29.11.12

Rechtsextremismus

Richter sieht gute Chancen für NPD-Verbot

Eine Analyse kommt zu dem Schluss, dass die Chancen für ein NPD-Verbot vor dem Bundesverfassungsgericht gut stehen. Größtes Hindernis: Der Nachweis einer "aggressiv, kämpferischen Haltung".

Foto: dapd

Der Ministerpräsident von Niedersachsen, David McAllister, hat sich entschieden: Auch er will versuchen, die NPD zu verbieten
Der Ministerpräsident von Niedersachsen, David McAllister, hat sich entschieden: Auch er will versuchen, die NPD zu verbieten

Die Reihe der Bundesländer wird beim geplanten Verbot der rechtsextremistischen NPD immer geschlossener. Als eines der letzten noch unentschlossenen Länder hat nun auch Niedersachsen erklärt, dass ein erneutes Verbotsverfahren vor dem Bundesverfassungsgericht der richtige Schritt sei. Von den insgesamt 16 Bundesländern sollen jetzt nur noch Hessen und das Saarland einem NPD-Verbot skeptisch gegenüberstehen.

Innenminister Uwe Schünemann (CDU) schreibt in einem der Berliner Morgenpost vorliegenden Brief an Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und die Länderkollegen: Ein "erneuter Antrag auf Feststellung der Verfassungswidrigkeit der NPD" habe auch unter Berücksichtigung der einschlägigen Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte "hinreichende Erfolgsaussichten".

Landesregierungschef David McAllister machte in Hannover deutlich: Nach einer Bewertung des vorliegenden Beweismaterials schätze er die Chancen für "einen Erfolg als so groß ein", dass er sich bei der Ministerpräsidentenkonferenz kommende Woche für einen Verbotsantrag aussprechen werde.

Erster Versuch 2003 scheiterte

Die Diskussion über einen Verbotsanlauf war nach Bekanntwerden der Morde der Neonazi-Zelle mit dem Namen "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) aufgekommen. Ein erster Versuch, die NPD zu verbieten, war im Jahr 2003 gescheitert. Damals hatten die Sicherheitsbehörden zu viele V-Leute in den Führungsebenen der Partei platziert. Damit war die "Staatsfreiheit" nicht mehr gewährleistet. Dies bedeutet, es konnte nicht mehr unterschieden werden, welche Positionen von der NPD und was von den staatlich bezahlten Zuträgern des Verfassungsschutzes stammte.

Entgegen der Mehrheit der Bundesländer gehörte Niedersachsen bis zuletzt zur Gruppe der Zweifler. Noch vor kurzem hatte Schünemann darauf hingewiesen, dass eine "zu pointierte" Diskussion einer am Boden liegenden NPD helfen würde, im Gespräch zu bleiben. Viele Kritiker verweisen zudem vor einem möglichen Aufwind für die Partei, falls ein erneuter Verbotsantrag scheitern würde.

Der Antrag auf ein solches Verbot können Bundestag, Bundesrat und Bundesregierung stellen. Die mahnenden Stimmen werden weniger. In der kommenden Woche wird die Innenministerkonferenz den einen Tag später tagenden Ministerpräsidenten eine Empfehlung geben. Auch die Bundesregierung will sich dann positionieren.

Richter sieht gute Chancen für Verbot

Grundlage für den nun erfolgten Schwenk von Niedersachsen ist eine von Schünemann beauftragte rechtliche Prüfung der Erfolgsaussichten eines solchen Verfahrens durch Franz Wilhelm Dollinger, dem heutigen Vizepräsidenten des Sozialgerichts Karlsruhe und beim ersten Verbotsverfahren wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesverfassungsgericht. Dieser kommt zu dem Schluss, dass die Chancen für ein Verbot höher als für eine Niederlage vor Gericht seien.

Für ein Verbot spricht laut Dollinger, dass die Parteiziele nicht mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik vereinbar seien. Die "Ziele und Absichten" der NPD, etwa das Ziel der Herstellung einer Volksgemeinschaft und der Durchsetzung eines bestimmten Menschenbildes kollidiere in "eklatanter Weise mit dem "universellen Achtungsanspruch der Menschenwürde". Ziel der Partei sei die Schaffung einer "Neuen Ordnung", die Widerspruch nicht zulasse.

Das größte Hindernis für einen Verbotsantrag könnte laut der Analyse von Dollinger der Nachweis einer "aggressiv, kämpferischen Haltung" der Partei sein. Zwar binde die Partei auch Neonazis mit erheblichem Gewaltpotenzial fernab der Partei ein oder nutze eine "intensive Umsturz- und Gewaltrhetorik". Allerdings bestünden bei Parteimitgliedern etwa "Differenzen zwischen dem Ausmaß der Gewaltbejahung". Zudem schätzt Dollinger das vorliegende Material "hinsichtlich rechtskräftig gewordener strafrechtlicher Verurteilungen als dürftig" ein.

Hürden für ein Verbot sind hoch

Letztendlich werde jedoch erst die Beweiserhebung diese Fragen klären, heißt es in der Zusammenfassung der Analyse von Dollinger. Das Material mache es aber "hinreichend wahrscheinlich, der NPD eine latente und zuweilen auch offene Bereitschaft zur Gewaltanwendung im politischen Kampf als letztes Mittel nachzuweisen".

Neben diesen Schwierigkeiten weist Dollinger darauf hin, dass mindestens sechs der insgesamt acht Verfassungsrichter für ein Verbot stimmen müssen und weiterhin die Gefahr besteht, dass V-Leute etwas mit den geschilderten Geschehnissen zu tun hatten. Beim ersten gescheiterten Verbotsverfahren hatte sich herausgestellt, dass jeder Siebte aus der NPD- Führungsebene, rund 30 von 200 Mitgliedern des Bundesvorstandes und der Landesvorstände, im Dienst des Verfassungsschutzes stand. Dollinger rechnet jetzt mit einer Verfahrensdauer zwischen anderthalb und zwei Jahren.

Vor allem die SPD-Innenminister haben ihre Unions-Kollegen unter Druck gesetzt, jetzt endlich den Gang nach Karlsruhe anzutreten. So preschte Schleswig-Holsteins Innenminister Andreas Breitner (SPD) bereits vor Niedersachsen vor. "Die Voraussetzungen für ein erfolgreiches Verbotsverfahren sind erfüllt", sagte Breitner in Kiel mit Blick auf die Innenministerkonferenz, die ab dem 5. Dezember in Rostock-Warnemünde tagt.

Er forderte seine Amtskollegen auf, geschlossen und entschlossen für ein Verbot der rechtsextremen Partei einzutreten. Die Minister wollen bei der Konferenz über das Thema beraten und eine Empfehlung aussprechen. Tags darauf sollen die Ministerpräsidenten der Länder über das weitere Vorgehen entscheiden.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) bei der Vorbereitung seiner Aussage im BER-Untersuchungsausschuss
Aktualisiert vor 18 MinutenAbgeordnetenhaus
Live-Blog – Klaus Wowereit im BER-Untersuchungsausschuss

Berlins Regierender steht dem Untersuchungsausschuss zum BER-Debakel Rede und Antwort. Es dürfte die bislang spannendste Sitzung werden. Viktoria Solms und Christian Mutter sind live dabei. mehr...


Morgenpost-Autorin Jennifer Hinz vor einer begehrten Wohnung im Prenzlauer Berg
12:49Mietpreise
Wie die Wohnungssuche in Prenzlauer Berg zum Kampf wurde

Der Wohnungsmarkt in Prenzlauer Berg ist heiß umkämpft. Morgenpost-Autorin Jennifer Hinz begab sich dennoch auf die Suche. Sie traf auf schimpfende Makler und angebliche Rückzugsoasen. mehr...


Gideon Joffe, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, legte den Fokus darauf, Vermögenswerte für nachfolgende Generationen zu bewahren. Künftig sollten keine Immobilien mehr veräußert werden
13:25Finanzprobleme
Rangelei nach Abstimmung in der Jüdischen Gemeinde

Die Jüdische Gemeinde hat finanzielle Probleme. Damit die Gehälter der Mitarbeiter im Mai zeitnah ausgezahlt werden können, wurden nun Überbrückungsmöglichkeiten diskutiert. Danach kam es zu Tumulten. mehr...


Bild aus alten Zeiten: Lukasz Piszczek 2008 im Trikot von Hertha BSC. Erst in Dortmund konnte der Pole richtig durchstarten
07:33Fußball
Lukasz Piszczek – der einstige Herthaner im Londoner Finale

Zwei Jahre lang trug Lukasz Piszczek das Trikot von Hertha. Als die Berliner aus der Bundesliga abstiegen, wechselte er zu Dortmund. Und dort blühte der Pole unter Trainer Jürgen Klopp richtig auf. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Krawalle Wieder Ausschreitungen in Stockholm
Washington Brücke in USA eingestürzt
Grundsatzrede Obama will strengere Regeln für Drohnenangriffe
Queen of Soul Aretha Franklin braucht eine kleine Auszeit
Die Welt - Aktuelle News
  1. 1. WirtschaftVergütungsdebatteManager verbitten sich Einmischung in ihr Gehalt
  2. 2. WirtschaftKonjunkturGeschäftsklima hellt sich überraschend stark auf
  3. 3. DeutschlandStraßenverkehrInnenminister planen Blitzer-Offensive gegen Raser
  4. 4. DeutschlandUSA-ReiseFotos werden zur Hypothek für Röslers Wahlkampf
  5. 5. Literarische WeltHans Meyer„Zocker sollten ruhig auf Dortmund setzen“
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Philipp Rösler

Szenen einer Reise ins Silicon Valley

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote