23.11.12

Vorbild Kanada

Deutschland soll bei Einwanderung Punkte einführen

Deutschland ist das drittgrößte Einwanderungsland der Welt, es schlägt sogar Kanada. Dort allerdings klappt es mit der Integration weitaus besser. Eine neue Studie erklärt, warum.

Von Stefan von Borstel
Foto: picture alliance / ZB

Junge Migrantinnen in Berlin-Neukölln. Von den Integrationsangeboten in Kanada profitiert dort auch die zweite Generation stark
Junge Migrantinnen in Berlin-Neukölln. Von den Integrationsangeboten in Kanada profitiert dort auch die zweite Generation stark

Deutschland ist kein Einwanderungsland – so hieß es jahrelang. Zuwanderer waren als Gastarbeiter willkommen, um hier Lücken auf dem Arbeitsmarkt zu stopfen. Dass sie blieben, war nicht vorgesehen. Heute leben elf Millionen Zuwanderer in Deutschland. Nach den USA und Russland ist Deutschland damit das drittgrößte Einwanderungsland der Welt – noch vor Kanada, das mit sieben Millionen Einwanderern Platz fünf erreicht.

Da in Kanada weniger Menschen leben als in Deutschland, ist der Anteil der Zugewanderten aber mit 21,1 Prozent höher als hierzulande mit 13,1 Prozent. Es gibt weitere wichtige Unterschiede: Die Zuwanderer sind höher qualifiziert und besser in den Arbeitsmarkt integriert als in Deutschland.

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat untersucht, was Deutschland, den Autoren der Studie zufolge ein "Einwanderungsland wider Willen", von der Zuwanderungs- und Integrationspolitik Kanadas lernen kann. Für die kanadische Erfolgsgeschichte gibt es danach vor allem zwei Gründe: Erstens rekrutiert die Zuwanderungspolitik über ein Punktesystem gut Ausgebildete und Fachkräfte, die am Arbeitsmarkt nachgefragt sind, wie etwa Pfleger oder Arbeiter in der Ölindustrie.

Ausgeklügelte Integrationshilfen

Zweitens bietet das Land den Zugewanderten ein ausgeklügeltes Angebot an Integrationshilfen, von denen gerade auch die zweite Generation der Migranten profitiert. Mit Kursen schon im Heimatland werden die Zuwanderer auf das Leben in Kanada vorbereitet. In Kanada selbst helfen "Brückenkurse", häufig auch mit Mentorenprogrammen der Arbeitgeber, bei der Integration.

Dank der gesteuerten Zuwanderung haben in Kanada 45 Prozent der in den letzten fünf Jahren Zugewanderten einen Universitätsabschluss, in Deutschland sind es nur 32 Prozent. In Kanada arbeiten 74,9 Prozent der Einwanderer, In Deutschland nur 68,7 Prozent. Besonders gut seien die Erfolge der zweiten Generation.

Die Kinder der Migranten machen in Kanada überwiegend einen akademischen Abschluss und übertreffen damit den Nachwuchs der Einheimischen bei Weitem. In Deutschland liegen die Migrantenkinder bei den hohen und mittleren Abschlüssen dagegen hinter den Einheimischen.

Institut empfiehlt Punktesystem für Deutschland

Kern des kanadischen Modells ist ein Punktesystem, das Einwanderungswillige nach Ausbildung, Sprachfähigkeiten und dem Alter auswählt und damit klar auf hoch qualifizierte Fachkräfte zielt. Wer diese Kriterien erfüllt, kann auch ohne Jobangebot einreisen. Das Berlin-Institut empfiehlt Deutschland ebenfalls ein Punktesystem. Neben seiner Effektivität böte es auch einen Vermarktungsvorteil.

Potenzielle Zuwanderer würden Deutschland dann stärker als Wanderungsziel wahrnehmen. Zusätzlich müsste es aber – ebenfalls nach dem Vorbild Kanadas – eine "über die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes gesteuerte Zuwanderungsvariante" geben. So könnte auch geringer Qualifizierten, wie etwa Pflegekräften, die Zuwanderung erlaubt werden, wenn ein Jobangebot besteht.

Autoren fordern Bekenntnis zur Einwanderung

Nicht zuletzt müssten sich aber die Politiker in Deutschland "auch gegenüber der eigenen Bevölkerung klarer zur Einwanderung bekennen und deren potenziellen Nutzen unterstreichen", empfehlen die Autoren der Studie. Sie verweisen auch auf die demografische Entwicklung: Selbst wenn es gelänge, jedes Jahr 100.000 Zuwanderer zu gewinnen, würde die Bevölkerungszahl in Deutschland bis 2050 um etwa zwölf Millionen Menschen sinken.

In Deutschland gibt es seit diesem August die Blue Card für Akademiker aus Staaten außerhalb Europas. Sie müssen allerdings einen Job in Deutschland mit einem Gehalt von mindestens 44.800 Euro nachweisen. In Mangelberufen, wie bei Ärzten oder Ingenieuren, liegt die Gehaltsschwelle nur bei 35.000 Euro. Zudem dürfen Akademiker sechs Monate nach Deutschland kommen, um hier einen Job zu suchen, wenn sie sich selbst finanzieren können.

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