21.11.12

"Der Aufsteiger"

Von der Politik besessen wie von einem Dämon

Aus dem Mund eines Politikers sprechen viele Personen: Der französische Kinofilm "Der Aufsteiger" ist ein spannendes Kammerspiel um Macht und Korrumpierbarkeit – und beklemmend nah an der Realität.

Nicht nur Schauspieler sollten ihren Regisseur verblüffen. Auch die Umkehrung kann fruchtbar sein. Vor Beginn der Dreharbeiten zu seinem Politdrama gab Pierre Schoeller seinen Darstellern eine folgenschwere Regieanweisung: Sie sollten spielen wie in einem Mafia-Film. Das war erst einmal als ein technischer Hinweis gemeint, als Appell, Tempo vorzulegen und jedem Moment Dringlichkeit zu verleihen.

Damit eröffnete er zugleich einen immensen Assoziationsraum. Um Machtfülle und Korrumpierbarkeit geht es in "Der Aufsteiger", um strenge Hierarchien, Loyalität, tödliche Bedrohung, Rivalität, auch um ein Mandat der Fürsorge und um dessen Verrat. Das gegebene Wort ist in der Politik wie beim organisierten Verbrechen heilig und widerruflich zugleich.

Wie Coppolas "Der Pate" weiht Schoellers Film den Zuschauer in eine Welt ein, die ihren eigenen Gesetzen gehorcht. Es spricht für seine Redlichkeit, dass die Analogie zwischen denen, die Gesetze erlassen und denen, die sie brechen, nicht die letzte Wahrheit bleibt. Schoellers Blick in die Korridore der politischen Macht gebricht es an jenem wohlfeilen Zynismus, der dort nur ein Schachern um Wählerstimmen und Machterhalt entdecken mag. Seine Erzählmoral ist die Unvoreingenommenheit: Er schaut zu, wie das Alltagsgeschäft eines Kabinetts funktioniert.

Adrenalinstoß der Macht

Insgeheim erzählt er einen Bildungsroman. Der französische Verkehrsminister Bertrand Saint-Jean (Olivier Gourmet) gehört nicht zu Serail, dem engeren Kreis der politischen Kaste. Er stammt weder aus einer großen Familie, noch hat er die Eliteschule ENA absolviert, aus deren Abgängern sich die Regierungen Frankreichs rituell speisen. Ihm fehlt der karrierefördernde Schliff. Sein politisches Projekt ist, die Privatisierung der Bahnhöfe zu verhindern.

Aus der Frage, wie belastbar seine Worte sind und ob er gegen die Kabinettsraison an seinen Überzeugungen festhält, schöpft der Film großen Suspense. Saint-Jean ist er zerrissen zwischen den Einflüsterungen seiner PR-Beraterin Pauline (Zabou Breitman) und dem leidenschaftlichen, aufrechten Pragmatismus seines Referenten Gilles (Michel Blanc). Beharrlich führt Schoeller dem Publikum vor Augen, dass aus dem Mund eines Politikers immer viele Personen sprechen.

Gourmet gibt sich allerdings heroische Mühe, den Minister nicht als ehrgeizige Marionette zu denunzieren, sondern zum Subjekt der Erzählung werden zu lassen. Saint-Jean ist von der Politik besessen wie von einem Dämon. Er braucht den Adrenalinstoß der Macht.

Panzer gegen Zweifel

Mit gewissenhafter Verve hält Gourmet seine Figur im Zwiespalt zwischen Image und Substanz. Eingangs wird der Minister in die Ardennen gerufen, wo ein Reisebus mit Schulkindern verunglückt ist. Dort muss er Anteilnahme mit Opfern und Angehörigen demonstrieren. Sogleich enthüllt uns der Film, dass er sie tatsächlich empfindet: Fernab vom Scheinwerferlicht der Fernsehkameras muss er sich übergeben. Bei aller Entschlossenheit, sich von der Macht verführen zu lassen, hat Saint-Jean sich noch keinen Panzer gegen Zweifel zugelegt. "Du würdest mich nicht lieben", sagt er bei der Heimkehr aus den Ardennen zu seiner Frau, "wenn du mich kennen würdest."

Schoeller verriet seinen Darstellern nicht, ob sie Mitglieder einer Links- oder einer Rechtsregierung spielen. Er studiert die Kontinuität des politischen Apparates; der Originaltitel, "L'exercice de l'État", nimmt generell die Ausübung der Staatsmacht in den Blick. Ihre Handhabe ist begrenzt (und ihre Legitimation mithin kompromittiert); zumal in Krisenzeiten steckt sie im Klammergriff der Ökonomie.

Kein einziger Freund

Schoellers Innenansichten des politischen Geschäfts muten realitätsnah an. Er inszeniert sie indes nicht in einem ratlos dokumentarischen Gestus, sondern mit dramatischem Elan. Schon mit der Eröffnungsszene, einem verstörenden, beziehungsreichen erotischen Traum Saint-Jeans, stößt er die Tür entschieden zur Fiktion auf. Die Verbindung, die der Film zur Realität herstellt, wird fortan brüchig sein.

Schärfenverlagerungen und die raffinierte Tondramaturgie schaffen eine Atmosphäre des Entrücktseins. Das ist durchaus als politischer Kommentar lesbar. Mehr noch interessiert Schoeller jedoch das Motiv der Entfremdung, des brüchig gewordenen Rückhalts. 400 Kontakte, sagt Saint-Jean beim Blick auf sein Mobiltelefon, aber kein einziger Freund darunter.

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