21.11.12

Rede

Wehmütiger Wulff macht da weiter, wo er aufhörte

Neun Monate nach seinem Rücktritt hält Ex-Bundespräsident Wulff wieder eine Rede – und nimmt an der Universität Heidelberg den Faden wieder auf: Er streitet für eine vielfältige Gesellschaft.

Quelle: Reuters
21.11.12 1:15 min.
Christian Wulff hat sich seit seinem Rücktritt aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den ehemaligen Bundespräsidenten wegen des Verdachts der Vorteilnahme.

Dann steht er plötzlich wieder am Pult. Sogar die Designer-Brille, das unwillkürliche Symbol der großen Krise, ist wieder verschwunden. Christian Wulff. Dunkelgraue Hose, etwas hellergraues Jacket, graue Krawatte; gar nicht so viel schlanker. Nicht verhärmt, nicht verstockt.

Alles wie früher. Zurück auf Los. Heidelberg, die famos vertäfelte Alte Aula der Universität, am Mittwochabend. Ein Plädoyer für Integration und gegen Abgrenzung, für Miteinander und Zusammenhalt. Als wäre nichts gewesen.

Eingeladen hat die Hochschule für Jüdische Studien, zu deren traditionsreichen - und völlig honorarfreien - Hochschulrede Angela Merkel schon geladen war, Günther Jauch und Thomas Gottschalk. Joachim Gauck natürlich, den Wulff, das fällt gleich auf, lobend erwähnt dafür, dass er das Thema Integration auch ganz oben hat auf seiner Präsidenten-Agenda.

Aber man hört an solch einem Tag, neun Monate nach Rücktritt und Zapfenstreich, natürlich auch das Gras wachsen. Wie macht er das? Was sagt er? Wen kritisiert er? Wie hat er das alles weggesteckt?

Naheliegende Fußballvergleiche

Gemessen an diesem Abend: Blendend. Wulff ist ganz Wulff. Er reißt einen rhetorisch noch immer nicht vom Hocker, er arbeitet brav seine Rede ab. Er leitet seinen Vortrag lehrbuchgemäß populär ein mit den bei Integrationsreden nahe liegenden Fußballvergleichen; mit Nationalspielern, die nicht mehr Andreas, Rudi oder Lothar heißen, sondern Sami, Jérôme oder Mesut.

Mit einem 4:4 gegen Schweden und mit einem typischen Schweden namens Ibrahimovic. Und schon ist er wieder mittendrin in seinem Thema. Seinem Anliegen.

Gesellschaftlicher Wandel, Versöhnung der Religionen, Zusammenhalt. Die Notwendigkeit, Deutschland miteinander zu gestalten und nicht nebeneinander her zu leben. Mit allen Rechten - und auch allen Pflichten, die er einführt, indem er sich auf Kirsten Heisig bezieht, die Berliner Jugendrichterin, die das Land aufgerüttelt hat.

"Menschen mit Zuwanderungsgeschichte"

Zwischendurch artikuliert der dramatisch gestürzte Bundespräsident das von ihm geteilte allgemeine Unbehagen mit dem Begriff Migrationshintergrund und nimmt als Verbesserungsvorschlag den Begriff "Menschen mit Zuwanderungsgeschichte" auf, der ihm zuletzt aufgefallen sei.

Er benennt auch die nach wie vor vorhandene Scham über die NSU-Morde und über das "Versagen der Ermittlungsbehörden", das er sich in diesem Maße niemals habe vorstellen können.

Diejenigen unter den rund 350 Zuhörern, die das Gras wachsen hören möchten, können in diesem Moment einen Hauch Wehmut spüren. Christian Wulff hätte gerne als Präsident an der Trauerfeier mit den Angehörigen der Opfer teilgenommen.

Das wäre ihm, keine Frage, ein Herzensanliegen gewesen. Aber darauf wollte die Staatsanwaltschaft Hannover keine Rücksicht nehmen. Sie ermittelt bis heute wegen Vorteilnahme gegen den früheren Präsidenten.

Dialog der Kulturen

Der wirbt in Heidelberg weiter für den Dialog der Kulturen, dafür dass hierzulande "niemand wegen seines Glaubens benachteiligt wird". Für die "Abwesenheit von Diskriminierung" und für das "Interesse der Menschen aneinander". Keine neuen Gedanken, aber solche, die noch lange nicht alle verstanden haben.

Dafür, dass wir verstehen, dass "es im nationalen Interesse Deutschlands liegt", wenn wir offen sind für die Menschen aus aller Welt. Es gibt ordentlichen Beifall für den jungen "Elder Statesman", kein Hass, auch keine Häme.

Nur an einer Stelle gerät Wulff an diesem Bußtagsabend ins Stocken. Als eine Frau aus dem Publikum ihn nach seiner Haltung zum Betreuungsgeld fragt, bittet der Ex-Präsident nach ein paar lavierenden Politiker-Sätzen um Nachsicht: "Verstehen Sie bitte, dass ich ein wenig herumeiere." Schließlich sei er gehalten, auch "nach dem Amt" staatsmännisch zu agieren.

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