Umstrittene Wahl
Übers Netz flutet die Wahrheit aus Iran in die Welt
Eine Flut von Kommentaren ergießt sich in das Internet. Die Menschen sprechen sich Mut zu, sie organisieren immer neue Proteste und berichten von brutaler Gewalt: "Die Bassidschi-Bastarde haben mit Eisenketten auf uns eingeschlagen." Über das Internet werden die Ereignisse im Iran in die Welt getragen.
Von Gabriela M. Keller
Die Sätze klingen gehetzt, atemlos. "Die Bassidschi-Bastarde haben mit Eisenketten auf uns eingeschlagen", schreibt der iranische Student über die regimetreue Miliz, "mein Rücken schmerzt, doch ich bin ok." Wenig später meldet er aus seinem Wohnheim: "Es gibt nichts, was wir tun könnten, Bassidschi und Polizei hindern jeden am rein- und rausgehen." Und gleich darauf: "Wir haben hier nun einige Studenten, die dringend ärztliche Hilfe brauchen, ich wende mich an alle Leute da draußen: Lasst uns nicht allein."
Es sind rohe, direkte Schilderungen, die der Student unter dem Pseudonym "Change_for_Iran" über das Netzwerk Twitter verbreitet, voller Tippfehler und ohne Satzzeichen, Zusammenhangsschnipsel aus einem Land, das zusehends im Chaos versinkt.
Während die Regierung nach Kräften versucht, Berichterstattung über die anhaltenden Proteste zu blockieren, wenden sich Zehntausende über das Internet an die Weltöffentlichkeit. Angesichts der Behinderung konventioneller Medien gewinnen die Online-Beiträge erheblich an Bedeutung: Dass die Aufstände auf Schiras, Isfahan, Tabris und weitere Städte in den Provinzen übergegriffen haben, ist fast nur noch von den Anwohnern selbst zu erfahren. Die Ausschreitungen begannen, als der ultrakonservative Präsident Mahmud Ahmadinedschad am Samstag mit überragender Mehrheit im Amt bestätigt wurde. Die Anhänger des reformorientierten Herausforderers Mir Hussein Mussawi gehen davon aus, dass dieser Triumph das Ergebnis eines massiven Wahlbetrugs ist.
Zwar ist auch das Internet immer wieder lahm gelegt. Doch der Staat kommt nicht gegen die Flut der Kommentare an, die sich in Plattformen wie Facebook, Twitter und Youtube ausbreitet. Am Nachmittag zum Beispiel diskutierten Oppositionelle hektisch, ob sie zu einem geplanten Protestmarsch zum Teheraner Azadi-Platz tatsächlich aufbrechen sollen. "Mein RATSCHLAG – tragt Fotos von Imam Chomeini vor euch her, dann können sie nicht auf uns schießen", drängt "Persiankiwi" auf Twitter.
Auch detaillierte Analysen sind im Internet zu lesen: Auf "Teheranbureau" etwa steht eine ganze Reihe von Gründen aufgelistet, warum die offiziellen Zahlen nicht stimmen können: "Sie behaupten, Ahmadinedschad habe in der Stadt Tabriz mit 57 Prozent gewonnen. Mir Hussein Mussawi ist selbst ein Aseri aus Aserbaidschan, dessen Hauptstadt Tabriz ist. Das ergibt schlicht keinen Sinn. In der Vergangenheit haben die Aseris selbst für unbedeutende Kandidaten gestimmt, die aus dieser Provinz stammen."
Auf Facebook unterdessen haben sich Dutzende Gruppen mit Namen wie "I love Iran" formiert, die meisten davon symbolisieren durch ein Logo mit der Aufschrift: "Wo ist meine Stimme?" ihre Zusammengehörigkeit. Fotoblogs zeigen Bilder der Proteste. Auf der Website "Rotten Gods" ist ein Polizist zu sehen, der mit dem Knüppel auf ein halbes Dutzend Leute eindrischt – dann stürmt eine schmale junge Frau heran, tritt den Beamten mit voller Wucht ins Kreuz. Der Blogger Belgiran schreibt, der religiöse Führer des Iran, Ali Chamenei, habe den wahren Präsidenten Mussawi durch einen Coup zum Sturz gebracht, um die Macht der Hardliner zu sichern: "Dieses Regime hat ihr letztes bisschen Legitimität verspielt."
An Kommentaren wie diesen ist abzulesen, dass es den Protestierenden mittlerweile nicht mehr nur um die Wahl geht – sondern um ihre allgemeine Unzufriedenheit mit der Islamischen Republik. Kritik am geistlichen Oberhaupt des Landes, normalerweise ein Tabu, das niemand anzusprechen wagt, füllt nun Blogs und Foren: Der Blogger Ghomar Aschegahne fürchtet dagegen zwar, dass die Brutalität der Polizei ein guter Grund wäre, nicht mehr auf die Straße zu gehen, meint aber dann: "Doch was sollen wir sonst tun, mit all unserem Kummer?"
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