Iran nach der Wahl
Ausländische Journalisten dürfen nicht mehr auf die Straße
Der vierte Tag der Revolution im Iran ist der Tag, an dem das Regime einen kompletten Blackout verhängt. Ausländische Medien dürfen nicht mehr von der Straße über die massiven Proteste berichten.
Von Stephanie Rupp
Der vierte Tag der Revolution im Iran ist der Tag, an dem das Regime einen kompletten Blackout verhängt. Ausländische Medien dürfen nicht mehr von der Straße über die massiven Proteste berichten. Die Journalisten sollen in ihren Büros bleiben. Interviews dürfen nur noch per Telefon geführt werden. Die Medien sollen ansonsten nur noch auf amtliche Quellen wie das staatliche Fernsehen zurückgreifen. Auch internationale Nachrichtenagenturen schicken aus dem Iran nur noch Bilder des Staats-Senders in die Redaktionen der Welt. Und die Visa ausländischer Journalisten, die zur Berichterstattung über die Präsidentenwahl ins Land kamen, sollen nicht verlängert werden.
Die Organisation Reporter ohne Grenzen protestiert dagegen, dass Journalisten festgenommen, Zeitungen geschlossen, Webseiten gesperrt, Beamte entlassen, Artikel zensiert und das Mobilfunknetz teilweise gesperrt wurden. Und so sucht sich das Informationsbedürfnis der Iraner und der Welt andere Kanäle. Auf den Internetplattformen Twitter, Facebook und in Blogs werden neuste Berichte über die Lage ausgetauscht. Videos über Proteste und die Gewalt der Sicherheitskräfte gegen zumeist friedliche Demonstranten werden hunderttausendfach auf YouTube abgerufen.
Im Iran selbst hat der Aufruhr längst auch Menschen erfasst, die vor kurzem noch treu zum Regime standen. Abbas Mirdamadi (Name geändert) zum Beispiel ist ein Revolutionär der ersten Stunde und hat 1979 gegen den Schah demonstriert. Mit Hunderttausenden hat er damals jeden Abend "Allah u akbar" (Gott ist groß) vom Hausdach hinunter ins nächtliche Teheran gerufen. Der heute knapp 50-Jährige hat Ajatollah Ruhollah Khomeini schon verehrt, als er noch ein kleines Kind war "und der Imam noch im Exil gelebt hat".
Die Ideen des Gründers der Islamischen Republik verteidigt Mirdamadi noch heute. Er hat Anfang der 80er Jahre sogar an vorderster Front am Aufbau der freiwilligen Bassidsch-Milizen mitgewirkt – jener Volksmilizen, die in der Nacht zu gestern mindestens sieben Menschen in Teheran erschossen haben. Seit vier Tagen demonstriert Mirdamadi nun wieder auf den Straßen der iranischen Hauptstadt – aber nicht etwa auf Seiten der Anhänger des Staatspräsidenten Mahmud Ahmadinedschad, sondern inmitten der Unterstützer des angeblich unterlegenen Kandidaten Mir Hussein Mussawi. Am Montagabend hörte er, wie Bassidsch-Milizen von Hausdächern aus Schüsse in die Menge feuerten und dabei Demonstranten töteten, während auf umliegenden Dächern Regimegegner ihr "Allah u akbar" riefen.
"Es ist für mich unerträglich, was bei uns in diesen Tagen passiert", sagt der freundliche Mann mit den schwarzen Haaren und dem Drei-Tage-Bart und hält entsetzt die Hand vor den Mund. Der Dozent an der Universität, die derzeit geschlossen ist, muss zusehen, wie Angehörige der freiwilligen Milizen eine schwangere Frau von einem Moped aus mit einem Stock schlagen und eine alte Frau ein Stück weit über den Boden ziehen. "Das sind genau die Methoden, mit denen die Bassidschi versuchen, die Leute einzuschüchtern und Wut zu schüren", sagt er. Die jungen Männer bekämen jeden Tag in der Moschee eine warme Mahlzeit und Anweisungen.
Während eine Gruppe junger Studenten "Tod den Taliban – wie in Kabul so in Teheran" ruft, brennen ein paar Meter weiter Autoreifen. Ein Pick-up mit weiteren Bassidschis fährt in die Menge der Demonstranten hinein. Sie kommen mit dem Schrecken davon.
Nur ein Teil der Feuer in der Stadt geht wohl auf das Konto der Ahmadinedschad-Gegner. Insider sagen, dass Anhänger des Präsidenten selbst zündeln und Scheiben einwerfen, um dies den Gegnern in die Schuhe zu schieben.
Mirdamadi hat sich den Demonstranten angeschlossen, weil "ich immer in meinem Leben für Gerechtigkeit gekämpft habe. Und das, was am Samstag passiert ist, ist ungerecht." Es sei eindeutig, dass Mussawi "der Präsident unseres Volkes" ist, und wie viele seiner Landsleute fordert Mirdamadi eine sofortige Annulierung der Wahlen. "Wo bitte, sind die angeblich doppelt so vielen Ahmadinedschad-Anhänger auf den Straßen?" fragt er, als er an diesem Dienstag auf dem Weg zur nächsten Demonstration ist. Gar nicht weit von ihm hört man den gleichen Gedanken in einem Sprechchor: "Mussawi, Mussawi, wo sind die 63 Prozent?" in Anspielung auf die 63 Prozent der Bürger, die landesweit für Ahmadinedschad gestimmt haben sollen. Obwohl Mussawi seine Anhänger gebeten hat, die gestrigen Kundgebungen abzusagen, um keine Zusammenstöße mit den Leuten Ahmadinedschads und weitere Tote zu riskieren, sind viele doch wieder auf die Straße gegangen.
Mirdamadi sagt, er sei genauso wenig ein Oppositioneller wie Mussawi. Die wenigsten Demonstranten seien wirklich Oppositionelle im westlichen Sinne. "Aber natürlich sind wir Opposition in dem Sinne, dass wir es nicht mittragen, wenn sich unser geistlicher Führer Ali Chamenei einen Mann wie Mahmud Ahmadinedschad als Marionette nimmt." Dass der Wächterrat angekündigt hat, die Wahlergebnisse eingehend zu überprüfen, sei "nicht ausreichend und nicht glaubwürdig". Etwas mehr Hoffnung macht die Aussage des Sprechers des Wächterrats Abbas Ali Kadkhodai vom Nachmittag, wonach eine Neuwahl nicht völlig ausgeschlossen sei.
Proteste in Berlin
Aus Protest gegen das Vorgehen der iranischen Regierung sind in Berlin mehr als tausend Menschen auf die Straße gegangen. Nach Polizeiangaben zogen etwa 1100 Demonstranten am Dienstagabend friedlich über den Kurfürstendamm zur Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Zu dem Protestzug hatte unter anderem die iranische Studentengemeinde in Berlin aufgerufen.
Mitarbeit: Clemens Wergin
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