28.11.12

Nachkriegszeit

Die Nazi-Vergangenheit der Vertriebenenfunktionäre

Eine Studie über die Verstrickung des ersten Präsidiums des Bundes der Vertriebenen zeigt: Zwei der Mitglieder waren durch ihre Tätigkeit in Osteuropa im Zweiten Weltkrieg schwer belastet.

Von Sven Felix Kellerhoff
Foto: dpa

Erika Steinbach, Präsidentin des BdV, wollte eine objektive Untersuchung der Verstrickungen
Erika Steinbach, Präsidentin des BdV, wollte eine objektive Untersuchung der Verstrickungen

Manchmal braucht es mehr als 600 Seiten, um zu bestätigen, was man ohnehin wusste. Das renommierte Institut für Zeitgeschichte in München hat jetzt eine voluminöse Studie über die NS-Verstrickung des ersten Präsidiums des Bundes der Vertriebenen (BdV) vorgelegt, die genau das leistet. Ihr zentrales Ergebnis: Von den 13 Spitzenfunktionären des 1958 gebildeten BdV waren während der NS-Zeit neun Mitglieder der Hitler-Partei oder der SS, also fast 70 Prozent.

Das war weitaus mehr als in der Durchschnittsbevölkerung – andererseits weniger als beispielsweise unter höheren Beamten des Reichsinnenministerium, einer nach Bildungsgrad und sozialer Herkunft vergleichbaren Gruppe.

Der Hauptautor der Untersuchung "Funktionäre mit Vergangenheit. Das Gründungspräsidium des BdV und das Dritte Reich", die neben einigen allgemeinen Ausführungen aus 13 biografischen Studien besteht, ist der Historiker Michael Schwartz. Er hat bereits das Standardwerk über den Umgang der DDR mit deutschen Heimatvertriebenen verfasst. Schwartz hält fest, dass der hohe Anteil der mit NSDAP oder SS verstrickten Personen der Gründergeneration "zweifellos mit der überwiegenden Rekrutierung der Vertriebenenfunktionäre des frühen BdV aus akademisch-bürgerlichen Funktionseliten" zusammenhänge.

In der Tat entspricht das Ergebnis anderen bislang veröffentlichten Studien zu ähnlichen Gruppen etwa im Auswärtigen Amt oder im Bundeskriminalamt. Weitere ähnliche Untersuchungen etwa zum einstigen Reichs- und späteren Bundesfinanzministerium oder zum Justizressort sind derzeit in Arbeit.

Zwei waren antinationalsozialistisch eingestellt

Den biografischen Detailstudien zufolge sind zwei Mitglieder des ersten BdV-Präsidiums durch ihre Tätigkeit im Zweiten Weltkrieg schwer belastet: Alfred Gille, Vorsitzender der ostpreußischen Landsmannschaft, hatte sich als Verwaltungsbeamter in der besetzten Sowjetunion mitschuldig an der dort praktizierten Ausbeutungspolitik gemacht. Persönlich und eigenhändig war Gille aber offenbar an Grausamkeiten und Massenmorden nicht beteiligt.

Erich Schellhaus dagegen war als Offizier Mitglied einer Einheit, die 1941 nachweislich an der "Partisanenbekämpfung" in Weißrussland beteiligt war. Unter diesem Deckmantel wurden massenhaft Juden und andere "unerwünschte" Menschen ermordet. Zwei weitere Mitglieder des BdV-Präsidiums waren möglicherweise in ähnliche Verbrechen verstrickt; hier fehlen aber letztlich stichhaltige Beweise.

Andererseits war unter den 13 Präsidiumsmitgliedern kein "Alter Kämpfer", also kein Mitglied der Nazi-Partei vor 1933. Lediglich zwei von ihnen hatten sich bereits vor der Machtübernahme Hitlers zeitweilig in rechtsradikalen Kreisen engagiert. Schwartz stellt daher fest, dass die NSDAP-Mitgliedschaft der späteren BdV-Spitzenfunktionäre überwiegend für "eine opportunistische politische Anpassung junger, am Beginn ihres Berufslebens stehender Menschen" spreche.

Nur zwei Mitglieder des ersten Präsidiums waren strikt antinationalsozialistisch eingestellt, nämlich der erste und der dritte Vorsitzende. Der katholische Rechtsanwalt Linus Kather hatte 1933 sein kommunalpolitisches Mandat für die Zentrumspartei in Königsberg verloren und später zeitweise in Gestapohaft gesessen; er war einer der beiden Co-Vorsitzenden des BdV. Der sudetendeutsche Sozialdemokrat Wenzel Jaksch, ab 1962 dritter Verbandschef, war 1938 ins Exil gegangen. Ausgerechnet der NS-Gegner Kather jedoch trat Ende der 60er-Jahre zur NPD über.

Steinbach lobt Aufarbeitung

Erika Steinbach, die seit 1998 amtierende Präsidentin des BdV, lobte gegenüber der "Welt" die Studie: "Uns kam es darauf an, eine objektive Untersuchung der NS-Verstrickungen zu bekommen." Das leiste die Arbeit, zu der ihr Verband den Anstoß gegeben. Außerdem verzichtete der Verband auf 100.000 Euro und ermöglichte damit die Anschubfinanzierung. Steinbach hält das für beispielhaft: "Ich würde mir wünschen, auch andere Organisation wie etwa Ärzteverbände täten das in ähnlicher Form."

Die Studie behandelt auch den langjährigen BdV-Vize Rudolf Wollner, der als 18-Jähriger 1941 in die Waffen-SS eingetreten war. "Er hat daraus nie eine Geheimnis gemacht", sagte Steinbach, "im Gegensatz etwa zu Günter Grass!" Tatsächlich hatte der Literatur-Nobelpreisträger erstmals 2006 seine freiwilligen Eintritt in die NS-Elitetruppe bekannt gemacht. Die CDU-Bundestagsabgeordnete kritisierte zudem, dass die NS-Verstrickung der Gründergeneration oft als "Waffe gegen den BdV" eingesetzt worden sei, zum Beispiel seit 2000 in der Diskussion um ein "Zentrum gegen Vertreibungen".

Kritik an der von zahlreichen ehemaligen NSDAP-Mitgliedern unterzeichneten "Charta der Heimatvertriebenen" von 1950 wies Steinbach zurück: "Schon damals haben Vertriebene ausdrücklich auf Rache und Vergeltung verzichtet. Sie haben vielmehr den Frieden mit den Völkern Europas als ihr Ziel formuliert. Das ist eine historische Leistung, die wir heute in unserer bundesrepublikanischen Überheblichkeit offenbar nicht mehr anerkennen können."

Dass die Studie des Instituts für Zeitgeschichte nur die 13 Mitglieder des ersten BdV-Präsidiums erfasst und ihre Tätigkeit bis 1945 durchleuchtet, hält Erika Steinbach für angemessen. Eine Erweiterung sei wenig sinnvoll, da sich dadurch an den wesentlichen Ergebnissen nichts ändern würde. "Da kann man das Geld sinnvoller ausgeben", sagte sie. Sicher ist jedoch, dass Michael Schwartz mit seiner Untersuchung Maßstäbe für die Erforschung von NS-Verstrickung und ihre Bewertung gesetzt hat.

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