24.11.12

Nach Dauerkonflikt

Burschen wahren Einigkeit – und rechte Schlagseite

Der Dauerstreit zwischen ultrarechten und moderaten Burschenschaftern ist beigelegt. Man einigte sich auf ein Sowohl-als-auch. Neutrale Burschen überraschten aber mit Verständnis für den rechten Rand.

Foto: dpa

Burschenschafter vor ihrer Tagung in Stuttgart. Bei dem Treffen wurde die tiefe Zweiteilung, die den Dachverband der deutschen Burschenschafter traditionell prägt, thematisiert
Burschenschafter vor ihrer Tagung in Stuttgart. Bei dem Treffen wurde die tiefe Zweiteilung, die den Dachverband der deutschen Burschenschafter traditionell prägt, thematisiert

Seit Jahren wirkt die Deutsche Burschenschaft (DB) wie ein Hort exotischer Debatten. Wo sonst im Deutschland der Gegenwart wird noch ernsthaft darüber gestritten, ob ein Widerstandskämpfer gegen die Nazis rein juristisch besehen ein Landesverräter sei? Und wo sonst wird noch ernsthaft diskutiert, ob man überhaupt Deutscher sein könne, wenn die Eltern es noch nicht waren?

In diesen Debatten offenbart sich die tiefe Zweiteilung, die den Dachverband der deutschen Burschenschafter traditionell prägt – und die sich in den vergangenen Jahren beträchtlich verschärft hat. Ein Teil des Dachverbands verortet sich im völkischen, rechtsnationalistischen Denken. Ein anderer Teil fühlt sich in der bürgerlichen, meist liberal-konservativen, jedenfalls weder rassistischen noch nationalistischen Mitte beheimatet. Entsprechend regelmäßig geraten die beiden großen Burschen-Lager aneinander.

Die moderaten Verbindungsstudenten waren diese Streitereien spätestens seit einem Jahr satt. Deshalb verkündeten sie, an diesem Wochenende auf dem außerordentlichen Stuttgarter Burschentag eine Klärung herbeiführen zu wollen – nach dem Motto "Entweder wir oder die". Die Erwartungen waren also hoch. Doch sie wurden enttäuscht.

Wechselseitiges Beharken geht weiter

Die rund 600 Burschen führten auf dem am Samstag beendeten Treffen kein klärendes Entweder-Ihr-oder-wir-Gefecht, sie einigten sich vorläufig auf ein Sowohl-als-auch. Das heißt: Die beiden Lager werden bis auf Weiteres einem Dachverband angehören und sich wechselseitig beharken, schließlich sind sie einander fremd. Die rund 45 völkischen Bünde, die in der sogenannten Burschenschaftlichen Gemeinschaft (BG) organisiert sind, hat punktuell auch der Verfassungsschutz im Visier, unter anderem weil sie die parlamentarische Demokratie recht offen ablehnten.

Hier räumt auch das Bundesinnenministeirum ein, es gebe "vereinzelt Anhaltspunkte" für den Verdacht verfassungsfeindlicher Bestrebungen. Zu den in der BG organisierten Bünden zählen neben vielen ostdeutschen übrigens auch österreichische, die in der Deutschen Burschenschaft ebenfalls mitwirken dürfen.

Ihnen gegenüber steht der öffentlich akzeptierte Teil der Burschen, der sich in Initiativen wie den "Burschenschaftern gegen Neonazis" oder in der "Initiative Burschenschaftliche Zukunft" organisiert hat. Zu ihnen gehören als inaktive Mitglieder unter anderem Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU), CDU-Innenpolitiker Hans-Peter Uhl oder Berlins ehemaliger Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU). Diese Fraktion zählt gut 25 Bünde – die sich zuletzt immer wieder dagegen verwahrten, als "liberale Feigenblätter für Radikale" herhalten zu müssen, wie es bei der "Initiative Burschenschafter gegen Neonazis" heißt.

Keine Mehrheit für Ausschluss von Verbindungen

Doch ihr Versuch, die DB auf einen glasklar antivölkischen und antinationalistischen Kurs festzulegen, scheiterte. Vor allem die bislang unentschiedenen Bünde wollten den Liberalen nicht folgen. Diese bis dato neutralen 35 bis 40 Verbindungen verweigerten sich mehrheitlich einem Bruch mit den Völkischen.

Folglich fand zum Bespiel der Antrag, drei Verbindungen mit vermeintlich rechtsextremen Tendenzen aus der DB auszuschließen, keine Mehrheit. Auch der Antrag, "verfassungsfeindliche" Verbindungen aus der DB zu entfernen, wurde nur in einer aufgeweichten Variante verabschiedet. Fortan sollen nicht "verfassungsfeindliche" Bünde, sondern nur solche mit "nationalsozialistischen Zielen" ausgeschlossen werden.

Letztlich ungeklärt blieb auch die zuvor heftig diskutierte Frage, ob nur Deutsche mit deutschen Vorfahren DB-Mitglieder werden dürfen. Dies hatten mehrere BG-Gruppen auf dem Burschentag 2011 angeregt. Doch abschließend entschieden wurde über diese Frage noch immer nicht. Das soll erst auf dem nächsten ordentlichen Burschentag 2013 in Eisenach geschehen.

Chefredakteur der DB-Zeitschrift abgesetzt

Kaum ein Thema war in Stuttgart auch die Würdigung des Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer. Den hatte der führende DB-Funktionär Norbert Weidner in einem Beitrag für die DB-Mitgliederzeitschrift einst als "Landesverräter" bezeichnet – jedenfalls "rein juristisch" betrachtet. Diese Äußerung hatte einen Sturm der Empörung bei den liberalen Bünden ausgelöst. Allerdings hieß es nun in Stuttgart auch aus deren Reihen besänftigend, immerhin habe Weidner den evangelischen Theologen anschließend weitaus differenzierter und fairer gewürdigt.

Trotzdem: An dieser einen Stelle landeten die Liberalen ihren einzigen Erfolg. Sie forderten Weidners Absetzung als Chefredakteur der DB-Mitgliederzeitschrift, weil er für eine "eine katastrophale Öffentlichkeitswahrnehmung" verantwortlich sei. Und tatsächlich: Weidner wird fortan nicht mehr als "Schriftleiter" der "Burschenschaftlichen Blätter" fungieren.

Gemessen an ihren Ankündigungen konnten die Moderaten mit diesen Ergebnissen jedoch kaum zufrieden sein. Weshalb mehrere Bünde auch noch am Samstag andeuteten, in ihrer Verbindung werde nun über einen Austritt aus der DB beraten. Ob dies aber eine für die DB ruinöse Austrittswelle zur Folge haben wird, ist noch nicht absehbar. Denn viele Bünde, die sich bislang irgendwo zwischen den Liberalen und den Ultrakonservativen eingeordnet hatten, zeigten während des Burschentages überraschend viel Verständnis für das rechte Lager und dessen Positionen.

Rechter Rand mit Samthandschuhen angefasst

So verwiesen mehrere der bislang neutralen Bünde auf eine Einschätzung des Bundesinnenministeriums, die zu einer differenzierten Betrachtung auch der BG rät. Tatsächlich konstatierte das Ministerium in der Antwort auf eine kleine Anfrage der Linkspartei, es gebe nur "vereinzelt Kontakte oder Doppelmitgliedschaften" zwischen rechtsextremen Organisationen und "einzelnen Burschenschaften". "Die überwiegende Mehrzahl der Mitgliedsburschenschaften" in der DB pflege keinen Austausch mit Extremisten.

Und so behutsam das Ministerium das rechte Lager beurteilte, so sehr bemühten sich nun auch viele der Neutralen und sogar einige der Liberalen um einen differenzierten Umgang mit ihren völkischen Verbindungsbrüdern. Sie bewiesen geradezu sozialarbeiterisch anmutendes Verständnis und debattierten schon im Vorfeld des Burschentages eingehend die Frage, wie man die Brüder vom rechten Rand denn nun einsortieren müsse: als radikal, reaktionär oder noch so eben gerade ultrarechtskonservativ-tolerabel?

Eine ganz eindeutige Einsortierung erschwerte auch die Argumentationslinie vieler der im BG organisierten Bünde. Sie stritten rundum ab, an den Mythos vom "deutschen Blut" zu glauben. Dass sie in der Regel keine Kinder von Einwanderern in ihre Verbindungen aufnehmen wollten, habe mit Biologie nicht viel und mit Rassismus schon gar nichts zu tun. Ihnen gehe es nur um den Erhalt kultureller Traditionen. Die könnten von einem deutschen Staatsbürger mit zugewanderten Eltern nun mal nicht so leicht gepflegt werden. Deshalb hätten sie ja auch kein Problem mit der Aufnahme von Deutschen, bei denen nicht die Eltern, sondern schon die Urgroßeltern eingewandert seien. Denn in der dritten Generation sei die "Inkulturation" ja meist abgeschlossen.

Kaschierter Biologismus

Auch der so massiv in die Schusslinie geratene BG-Vertreter Norbert Weidner warnte vor der Annahme, in der BG werde "der Wert eines Menschen an biologischen Kriterien festgemacht". Selbstverständlich lehnten alle Burschenschafter "rassistische Tendenzen" ab. Offenbar sank daraufhin bei einigen der Moderaten die Abgrenzungslust. Für andere Liberale ist bei dieser Argumentation die Trennwand zwischen einer kulturellen und einer biologischen Definition von Deutschtum dennoch unzumutbar dünn. Sie warfen den BG-Vertretern vor, sie kaschierten ihren Biologismus nur.

Wie viele Liberale die über 100 Bünde und knapp 10.000 Mitglieder zählende DB verlassen werden, ist aber noch nicht abzusehen. Jedenfalls gibt es bei den Liberalen bereits erste Überlegungen, sich einem neuen Dachverband anzuschließen, der wieder in der bürgerlichen Mitte angesiedelt wäre. Als neue Partner in Betracht kämen vor allem die rund 3500 Mitglieder der NeuenDB (die sich bereits 1996 von der DB abspaltete) und womöglich viele Hundert bis einige Tausend Korporierte aus den sogenannten freien Verbindungen (ohne Dachverband).

Insbesondere bei der NeuenDB verbindet man damit hohe Erwartungen. So hofft der ehemalige NDB-Sprecher Jonathan Schneider, durch einen "von Radikalen gereinigten Dachverband" könnten die Korporierten "auch ihren rechtsradikalen Ruf abschütteln", was sogar der körperlichen Unversehrtheit der Burschen zugute käme. Denn: Ihr radikales Image sei auch verantwortlich für die jährlich über 100 registrierten Straftaten, vor allem Körperverletzungen, die vonseiten linksextremer "Antifaschisten" an Korporierten verübt werden.

DB bald radikale Resterampe?

Weniger rosig könnte es um die Zukunft des anderen Lagers bestellt sein. Ihm bliebe zwar der alte Dachverband, allerdings mit weniger Mitgliedern und entsprechend weniger Finanzkraft. Nach Schätzungen aus der Initiative Burschenschaftliche Zukunft (IBZ) erhält der Dachverband rund 80.000 Euro jährlich von den Liberalen. Insgesamt stehen ihm bislang 200.000 Euro zur Verfügung.

Viel wichtiger wäre aber eine andere Entwicklung, die bei einer großen Abwanderungswelle drohen würde: Die Rest-DB würde vermutlich stärker ins Visier des Verfassungsschutzes geraten. Dass die Verfassungsschützer die Entwicklung in der DB verfolgen, bestätigten sie unlängst sogar öffentlich.

Sollte die DB aber zu einer Art radikaler Resterampe mutieren, wie man in der IBZ vermutet, hätte das zumindest einen Vorteil: Es müsste nicht mehr kontrovers diskutiert werden über exotisch anmutende Fragen. Man wäre sich endlich einig.

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