Zweiter Weltkrieg

Stalingrad – Agonie und Irrsinn deutscher Führung

Mit einer Million Soldaten eröffnete die Rote Armee am 19. November 1942 ihre Offensive, die zur Einkesselung der 6. Armee in Stalingrad führte. Hitler und seine Generäle reagierten konfus.

Foto: picture-alliance / dpa

3500 Geschütze eröffneten „Operation Uranus“ der Roten Armee
3500 Geschütze eröffneten "Operation Uranus" der Roten Armee

Um 9.45 Uhr am 19. November 1942 erhielt der Stabschef der 6. deutschen Armee, General Arthur Schmidt, einen Anruf der Führung seiner vorgesetzten Heeresgruppe B. Darin wurde Schmidt davon in Kenntnis gesetzt, dass sowjetische Truppen im benachbarten westlichen Frontabschnitt offenbar eine Offensive gestartet hätten. Zur Unterstützung sollten einige Truppen in Marsch gesetzt werden. "Bisher nur schwache Angriffe", hieß es beruhigend.

Da, wo die Truppen eingesetzt werden sollten, hatten einige Stunden zuvor ungewöhnliche Trompetensignale Aktivitäten angekündigt. Kurz darauf eröffnete die Rote Armee mit 3500 Geschützen und schweren Mörsern das Feuer. 50 Kilometer weiter südlich wurde eine Sanitätseinheit unsanft geweckt, "weil der Boden zitterte und dröhnte". Die sowjetische Großoffensive zur Umfassung der 6. Armee in Stalingrad hatte begonnen.

Die "Operation Uranus" markierte den Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs im Osten. Zum ersten Mal gelang es sowjetischen Truppen, die Initiative an sich zu reißen und die Wehrmacht nachhaltig in die Defensive zu drängen. Mehr noch: Was vom 19. November 1942 an geschah, hätte es nach den Vorstellungen Hitlers und seiner führenden Generäle gar nicht geben dürfen. Sie hielten die Rote Armee für unfähig, überhaupt noch zu einem Angriff übergehen zu können. Nach allen Informationen, die die Analyse-Abteilung Fremde Heere Ost zusammengestellt hatte, waren sämtliche operativen Reserven Stalins im Zuge des deutschen Vormarschs 1942 zerstört worden.

Die Rumänen werden nicht standhalten

Nun aber begann die Gegenseite eine Offensive nördlich von Stalingrad mit zwölf Infanteriedivisionen, drei Panzer- und zwei Kavalleriekorps. Insgesamt traten in den folgenden Tagen rund eine Million sowjetischer Soldaten in zehn Armeen und Panzerarmeen zum Großangriff auf die Flanken der 6. Armee an. Die deutsche Führung machte es ihnen dabei leicht, einen Kriegsplan zu verwirklichen, auf den Hitler ein Monopol zu besitzen wähnte: Die Einkesselung einer Armee und deren anschließende Vernichtung. Die Katastrophe von Stalingrad begann.

Anders als die hohen Stäbe urteilte ein deutscher Offizier deutlich realistischer, als er die sowjetische Artillerievorbereitung des Angriffs erlebte: Die Rumänen werden nicht standhalten. Jeder dritte Soldat, den Hitler 1942 auf seinen zweiten "Blitzkrieg" in den Kaukasus und ans Kaspische Meer schickte, wurde mangels eigener Ressourcen von den Verbündeten gestellt. Die Heeresgruppe B, zu der die 6. Armee und die 4. Panzerarmee als Speerspitzen gehörten, umfasste außerdem zwei rumänische Armeen.

Da der sowjetische Oberkommandierende Georgi Schukow und Generalstabschef Alexander Wassilewski wussten, dass diese Einheiten mit weniger Panzern und Panzerabwehrkanonen ausgerüstet waren als ihre deutschen Verbündeten, richteten sie ihre Angriffe auf diese Abschnitte der Front. Rund 1000 Panzer waren unter größter Geheimhaltung zusammengezogen worden. Amerikanische Lastwagen sorgten für schnellen Nachschub. Die Geheimhaltung beim Aufmarsch war derart gesichert worden, dass die Kommandeure der verzweifelt in Stalingrad kämpfenden Sowjettruppen erst beim Anlaufen der Offensive davon erfuhren.

Nur noch 30 einsatzfähige Panzer

Umgekehrt hatte Hitlers groteske Selbstüberschätzung, er habe Stalingrad und die Wolga längst in der Tasche, die deutschen Generäle vor Ort mit Realitätsfremdheit geschlagen. Anstatt sämtliche freien Kräfte den sowjetischen Truppen entgegen zu werfen, trieben sie ihre Divisionen weiter in den Straßenkampf und verzettelten sich in halbherzigen Verteidigungsversuchen. Treibstoff und Munition gingen dramatisch zur Neige. Als die Rote Armee am 20. November auch im Südwesten von Stalingrad ihre Offensive gegen die 4. rumänische Armee eröffneten, wurde zumindest einigen deutschen Generälen klar, dass nur sofortiger Rückzug ein Desaster verhindern konnte.

Mitten in die Vorbereitungen dazu kamen die Befehle aus Hitlers Hauptquartier, dass Stalingrad (das noch gar nicht in Gänze erobert war) unter allen Umständen zu halten sei. Außerdem dirigierte Hitler Einheiten von da nach dort, ohne eine Vorstellung davon zu haben, dass manche Panzerkorps nur noch über 30 einsatzbereite Kampfwagen verfügten. Deren Soldaten beobachteten, "wie Massen von sowjetischen Panzern und noch nie gesehene Infanterieverbände in immer neuen Wellen gegen die rumänischen Stellungen anrückten."

Diese lösten sich buchstäblich auf. Mit wenigen veralteten Panzern ausgerüstet und von Offizieren geführt, die ihre Leute mit Schlagstöcken an die Front trieben, hatten sie trotz zahlreicher Beweise von Tapferkeit keine Chance. Zu beiden Seiten der 6. Armee löste sich die Front auf. "Der erstaunlichste Aspekt der Ereignisse dieses Tages war die fehlende Reaktion von General Paulus (des Oberkommandierenden der 6. Armee; d. Red.)", resümiert der britische Militärhistoriker Antony Beevor ("Stalingrad"). "Nachdem er es bereits versäumt hatte, vor der feindlichen Offensive eine wirkungsvolle, bewegliche Reserve zu organisieren, verharrte er auch jetzt noch in Tatenlosigkeit."

Hitler und die Macht des Willens

Während die Rote Armee in den letzten Novembertagen den Korridor, der die 6. Armee von der zurückweichenden Wehrmachtsfront trennte, mit allen Mitteln verbreiterte und befestigte und auch im Kaukasus in die Offensive ging, legte Hitler ungewohnte Aktivität an den Tag. Zunächst entließ er den Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B, Maximilian von Weichs, und bildete aus der 6. Armee, der 4. Panzerarmee sowie den Resten weiterer deutscher und rumänischer Verbände die Heeresgruppe Don. Diese unterstellte er Erich von Manstein, der noch an der Nordfront eingesetzt war und sich nun mit seinem Sonderzug Richtung Süden aufmachte.

Hitlers Auffassung von der Macht des Willens, schreibt Antony Beevor, hatte sich vollständig von der militärischen Realität losgelöst. Nachdem er sich schon so oft mit der Einnahme von Stalins Stadt gebrüstet hatte, fürchtete er jetzt um seine Reputation, der er eine ganze Armee zu opfern bereit war. Hitler folgte einmal mehr der irren Logik, dass die Deutschen, verlören sie seinen Weltanschauungskrieg, auch ihr Existenzrecht einbüßen würden.

In und um das winterliche Stalingrad richteten sich derweil 20 deutsche Divisionen und zahlreiche rumänische Einheiten, zusammen etwa 330.000 Mann in einer "Igelstellung" ein. Die Berufung Mansteins, der als glänzender Stratege und Hoffnungsträger galt, hob zunächst die Stimmung. Der Glauben an die großspurige Versicherung Görings, man werde den Kessel aus der Luft versorgen, zeugte indes von schwindendem Realitätssinn. 700 Tonnen wollte die Luftwaffe pro Tag einfliegen. Fachleute hielten 350 für das Äußerste – bestenfalls.

"Die Dinge sehen wieder etwas rosiger aus"

Der Entschluss Hitlers vom 24. November, Stalingrad zur Festung zu erklären, bot Paulus und seinen Generälen immerhin die Möglichkeit, die Verantwortung über die Entscheidung für einen schnellen Ausbruch nach Westen an das Führerhauptquartier abzuwälzen. Den meisten Soldaten wird dies nicht unrecht gewesen sein. Schließlich hätten sie für den Marsch durch die eisige Steppe ihre notdürftigen Unterstände in Stalingrad aufgeben müssen. Auch wären Zehntausende Verwundete dem Tode überantwortet worden.

Selbst ein so kritischer Beobachter wie Oberst Helmuth Groscurth, der früh zum Widerstand gefunden hatte, notierte: "Die Dinge sehen wieder etwas rosiger aus … man darf noch hoffen, dass man uns rauspaukt."

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