22.11.12

Deutsche Einheit

Politiker fordern von Ostdeutschen Selbstbewusstsein

Auch 22 Jahre nach der Wiedervereinigung ist die ostdeutsche Präsenz in der gesamtdeutschen Elite gering. Spitzenpolitiker aus dem Osten fordern ihre Landsleute nun auf, offensiver aufzutreten.

Foto: dpa

Mit Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sind zwar die beiden wichtigsten politischen Ämter in Deutschland mit gebürtigen Ostdeutschen besetzt. Doch in anderen Bereichen sieht es eher mau aus
Mit Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sind zwar die beiden wichtigsten politischen Ämter in Deutschland mit gebürtigen Ostdeutschen besetzt. Doch in anderen Bereichen sieht es eher mau aus

Im Zuge der Debatte über den geringen Anteil von Ostdeutschen in der bundesrepublikanischen Elite fordern Spitzenpolitiker von den Ostdeutschen mehr Selbstbewusstsein. Ostdeutsche sollten "mit Stolz auf die Entwicklung nach der Wende zurückblicken und dabei offensiv auf unsere Erfahrungen hinweisen", sagte der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (CDU), der Berliner Morgenpost: "Ein Bundespräsident und eine Bundeskanzlerin mit ostdeutschen Biografien sind das richtige Signal dafür, dass wir uns einmischen und die Berücksichtigung unserer ganz eigenen Erfahrungen immer wieder reklamieren müssen."

Nach der Wende sei ein Elitenwechsel in Politik, Justiz und Medien ausdrücklich gewünscht und auch notwendig gewesen, sagte Haseloff. Doch dieser habe auch zu einer "Verdrängung ostdeutscher Repräsentanten durch die westdeutsch dominierten Netzwerke" geführt.

In der Wirtschaft wirke sich die Tatsache aus, "dass natürlich im Osten nicht ansatzweise vergleichbare Vermögen erwirtschaftet werden konnten, wie dies über Jahrzehnte im Westen möglich war", so Haseloff. Dies sei auch der Grund, warum kein Dax-Unternehmen seine Konzernzentrale im Osten habe. Dieser müsse noch mehr seine Stärken nutzen wie etwa die "Flexibilität einer mittelständisch geprägten Wirtschaftsstruktur".

Thierse: Ostdeutsche hatten keine wirkliche Chance

Nach Ansicht von Wolfgang Thierse, Bundestagsvizepräsident und SPD-Politiker, war der Elitenwechsel als Konsequenz der friedlichen Revolution zwar "von einer Mehrheit der Ostdeutschen gewünscht". In Bereichen wie Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft sei er aber deshalb so schmerzlich gewesen, "weil Ostdeutsche keine wirklich faire Chance hatten – denn die Westdeutschen waren die Stärkeren, hatten die Netzwerke, waren die Eleganteren oder Brutaleren im Ellenbogen-Einsatz", sagte Thierse der Berliner Morgenpost. "Mut, Selbstbewusstsein, Cleverness, Selbstdarstellung – all die (Un-)Tugenden der Konkurrenz mussten von den Ossis erst mühsam gelernt werden."

Die Folgen sei auch deshalb noch spürbar, weil Angela Merkel sich selbst nicht sonderlich für spezifisch ostdeutsche Interessen engagiere, kritisierte Thierse. Erst bei den folgenden Generationen werde die geografische Herkunft weniger wichtiger.

Pau: "Einzigartige Erfahrung des Systembruchs"

Auch Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau fordert die Ostdeutschen auf, mehr Selbstbewusstsein zu zeigen. "Man muss sich selbstbewusst ins Spiel bringen und nicht als Opfer sehen", sagte die Linken-Politikerin der Berliner Morgenpost. Ostdeutsche verfügten nicht nur über Erfahrung mit zwei Systemen, sondern auch die "einzigartige Erfahrung des Systembruchs". Dies könne in vielen Bereichen, etwa in der Bildungsdiskussion, von Vorteil sein.

Als positives Beispiel für ostdeutsches Selbstbewusstsein nannte Pau den Verein "Dritte Generation Ost", einen Zusammenschluss von Wendekindern, der Konferenzen organisiert und Bücher zum Thema publiziert hat.

Problem der "Habitus-Fremdheit"

Vor kurzem war eine Studie des Jenaer Soziologen Raj Kollmorgen bekannt geworden, der zufolge der Anteil von Ostdeutschen an Elitepositionen nur bei fünf bis neun Prozent liegt – trotz inzwischen gleicher Bildungsabschlüsse. Insgesamt machen Ostdeutsche rund 17 Prozent der Bevölkerung aus.

Kollmorgen zufolge liegt der geringe Ost-Anteil daran, dass "Eliten dazu neigen, sich selbst zu reproduzieren, weil man sich wechselseitig kennt". Für Ostdeutsche komme noch das Problem der "Habitus-Fremdheit" hinzu. Dies gelte selbst für die heute 35- bis 50-Jährigen.

Der aus Erfurt stammende haushaltspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Carsten Schneider, kommt zu einem ähnlichen Schluss: "Insbesondere da, wo man starke Netzwerke braucht, sind die Eliten nicht durchlässig." In den Führungsetagen von Unternehmen treffe er nur sehr selten Ostdeutsche an.

Tatsächlich stammen von allen Dax-Vorständen nur zwei aus Ostdeutschland: Torsten Jeworrek von der Münchener Rück und René Umlauft von MAN SE. Auch Schneider glaubt, dass die Ostdeutschen selbstbewusster werden müssen. Wir brauchen uns nicht verstecken, sondern können besondere Erfahrungen über Veränderungsprozesse einbringen, die für die Entwicklung unserer Gesellschaft insgesamt von großem Wert sind." Er glaubt, dass der gegenseitige Austausch und eine bessere Vernetzung auch die Präsenz von Ostdeutschen in Spitzenfunktionen erhöhen würde.

Ost-West-Vergleich relativiert das Bild

Das Bild relativiert sich, wenn man nach Ost und West differenziert. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaft von 2010 zeigt zwar, dass der Anteil ostdeutscher Führungskräfte in Westdeutschland binnen zehn Jahren um lediglich zwei Prozentpunkte gestiegen ist – von null auf zwei. Allerdings waren in Ostdeutschland im Jahr 2009 71 Prozent der Führungsposten von Ostdeutschen besetzt.

Die Politik gilt als durchlässiger

Die Politik gilt auch gesamtdeutsch als durchlässiger. Doch während westdeutsche Politiker in ostdeutschen Länderregierungen keine Seltenheit mehr sind, ist die gebürtige Sächsin Johanna Wanka die erste und bislang einzige ostdeutsche Ministerin in einer westdeutschen Landesregierung. Bis 2009 war die promovierte Mathematikerin für die CDU Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur in Brandenburg. Nachdem die rot-schwarze Regierungskoalition dort vor drei Jahren auseinanderbrach, wurde sie Oppositionsführerin. 2010 wurde Wanka überraschend vom damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU) zur Landesministerin für Kultur und Wissenschaft berufen.

Dass die beiden wichtigsten politischen Ämter in Deutschland inzwischen von zwei Ostdeutschen besetzt sind, hat auf andere Bereiche keine Auswirkungen gehabt. Auch auf den eigenen nicht: Selbst in der Regierung gibt es keinen einzigen ostdeutschen Minister.

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