19.11.2012, 15:41

Enführte 15-Jährige Chloés Angst, allein im Kofferraum zurückzubleiben

Foto: Winfried Rothermel / dapd

Sieben Tage musste Chloé mit ihrem Entführer in dessen Fluchtauto zubringen, oft sperrte er sie in den Kofferraum. Der Polizei erklärt die 15-Jährige, warum sie keinen Fluchtversuch unternahm.

Ihre wundersame Rettung verdankt die 15 Jahre alte Chloé aus Südfrankreich nicht zuletzt dem unvorsichtigen Verhalten ihres Entführers. Weil dieser auf einem Waldparkplatz ein Auto aufbrach und einen Laptop stahl, wurde er von deutschen Polizisten verfolgt und wenig später nahe der baden-württembergischen Stadt Offenburg gefasst.

Im Fluchtauto fanden die Beamten dann das völlig verstörte Mädchen – eingeschlossen im Kofferraum. Damit ging für die Französin am Freitag ein einwöchiges Martyrium zu Ende.

Das Mädchen habe bei seiner ersten Vernehmung sehr präzise Angaben über seine Verschleppung gemacht, berichtete der Offenburger Oberstaatsanwalt Herwig Schäfer am Montag. Chloé habe während der sieben Tage, die sie mit ihrem Entführer im Fluchtauto zubringen musste, immer wieder "Todesangst" gehabt.

Während der Flucht in Richtung Norden, die den Täter und sein Opfer auch durch Italien geführt habe, habe der 32 Jahre alte, einschlägig vorbestrafte Sexualtäter die 15-Jährige immer wieder in den Kofferraum gesperrt – vor allem bei Grenzübertritten, wenn er durch Orte fuhr oder an Tankstellen Essen kaufte.

Chloés größte Angst

Den deutschen Polizisten, die Chloé zwei Stunden lang vernahmen, berichtete das Mädchen vor allem von seiner größten Angst: Dass ihr Entführer das Fluchtauto – einen in Frankreich gestohlenen Audi – einfach stehen lassen und sie im Kofferraum eingesperrt lassen könnte. Sie erzählte auch, dass ihr Entführer das Auto nachts in einsamen Gegenden parkte, um zu schlafen – etwa in Wäldern. Fluchtversuche habe sie nicht unternommen. "Sie hatte Angst und wusste nie, wo sie war", sagte Schäfer.

Den 32-Jährigen, der sie in der Nähe ihres Elternhauses im Ort Barjac nahe der südfranzösischen Stadt Nîmes aufgriff und in seine Auto schleppte, hatte Chloé nach eigenem Bekunden nie zuvor gesehen.

Der Franzose, der erst im September nach Verbüßung einer Strafe wegen eines Sexualdelikts aus der Haft entlassen worden war, sagte bei einer ersten Vernehmung in Offenburg aus, er sei auf der Suche nach einem Opfer gewesen. Demnach lief ihm die hübsche Jugendliche mit dem halblangen dunkelblonden Haar rein zufällig über den Weg.

Was er mit ihr vorhatte, habe der Franzose nicht gesagt, sagte Schäfer. Es sei aber nicht ausgeschlossen, dass seine Festnahme am Freitag dem Mädchen das Leben gerettet habe. Zu Fragen nach möglichen sexuellen Übergriffen auf Chloé wollte der Staatsanwalt nicht Stellung nehmen – "mit Rücksicht auf das Opfer und die laufenden Ermittlungen in Frankreich".

Entführer wird womöglich bald ausgeliefert

Der Entführer hüllt sich seit seiner ersten Vernehmung in Schweigen. Er wird vermutlich schon bald nach Frankreich ausgeliefert. Die Entscheidung darüber liege beim Oberlandesgericht in Karlsruhe, erläuterte der Offenburger Oberstaatsanwalt Herwig Schäfer am Montag vor Journalisten. Er gehe davon aus, dass die Entscheidung rasch fallen werden, vermutlich "innerhalb weniger Wochen".

Im südfranzösischen Nîmes ermittelt die Justiz nun auch wegen Vergewaltigung. Begründet wird dies mit dem "Profil des Täters". Eine gerichtsmedizinische Untersuchung, die bereits wenige Stunden nach der Befreiung von Chloé in Offenburg vorgenommen wurde, ergab nach Angaben der deutschen Justiz keine Hinweise auf körperliche Verletzungen.

Nur Spuren an den Handgelenken lassen demnach darauf schließen, dass die 15-Jährige zeitweilig gefesselt ihrem Peiniger ausgeliefert war.

(AFP/mak)
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