02.12.12

SPD-Kanzlerkandidat

Steinbrück, Siesta und "Sekundendepression"

Peer Steinbrück spricht im Berliner Ensemble offen über den schweren Start als SPD-Kanzlerkandidat. Eine "neue Erzählung Europas" bleibt er bis auf Kritik an den "Kleinststaaten" im Bündnis schuldig.

Von Daniel Friedrich Sturm
Foto: dapd

Die Diskussion um siene Nebeneinkünfte hätten ihn in die „Sekundendepression“ getrieben, bekennt Peer Steinbrück
Die Diskussion um siene Nebeneinkünfte hätten ihn in die "Sekundendepression" getrieben, bekennt Peer Steinbrück

Es ist ein Heimspiel zwischen Bert Brecht und William Shakespeare, einige Stunden nach der Kleinbürgerhochzeit und kurz vor den Sonetten. Peer Steinbrück ist am Sonntagvormittag zu Gast im Berliner Ensemble, auf Einladung des Magazins "Cicero". Der SPD-Kanzlerkandidat will eine Woche vor seiner offiziellen Nominierung "Europa neu erklären".

Dieser Versuch, soviel sei vorab gesagt, kommt in etwa so verstaubt daher, wie Brecht in seinem einstigen Haustheater heute noch inszeniert wird. Das Publikum aber ist angetan vom Hauptdarsteller dieser Matinee.

Ein grünes Sakko trägt Steinbrück, interviewt wird er von dem Schweizer Publizisten Frank A. Meyer und "Cicero"-Chefredakteur Christoph Schwennicke. Die entlocken ihm die eine oder andere neue Bemerkung; etwa den Hinweis, die mühsame Diskussion um seine sogenannten Nebeneinkünfte habe ihn schon einmal in eine "Sekundendepression" beschert.

Schach, Siesta, Fernsehabend

Diese Bemerkung ist für Steinbrücks Verhältnisse Seelen-Striptease. Um es damit nicht zu übertreiben, teilt er dem ihm gewogenen Publikum zuvor mit, er habe einen "Ladestock" in seinem Kreuz. Während Steinbrück das verkündet, richtet er sich auf.

Mit freundlichem Applaus von einem fast vollen Haus begrüßt, hat Steinbrück die Zuschauer auf seiner Seite. Wie es denn so sei als Kanzlerkandidat, lautet die erste Frage. Der Gast lehnt sich zurück und eröffnet das Gespräch mit der ihm eigenen Ironie. In einer "richtig entspannten Situation" befinde er sich, und dann schildert er seinen Tagesablauf.

"Aufstehen um Neun, halb Zehn, einige Schachpartien", erfreut sich Steinbrück an Steinbrück, dann werde er zum Golf eingeladen, was – so viele sozialdemokratische Parteiraison muss sein – "ich aber nicht kann". Dann: "Zwei Stunden Siesta, am Nachmittag zwei Stunden Arbeit und abends sehe ich fern."

Kritik an Banken kommt gut an

Die vermeintlich neue Erzählung Europas bleibt Steinbrück schuldig. Vom Zivilisationsprojekt Europa spricht er, von Presse- und Meinungsfreiheit, er beschwört die Trennung von Staat und Kirche, und dass "wir seit über 60 Jahren in einem privilegierten Ausnahmezustand leben".

Beifall bekommt er für dieses ein wenig aufklärerisch überarbeitete Mantra Helmut Kohls. Wie sehr Steinbrück inzwischen selbst am Anspruch an diese "neue Erzählung" zweifelt, offenbart er ebenso. Seinen Kindern könne er mit den beiden Weltkriegen Europa nicht mehr erklären.

Ein Volk guter Nachbarn wolle Deutschland sein, sagt ausgerechnet Steinbrück, ausgerechnet auf die Frage eines Schweizers. Mehrfach kommt der Kandidat von sich aus auf die "Kavallerie" zu sprechen, mit der er bildhaft die Haltung der Schweizer Banken ändern wollte. Das kommt an in jenem Haus, das die Gründung einer Bank für das größere Verbrechen hält als deren Plünderung.

Nur einmal widerspricht das Publikum dem Gast

Auf welch dünnem Eis sich ein Kanzler Steinbrück bewegen würde, offenbart er in einer Nebenbemerkung: Von den "Kleinststaaten" in Europa "halte ich nicht viel". Mancher Staat sei "so klein wie die kleineren deutschen Bundesländer".

Müssen Estland und Slowenien künftig um ihre Unabhängigkeit fürchten? Kurz darauf beklagt Steinbrück: "Europa hat kein Beitrittskonzept, kein Konzept für eine Außen- und Sicherheitspolitik, keines zum Umgang mit Russland." Wie solche Konzepte aussehen müssen? Kein Kommentar.

Nur einmal, da widerspricht das Publikum dem Gast. "Oooh-Rufe" ertönen, als Steinbrück der Kanzlerin "wenig Kontur" vorwirft. Angela Merkel ist auch hier populär. Was bloß habe die Frau, was er nicht habe, will der Moderator am Ende von ihm wissen. Steinbrück knapp: "Das dürfen Sie mich nicht fragen."

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