23.11.12

Vorbild Kanada

Deutschland soll bei Einwanderung Punkte einführen

Deutschland ist das drittgrößte Einwanderungsland der Welt, es schlägt sogar Kanada. Dort allerdings klappt es mit der Integration weitaus besser. Eine neue Studie erklärt, warum.

Foto: picture alliance / ZB

Junge Migrantinnen in Berlin-Neukölln. Von den Integrationsangeboten in Kanada profitiert dort auch die zweite Generation stark
Junge Migrantinnen in Berlin-Neukölln. Von den Integrationsangeboten in Kanada profitiert dort auch die zweite Generation stark

Deutschland ist kein Einwanderungsland – so hieß es jahrelang. Zuwanderer waren als Gastarbeiter willkommen, um hier Lücken auf dem Arbeitsmarkt zu stopfen. Dass sie blieben, war nicht vorgesehen. Heute leben elf Millionen Zuwanderer in Deutschland. Nach den USA und Russland ist Deutschland damit das drittgrößte Einwanderungsland der Welt – noch vor Kanada, das mit sieben Millionen Einwanderern Platz fünf erreicht.

Da in Kanada weniger Menschen leben als in Deutschland, ist der Anteil der Zugewanderten aber mit 21,1 Prozent höher als hierzulande mit 13,1 Prozent. Es gibt weitere wichtige Unterschiede: Die Zuwanderer sind höher qualifiziert und besser in den Arbeitsmarkt integriert als in Deutschland.

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat untersucht, was Deutschland, den Autoren der Studie zufolge ein "Einwanderungsland wider Willen", von der Zuwanderungs- und Integrationspolitik Kanadas lernen kann. Für die kanadische Erfolgsgeschichte gibt es danach vor allem zwei Gründe: Erstens rekrutiert die Zuwanderungspolitik über ein Punktesystem gut Ausgebildete und Fachkräfte, die am Arbeitsmarkt nachgefragt sind, wie etwa Pfleger oder Arbeiter in der Ölindustrie.

Ausgeklügelte Integrationshilfen

Zweitens bietet das Land den Zugewanderten ein ausgeklügeltes Angebot an Integrationshilfen, von denen gerade auch die zweite Generation der Migranten profitiert. Mit Kursen schon im Heimatland werden die Zuwanderer auf das Leben in Kanada vorbereitet. In Kanada selbst helfen "Brückenkurse", häufig auch mit Mentorenprogrammen der Arbeitgeber, bei der Integration.

Dank der gesteuerten Zuwanderung haben in Kanada 45 Prozent der in den letzten fünf Jahren Zugewanderten einen Universitätsabschluss, in Deutschland sind es nur 32 Prozent. In Kanada arbeiten 74,9 Prozent der Einwanderer, In Deutschland nur 68,7 Prozent. Besonders gut seien die Erfolge der zweiten Generation.

Die Kinder der Migranten machen in Kanada überwiegend einen akademischen Abschluss und übertreffen damit den Nachwuchs der Einheimischen bei Weitem. In Deutschland liegen die Migrantenkinder bei den hohen und mittleren Abschlüssen dagegen hinter den Einheimischen.

Institut empfiehlt Punktesystem für Deutschland

Kern des kanadischen Modells ist ein Punktesystem, das Einwanderungswillige nach Ausbildung, Sprachfähigkeiten und dem Alter auswählt und damit klar auf hoch qualifizierte Fachkräfte zielt. Wer diese Kriterien erfüllt, kann auch ohne Jobangebot einreisen. Das Berlin-Institut empfiehlt Deutschland ebenfalls ein Punktesystem. Neben seiner Effektivität böte es auch einen Vermarktungsvorteil.

Potenzielle Zuwanderer würden Deutschland dann stärker als Wanderungsziel wahrnehmen. Zusätzlich müsste es aber – ebenfalls nach dem Vorbild Kanadas – eine "über die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes gesteuerte Zuwanderungsvariante" geben. So könnte auch geringer Qualifizierten, wie etwa Pflegekräften, die Zuwanderung erlaubt werden, wenn ein Jobangebot besteht.

Autoren fordern Bekenntnis zur Einwanderung

Nicht zuletzt müssten sich aber die Politiker in Deutschland "auch gegenüber der eigenen Bevölkerung klarer zur Einwanderung bekennen und deren potenziellen Nutzen unterstreichen", empfehlen die Autoren der Studie. Sie verweisen auch auf die demografische Entwicklung: Selbst wenn es gelänge, jedes Jahr 100.000 Zuwanderer zu gewinnen, würde die Bevölkerungszahl in Deutschland bis 2050 um etwa zwölf Millionen Menschen sinken.

In Deutschland gibt es seit diesem August die Blue Card für Akademiker aus Staaten außerhalb Europas. Sie müssen allerdings einen Job in Deutschland mit einem Gehalt von mindestens 44.800 Euro nachweisen. In Mangelberufen, wie bei Ärzten oder Ingenieuren, liegt die Gehaltsschwelle nur bei 35.000 Euro. Zudem dürfen Akademiker sechs Monate nach Deutschland kommen, um hier einen Job zu suchen, wenn sie sich selbst finanzieren können.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen, ist für ein Verbot von DDR-Symbolen
11:44Hubertus Knabe
"Die Verklärung der SED-Diktatur wird akzeptiert"

Der Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen ist einer der stärksten Fürsprecher eines Verbots von DDR-Symbolen. Die Morgenpost sprach mit ihm über verlorene Sensibilität und Merkels Vergangenheit. mehr...

Two girls stand in rubble after a tornado struck Moore, Oklahoma
Aktualisiert vor 7 MinutenTornado
Das Sterben der Kinder von Oklahoma im entfesselten Sturm

Mindestens 91 Tote forderte ein drei Kilometer breiter Tornado in Oklahoma. Zwei Grundschulen wurden zu Todesfallen für 20 Kinder. Dabei meinten es die Lehrer nur gut, als sie die Kleinen dabehielten. mehr...


Hertha-Trainer Jos Luhukay präsentiert samt der Mannschaft die Schale für den Zweitliga-Meister 2013
11:08Gastbeitrag
Hertha-Trainer Luhukay - "Ich bin stolz auf die Mannschaft"

Herthas Aufstiegscoach schreibt exklusiv in der Berliner Morgenpost über sein erstes Jahr in Berlin. Von Geheimtreffen, einem verunsicherten Ramos und einer Pressekonferenz mit einem Puls von 180. mehr...


Stau
11:48Verkehr
Staus auf Brandenburger Autobahnen A10 und A12 nach Unfällen

Fünf Fahrzeuge sind auf der A12 im Kreis Oder-Spree in einen Unfall verwickelt worden. Der Verkehr rollt nur noch über den Standstreifen. Auch auf der A10 gab es einen Unfall. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Umzug Karneval der Kulturen 2013 - Berlin ist bunt
Unwetter Starke Tornados wüten in vier US-Bundesstaaten
Der Futiklub Absolutely Ferguson
Zeit für Neues Beckham beendet seine aktive Fußballkarriere
Die Welt - Aktuelle News
  1. 1. WeltgeschehenTornado in OklahomaKinder im tödlichen Sturm
  2. 2. DeutschlandDrohnenprojektInfo-Blockade bei Euro-Hawk-Pleite rechtswidrig
  3. 3. Kommentare„Euro Hawk“-SkandalDeutsches Verwaltungsversagen kostet Milliarden
  4. 4. DeutschlandSilicon ValleyDie große Klassenfahrt mit Philipp Rösler
  5. 5. WirtschaftBund der SteuerzahlerAmtsträger sollen für Steuerverschwendung in Haft
 
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Zweite Liga

Die Aufstiegsfeier von Hertha

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote