Zweiter Weltkrieg

Warum Paulus den Ausbruch aus Stalingrad verpasste

In der endlosen Debatte, wie es zur Katastrophe von Stalingrad kommen konnte, spielt Friedrich Paulus eine Hauptrolle. Er verweigerte im November 1942 die Chance, nach Westen durchzubrechen.

Foto: picture-alliance / akg-images

Als Friedrich Paulus (r.; 1890-1957) im Januar 1942 das Kommando über die sechste Armee übernahm, wurde er zum General der Panzertruppe befehligt. Ein Jahr später war er Generalfeldmarschall.

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Als sich im November 1942 die sowjetischen Zangen um die 6. Armee im Großraum Stalingrad schlossen, weilte ihr Oberbefehlshaber 100 Kilometer weiter westlich in Nischne-Tschirskaja, einem Eisenbahnknotenpunkt am Don. Gemeinsam mit seinem Stabschef Arthur Schmidt war Friedrich Paulus dorthin geflogen, weil sein Hauptquartier gleich zu Beginn der sowjetischen Offensive von russischen Panzern bedroht worden war. Außerhalb des sich schließenden Kessels hoffte Paulus, über sichere Nachrichtenverbindungen Einfluss auf die neue Strategie seiner Vorgesetzten nehmen zu können.

Hitler befahl Paulus, umgehend zurückzukehren. Mit einem Vorrat an Rotwein und Champagner der Marke Veuve-Cliquot kehrte das Armeeoberkommando zurück – "eine seltsame Wahl für jemanden ... der doch allem Anschein nach schnell auszubrechen plante", kommentiert der britische Historiker Antony Beevor in seinem Standardwerk "Stalingrad" die Episode.

In der endlosen Debatte, wie es zur Katastrophe von Stalingrad kommen konnte, spielt Paulus seit jeher eine Hauptrolle. Professionelle Zeitzeugen und viele später schreibende Spezialisten sind sich einig, dass ein umgehender Ausbruch der 6. Armee und den ebenfalls eingeschlossenen Teile der 4. Panzerarmee zwar große Verluste eingetragen hätte, aber mit großer Wahrscheinlichkeit gelungen wäre.

"Haltet aus, der Führer holt uns raus"

Dagegen stand zwar Hitlers Befehl, die "Festung Stalingrad" "unter allen Umständen" zu halten. Aber Paulus' Generäle hielten mit guten Argumenten dagegen, wobei sie auf die schwindenden Vorräte an Munition und Brennstoff verwiesen und auf die Unmöglichkeit, sie über eine Luftbrücke aufzufüllen. Wenn die Führung "den Befehl zum Ausharren in der Igelstellung nicht unverzüglich aufhebt, ergibt sich vor dem eigenen Gewissen gegenüber der Armee und dem deutschen Volk die Pflicht, sich die ... Handlungsfreiheit selbst zu nehmen und von der ... noch bestehenden Möglichkeit, die Katastrophe ... zu vermeiden, Gebrauch zu machen".

Gemäß seinen Worten wagte der Kommandeur des LI. Armeekorps, Walther von Seydlitz-Kurzbach, einen Ausbruchsversuch, der allerdings scheiterte. Paulus deckte die Aktion zwar gegenüber Hitler, verharrte aber ansonsten in Untätigkeit. Die Notiz, mit der Paulus Stabschef Schmidt Seydlitz' Eingabe quittierte, spricht Bände: "Wir haben uns nicht den Kopf des Führers zu zerbrechen, und General von Seydlitz nicht den des Oberbefehlshabers."

Am 27. November lautete Paulus' Tagesbefehl denn auch: "Haltet aus, der Führer holt uns raus!" Mit einer Mischung aus blindem Gehorsam und Fatalismus ergab sich die Führung der 6. Armee in ihr Schicksal. 330.000 Männer mussten ihr folgen.

Obwohl Erwin Rommel in der gleichen Situation kurz zuvor vor El Alamein gegen Hitlers ausdrücklichen Befehl den Rückzug anordnete, hatten Paulus und Rommel vieles gemein. 1890 und 1891 geboren, stammten sie aus aufstrebenden Beamtenfamilien – Paulus' Vater war Landeshauptkassen-Buchhalter, der von Rommel Realschulrektor. Beide kämpften im Ersten Weltkrieg in südwestdeutschen Regimentern, längere Zeit übrigens an der Alpenfront und kamen in der Weimarer Republik in der Reichswehr unter. In Stuttgart waren sie Kompanieführer im gleichen Regiment, lehrten später an der Kriegsschule und machten Karriere beim Aufbau der neuen Panzerwaffe.

Paulus und Rommel – Favoriten Hitlers

Vor allem aber teilten sie die Bewunderung für Hitler und seine Wiederaufrüstung, die ihnen großartige Karrierechancen eröffnete und die aus ihrer Sicht ungerechtfertigte Niederlage im Ersten Weltkrieg vergessen machte. Ihre Begeisterung blieb ihrem "Führer" nicht verborgen. Gerade weil Paulus und Rommel nicht preußischer Militärtradition entstammten, sondern einen modernen Offizierstypus repräsentierten, gewannen sie Zuneigung und Förderung Hitlers. Innerhalb von drei Jahren schaffte Rommel, innerhalb von vier Paulus die fünf Stufen vom Generalmajor zum Generalfeldmarschall.

Soweit die Gemeinsamkeiten. In Stalingrad wurden indes die Unterschiede zwischen beiden fatal. Während Rommel bereits im Ersten Weltkrieg seine Fähigkeit als Feldkommandeur unter Beweis stellte (er erhielt dafür den Orden Pour le Mérite), war Paulus ein leidenschaftlicher Schreibtischgeneral. Seine Welt waren die Stäbe, in denen er es 1940 bis zum Stellvertreter des Generalstabschef Franz Halder brachte. Anders als das ehrgeizige Raubein Rommel machte sich Paulus mit seinen guten Manieren leicht Freunde. Einer davon war Walter von Reichenau, der beim Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion die 6. Armee befehligte. Er forderte Paulus als Stabschef an.

Reichenau, ebenfalls ein Bewunderer Hitlers und Verfechter des Weltanschauungskrieges gegen die Sowjetunion, erlangte traurige Berühmtheit mit einem Befehl, in dem er seine Soldaten aufrief, für die "Notwendigkeit der harten, aber gerechten Sühne am jüdischen Untermenschentum volles Verständnis" zu haben. Nach Reichenaus tödlichem Unfall Anfang 1942 übernahm Paulus den Oberbefehl über die 6. Armee.

Die Angst vor Napoleons Beresina-Übergang

So kam ein Mann, dessen Hobby es war, bei einem Glas Rotwein die Schlachten Napoleons nachzustellen, und der nie eine Division oder ein Korps geführt hatte, zu der Ehre, Hitlers Speerspitze beim Vorstoß nach Süden kommandieren zu dürfen. Als ihm Hitler elf Monate später in Stalingrad den Ausbruch verbot und ihm großspurig versicherte, dass er "alles tun werde, um ihr (der 6. Armee; d. Red) zu helfen", war er nicht der Mann, aus eigenem Urteil und eigener Verantwortung heraus zuwiderzuhandeln und den Ausbruch zu befehlen.

In seinem Hauptquartier wurden Erinnerungen an die Katastrophe Napoleons in Russland 130 Jahre zuvor beschworen. Einige seiner Offiziere hielten Paulus das Beispiel des preußischen Generals Yorck von Wartenburg vor, der gegen den Willen seines Königs mit den Russen eine Vereinbarung getroffen hatte und damit sein Korps rettete. Paulus dagegen argumentierte mit dem katastrophalen Rückmarsch, der in dem, wie er es sah, Desaster an der Beresina geendet hatte.

Unfähig zu eigenverantwortlichem Handeln

Damit bewies Paulus einmal mehr, dass er Clausewitz nicht verstanden hatte, der Napoleons Übergang über die Beresina als Triumph interpretiert hatte. Vielleicht hätte ein Anstoß seines Vorgesetzten Paulus zum Ausbruch drängen können. Aber auch der Oberbefehlshaber der neu gebildeten Heeresgruppe Don, Erich von Manstein, konnte sich zu keiner klaren Haltung durchringen. Später erklärte er: "Preußische Feldmarschälle meutern nicht." In diesem Sinn überließ Paulus sich und seine 20 Divisionen dem Schicksal, das Hitler ihnen zugedacht hatte.

Vordergründig konnten sich die Eingeschlossenen damit trösten, ihre Unterkünfte, die sie mit Mühe errichtet hatten, nicht für einen mörderischen Marsch durch die verschneite Steppe mit ungewissem Ausgang aufgeben zu müssen. Noch hofften sie auf den versprochenen Einsatz und das großspurige Versprechen Görings, man werde die Armee schon aus der Luft versorgen.

Nur Paulus dämmerte wohl schon damals, dass seine Unfähigkeit zu eigenverantwortlichem Handeln tödliche Konsequenzen haben würde. Überliefert ist sein Satz: "Ich weiß, die Kriegsgeschichte hat schon jetzt ein Urteil über mich gesprochen."

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