25.11.12

Nahostkonflikt

Arabischer Frühling, israelischer Herbst

Eben erst hat sie in Berlin den "Welt"-Literaturpreis bekommen. Kaum war Zeruya Shalev zurück in Israel, erreichten die Raketen aus Gaza erstmals Jerusalem. Eine Reflexion zwischen Bangen und Hoffen.

Von Zeruya Shalev
Foto: Getty Images

Keine gute Perspektive: Der Himmel über Tel Aviv vor wenigen Tagen. Diese Rakete aus dem Gaza-Streifen konnte unschädlich gemacht werden
Keine gute Perspektive: Der Himmel über Tel Aviv vor wenigen Tagen. Diese Rakete aus dem Gaza-Streifen konnte unschädlich gemacht werden

Der Herbst in Israel ist nicht bunt wie bei euch in Europa. Die Blätter fallen braun und trocken von den Bäumen, bilden einen dunklen Kreis um den kahlen Stamm, wie ein Spiegelbild der Krone, die nicht mehr ist. Aber das Wetter ist noch angenehm, die Sonne warm, doch ein Drittel der israelischen Kinder können nicht draußen spielen, ja nicht mal in den Kindergarten oder in die Schule gehen.

Ein Drittel der israelischen Kinder verstecken sich schon eine Woche lang mit ihren Familien in Luftschutzkellern oder eigenen Schutzräumen aus Angst vor den Raketen, die aus dem Gazastreifen abgefeuert werden. Dutzende Male am Tag werden sie von Alarmen wieder in diese Verstecke gescheucht. Selbst in den nächsten Laden zu gehen, um Brot und Milch zu kaufen, ist gefährlich.

Gewissheiten gibt es nicht

In den ersten Tagen meinten einige noch, man sollte trotz der Lage einen normalen Schulbetrieb zulassen, aber ein paar Raketen, die auf eine Schule in Aschkelon abgefeuert wurden, bewiesen den Sinn der gegenteiligen Entscheidung. Wenn der Unterricht stattgefunden hätte, wären ganze Klassen ausradiert worden.

So ist das: Ringsum arabischer Frühling. Bei uns israelischer Herbst.

"Es wird keine Raketen auf Aschkelon geben", hatte der damalige Ministerpräsident, Ariel Scharon, vor einigen Jahren versprochen, aber im Nahen Osten gibt es offensichtlich keine Gewissheiten. Vielleicht nur diese eine Gewissheit: Wenn es eine Veränderung gibt, dann nur zum Schlechten.

Angefangen hat es in Sderot

Wie beim arabischen Frühling, der in der ganzen Gegend die Hoffnung auf humane und liberale Regierungen weckte, eine Hoffnung, die heute ferner denn je erscheint. Es wird keine Raketen auf Aschkelon geben, versprach er, aber allein in der letzten Woche sind Hunderte von Raketen auf Aschkelon und all die anderen Ortschaften im Süden abgefeuert worden.

Angefangen hat es in Sderot, vor zwölf Jahren, als Israel noch im Gazastreifen regierte. Daran hatten wir uns schon beinahe gewöhnt, so ungern man es zugibt. Es wurde fast zur Routine, wieder mal Kassam-Raketen auf Sderot. Mal fielen sie auf offenes Gelände, mal schlugen sie in ein Haus ein. Mal gab es Tote und Verletzte, mal nur Menschen unter Schock.

Eine ganze Generation ist dort im Schatten der Angst aufgewachsen. Aber wer hätte geglaubt, dass Raketen auch in Aschkelon und Aschdod einschlagen würden, in Beer Scheva, in Rischon Lezion? Wer hätte geglaubt, dass man Raketen auf Tel Aviv abfeuern würde, die hedonistische israelische Blase?

Und nun Jerusalem

Und nun auf Jerusalem. Jerusalem, das in den letzten Jahren scheinbar eine überraschende Verwandlung erlebt hatte, das von der gefährlichsten Stadt zur sichersten Stadt geworden war. In den Jahren der Intifada hatten die Menschen Angst, hierher zu kommen. Die Luft schien mit Sprengstoff erfüllt zu sein, der ab und zu tatsächlich bei grausamen Anschlägen in Autobussen, in Cafés explodierte.

In den letzten Jahren, angesichts der Raketenbedrohung aus dem Norden, aus dem Süden, sogar aus dem fernen Iran, schien Jerusalem der sicherste Ort im Land zu sein. Sie würden es nicht wagen, die heiligen Stätten des Islam zu gefährden, redeten wir uns ein, und auch nicht die palästinensische Bevölkerung in der Stadt und im Umkreis.

Aber am Freitagnachmittag wurde uns klar, dass wir falsch gedacht hatten. Als der erste Alarm schrillte, kurz nach der Sirene zum Schabbatbeginn, waren wir derart verblüfft, dass wir, entgegen den Sicherheitsvorschriften, einfach auf dem Balkon standen und zusahen, wie sich die trügerische Gewissheit in Luft auflöste, wie sich die neue Wirklichkeit in die alte zurückverwandelte.

Der Balkon meiner Großmutter

Denn es war ja eigentlich nichts wesentlich Neues. Auch im 1948-er Krieg stand meine Großmutter eines Morgens auf ihrem Balkon in Jerusalem. Mein Vater rief sie für einen Augenblick in die Küche – und rettete ihr damit das Leben, denn gleich darauf traf eine Granate ihren Balkon und zerstörte die halbe Wohnung. Drei Jahre später wurde der Großvater meines Mannes bei der Arbeit in seinem Zitrushain im Süden von einem Terroristen aus Gaza ermordet. Seither sind große Veränderungen in der Welt eingetreten, aber hier drehen wir uns immer weiter im selben Kreis.

Vorgestern Mittag, als wieder ein Alarm in Jerusalem heulte, war ich schon weniger sorglos, muss ich gestehen. Ich ging nicht auf den Balkon, sondern klopfenden Herzens in den Luftschutzkeller und blieb dort, bis ich die Explosion in der Ferne hörte. Die Angst war wieder da. Und was wird morgen kommen? Der Waffenstillstand, auf den wir alle hoffen? Eine Bodenoffensive, die keiner will?

Ein Versprechen

Die Berichte wechseln jeden Augenblick. Ich sitze mit meinem siebzehnjährigen Sohn vor dem Fernseher. Uns beide belastet das Wissen, dass er im nächsten Jahr, beim nächsten Krieg schon Uniform tragen wird, volle Montur, mit Waffe, ein Soldat im Wehrdienst. Ich betrachte besorgt sein Profil, das immer erwachsener wird. Als er geboren wurde, habe ich ihm, das heißt mir, versprochen, wenn er mal groß wäre, würde Frieden herrschen. Achtzehn Jahre sind eine lange Zeit, dachte ich hoffnungsvoll, bis dahin wird sich eine Lösung finden.

Aber ich bin naiv gewesen. Schon seit einigen Generationen versprechen Mütter im Land Israel ihren Babys, sie würden einmal nicht kämpfen müssen, und das Versprechen erweist sich als falsch. Gerade in Erez Israel, das von den Flüchtlingen der russischen Pogrome des 19. Jahrhunderts gegründet wurde, für die Verfolgten der Schoa in Europa, um dem jüdischen Volk Zuflucht und Schutz zu bieten.

Auf dem Heimweg verletzt

Ich sehe meinen Sohn an und erinnere mich an das kleine Versprechen, das ich ihm an einem gewöhnlichen Morgen im Januar 2004 gegeben hatte, als wir uns am Schultor verabschiedeten: "Ich hol dich am Mittag ab, und dann gehen wir Pizza essen." Zehn Minuten später wurde ich auf dem Heimweg verletzt, als ein Selbstmordattentäter sich in einem vorbeifahrenden Bus in die Luft sprengte.

Als ich meinen Sohn wiedersah, lag ich schon auf einer Bahre auf dem Weg zum Operationssaal, und er war erschrocken und weinte. Was taugen Versprechungen in diesem Land, denke ich jetzt, wenn ich nicht mal das Versprechen, Pizza essen zu gehen, einhalten konnte, wie hatte ich dann geglaubt, ihm Frieden versprechen zu können?

Und nun erscheint auf dem Fernsehbildschirm ein verrußter, gesprengter Autobus, umgeben von Krankenwagen und Bahren, als sei er meinen Erinnerungen entstiegen. Aber nicht in Jerusalem diesmal, sondern in Tel Aviv ist der Bus explodiert. Nach ein paar relativ ruhigen Jahren in der Landesmitte wiederholt sich alles. Gibt es einen Ausweg aus diesem Teufelskreis?

Harte Szenen

Erst vor sieben Jahren hat sich Israel in einem dramatischen und traumatischen Schritt einseitig aus Gaza zurückgezogen. Mehrere Zehntausend israelische Einwohner, die im Lauf der Jahre blühende Dörfer im Gazastreifen errichtet hatten, mussten ihre Häuser verlassen und dem Beschluss der Regierung und deren Chef, Ariel Scharon, Folge leisten.

Die Mehrheit in Israel, darunter auch ich, unterstützte diesen Schritt, den Rückzug aus Gaza, die Hoffnung auf Ruhe und Frieden. Warum sollen wir im Gazastreifen sitzen und den Hass vermehren, dachte ich damals, lassen wir sie doch in Ruhe ihr eigenes Leben führen. Manche widersprachen, fürchteten, die Bewohner des Landessüdens schlechter schützen zu können, während die Palästinenser leichter aufrüsten könnten. Es gab harte Szenen in jenem Sommer. Schaufelbagger zerstörten blühende Dörfer, Häuser, die ein ganzes Leben beherbergt hatten.

Und doch schien es richtig zu sein. Hier kam das Ende der Besatzung in Gaza, eine Besatzung, die auf beiden Seiten Opfer gekostet hatte. Die Palästinenser könnten ihr Leben selbst gestalten, und vielleicht wäre das der erste Schritt zum Ende der Besatzung überhaupt, hoffte ich, zur Gründung des palästinensischen Staates an unserer Seite.

"Es ist zum Verzweifeln"

Aber kurze Zeit darauf stimmten die Palästinenser für die radikale Organisation der Hamas, und auf den Trümmern der israelischen Dörfer entstand die immer effizientere Tötungsmaschinerie: Tunnel für den Waffenschmuggel, Gruben für Raketenabschussrampen, improvisierte Waffenfabriken. Und so geschah es auch im Norden, im Libanon, als die Hisbollah die Herrschaft in dem von Israel geräumten Gebiet ergriff.

Es ist zum Verzweifeln: Jedes Stück Land, aus dem Israel abzieht, füllt sich mit Extremisten, die es vernichten wollen, und nicht mit gemäßigten Kräften, die friedlich an seiner Seite leben möchten. Und genauso hat es ja auch angefangen: 1947 wurde der Uno-Beschluss angenommen, das Gebiet zwischen dem Meer und dem Jordan in zwei Staaten zu unterteilen, einen israelischen und einen palästinensischen.

Während der jüdische Jischuw den Vorschlag freudig annahm, wies die arabische Führung ihn zurück und begann einen Krieg, in der Hoffnung, den israelischen Staat im Keim zu ersticken. Ein Teil der Palästinenser verließ das Land auf Anweisung der arabischen Staaten, um später nach dem versprochenen Sieg zurückzukehren. Andere flohen, wieder andere wurden vertrieben im Verlauf des Krieges, den sie letzten Endes verloren.

Der Hass hat sich vertieft

Zweifellos hat jenes Streben, nicht an unserer Seite, sondern an unserer Stelle zu leben, die Katastrophe der Palästinenser ausgelöst und unsere Katastrophe gleich mit. Hätten sie damals keinen Krieg begonnen, gäbe es heute keinen einzigen palästinensischen Flüchtling. Und nun sitzen die Nachkommen jener Geflüchteten oder Vertriebenen in Gaza und schießen Raketen auf den Staat, der damals entstanden ist, in jenem Krieg. Seither sind die Dinge ja immer nur verwickelter geworden, immer weitere Chancen wurden verpasst, und der Hass hat sich nur noch vertieft.

Und trotz alledem, und wegen all dem, glaube ich immer noch, dass man die Gemäßigten unter den Palästinensern stärken, jedes kleinste Hoffnungszeichen ergreifen muss, jede Kompromissbereitschaft, wie in dem Interview, das Mahmud Abbas vor ein paar Wochen gegeben hat, worauf die israelische Regierung leider nicht ausreichend reagierte.

Ich glaube immer noch, dass es auch im Gazastreifen Menschen gibt, die Frieden wollen, die bereit sind, an unserer Seite und nicht an unserer Stelle zu leben, solange sie nur leben, und wir leben. Ich bin sicher, auch in Gaza blicken jetzt Mütter besorgt auf ihre Söhne, die in den Konflikt hineingeboren wurden und darin aufgewachsen sind. Ich wünschte, ich könnte diese Mütter erreichen und gemeinsam mit ihnen eine neue Wirklichkeit aufbauen.

Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama.

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