kotflügel höher sind als der Mittelteil der Haube – als Folge neuer Fußgängerschutz-Gesetze." Aber auch er wird sicher wieder ein Bestseller.

Generationen Golf. 7. Dezember 2012 bis 20. Januar 2013, VW Automobil Forum Unter den Linden, Unter den Linden 21, täglich 10.00 – 20.00 Uhr, Eintritt frei.

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    Golf VII

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