18.11.12

Fachkräfte-Mangel

Die deutsche "Blue Card" ist bisher ein Flop

Nur 139 Blue Cards wurden in den ersten zwei Monaten vergeben – die Bundesregierung hatte sich mehr versprochen vom Greencard-Nachfolger für das Anwerben qualifizierter Arbeitskräfte aus dem Ausland.

Von Stefan von Borstel
Foto: HA / A.Laible

Der Inder Narasimha Prasad gehört zu den Wenigen, die via Blue Card eine Arbeitserlaubnis in Deutschland beantragt haben. Im Hamburg Welcome Center bekam er das Papier überreicht.
Der Inder Narasimha Prasad gehört zu den Wenigen, die via Blue Card eine Arbeitserlaubnis in Deutschland beantragt haben. Im Hamburg Welcome Center bekam er das Papier überreicht.

Make it in Germany – so wirbt das Willkommensportal der Bundesregierung im Internet um qualifizierte Fachkräfte im Ausland. Mit bunten Bildern von grünen Alleen, Windrädern und einer zünftigen Brotzeit präsentiert sich Deutschland als Standort der Visionen, Stabilität und "Lebensfreude Pur". In fünf Schritten können Mit einem "Quick Check" können die Interessenten erfahren, ob sie und ihre Qualifikationen in Deutschland gefragt sind.

"Deutschland sucht Sie" heißt es da: "Als Fachkraft haben Sie gute Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. In fünf Schritten wird gezeigt, wie die Interessenten zu einem Job in Deutschland kommen. Doch bei den Hochqualifizierten außerhalb Europas verhallt der Lockruf weitgehend ungehört. An der eigens im August eingeführten "Blue Card", die den Qualifizierten aus aller Welt den Weg nach Deutschland ebnen soll, zeigt kaum jemand Interesse.

Deutschland unter Hochqualifizierten unattraktiv

Gerade einmal 139 Blue Cards wurden in den ersten zwei Monaten nach Zahlen des zuständigen Bundesamts für Migration und Flüchtlinge vergeben. Davon gingen 112 an Ausländer, die bereits vor 2012 nach Deutschland eingereist sind. Die meisten waren bereits mit einem anderen Aufenthaltstitel im Lande und wechselten lediglich in den neuen Blue Card Status.

"Der Massenansturm von Fachkräften bleibt aus", stellt Gunilla Fincke, Geschäftsführerin des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) fest. Nach Jahrzehnten der Abschottung hänge Deutschland nach wie vor der Ruf an, Zuwanderer seien nicht willkommen – obwohl das Zuwanderungsrecht deutlich liberaler geworden sei. "Deutschland wird als nicht so attraktiv wahrgenommen und ist auch wegen der Sprache schwierig", erklärt die Expertin.

Dabei hatte sich die Bundesregierung viel von der neuen Blue Card versprochen. Die Attraktivität des Standortes Deutschland für qualifizierte Zuwanderer werde spürbar steigen, war sich Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) im August sicher.

Nach zähem Ringen in der schwarz-gelben Koalition wurden die Hürden für qualifizierte Einwanderer in diesem Sommer deutlich gesenkt. Vor allem die FDP und die Wirtschaft hatten darauf gedrängt. Die Wirtschaft hatte dabei für ein Punktesystem nach dem Vorbild klassischer Einwanderungsländer wie Kanada und Australien plädiert.

44.800 Euro Brutto im Jahr als Eintrittskarte

Daraus wurde zwar nichts. Aber immerhin kam die "Blue Card". Die blaue Karte können Hochschulabsolventen aus Staaten außerhalb Europas erhalten, wenn sie einen Arbeitsvertrag mit einem Arbeitgeber in Deutschland mit einem Gehalt von mindestens 44.800 Euro im Jahr vorlegen.

In Berufen, in denen bereits jetzt Fachkräftemangel herrscht, wie bei Ärzten oder Ingenieuren, liegt die Gehaltsschwelle nur bei 35.000 Euro.

Darüber hinaus dürfen Akademiker aus aller Welt sechs Monate nach Deutschland kommen, um hier eine Arbeitsstelle zu suchen, wenn sie den Lebensunterhalt in dieser Zeit selbst tragen.

Blue Card "schlecht beworben"

SVR-Expertin Fincke lobt diese Regelung als bahnbrechende Neuerung. Erstmals könnten auch Hochqualifizierte ohne Arbeitsvertrag nach Deutschland kommen. Fincke sprach von einem "Mini-Punktesystem", das weiter ausgebaut werden könnte. Allerdings würde es "extrem schlecht beworben".

Tatsächlich sind die aktuellen Zahlen niederschmetternd: Gerade einmal drei Ausländer fanden dank der Neuregelung den Weg zur Arbeitssuche nach Deutschland. In drei Jahren soll die Neuregelung überprüft werden. "Wir fürchten, dass sie dann wieder abgeschafft wird, mit der Begründung, es sei ja ohnehin niemand gekommen", sagt die SVR-Expertin. Eine große Chance, mit neuen Zuwanderungsregeln zu experimentieren, werde somit vertan.

Das zuständige Bundeswirtschaftsministerium hielt sich angesichts der enttäuschenden Zahlen bedeckt. Internationale Fachkräfte könnten erst seit wenigen Monaten die Möglichkeit der Blue Card nutzen.

Zuwanderungsrecht bleibt undurchschaubar

"Vor dem Hintergrund dieser erst kurzen Geltungsdauer erscheint eine Bewertung der Annahme der Blue Card zum gegenwärtigen Zeitpunkt verfrüht", teilte das Ministerium mit. Ähnlich äußerte sich der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) . Die erleichterte Zuwanderung im Rahmen der Blue Card sei grundsätzlich richtig, sagte DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann der "Welt".

"Die Neuregelungen hätten ihre Wirkung noch nicht entfalten können, vermutet Driftmann. "Das deutsche Zuwanderungsrecht ist aber nach wie vor kompliziert und für ausländische Fachkräfte wenig transparent", kritisierte der DIHK-Chef. Deshalb sei es wichtig, im Ausland über die Zuwanderungsmöglichkeiten aber auch über die dafür nötigen Abläufe ganz konkret zu informieren und dort für Deutschland als Arbeits- sowie Studienort zu werben.

Fehlende Willkommenskultur

Für ein aktives Zuwanderungsmarketing in Drittstaaten außerhalb Europas spricht sich auch die Bundesagentur für Arbeit (BA) aus. Die Blue Card setzte zwar erste gute Signale, sagte der zuständige BA-Vorstand Raimund Becker der "Welt".

"Klar ist aber, dass eine Gesetzesänderung allein nicht reichen kann, um Deutschland für ausländische Fachkräfte attraktiv zu machen." Leider sei Deutschland im Ausland noch nicht berühmt für seine Willkommenskultur. Becker sprach sich für eine "kluges Zuwanderungsmanagement" aus, "vielleicht in Form eines Punktesystems, ausgerichtet auf die Berufe, in denen es in absehbarer Zeit Engpässe oder sogar Mangelsituationen geben wird".

Vielleicht sind die Zuwanderer aus Indien, China, Russland oder der Türkei auch gar nicht mehr so heiß ersehnt. Schließlich kommen genug Europäer aus dem Osten des Kontinente und den Krisenländern im Süden, um ihr Glück in Deutschland zu machen. Wie ein Magnet zieht Deutschland, das von der Krise noch weitgehend verschont wurde, die Europäer an.

300.000 Zuwanderer im ersten Halbjahr 2012

Mehr als 300.000 kamen im ersten Halbjahr 2012. Aus Spanien, Griechenland und Portugal waren es rund 32.700 Menschen, gut zwei Drittel mehr als im ersten Halbjahr 2011. Aus den zehn Ländern, die 2004 der EU beigetreten waren, stieg die Zuwanderung mit knapp 20 Prozent zwar viel schwächer. Mit rund 138.000 lag die Zahl aber deutlich höher.

Für diese Länder gilt seit Mai 2011 die Arbeitnehmerfreizügigkeit, sie dürfen also in Deutschland arbeiten –auch ohne Blue Card. Insgesamt zogen im ersten Halbjahr 2012 mehr als eine halbe Million Menschen nach Deutschland. Das waren 15 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Doch BA-Vorstand Becker warnt: "Es reicht nicht, auf die Fachkräfte im Europsichen Ausland zu schauen". Denn die anderen Staaten in Europa würden in den nächsten Jahren vor den gleichen demografischen Herausforderungen stehen wie wir." "Wir müssen jetzt die Basis für eine gesteuerte Zuwanderung aus den Staaten außerhalb Europas legen", sagt auch Migrationsexpertin Fincke. "Sonst werden wir den enormen Fachkräftebedarf der Zukunft nicht decken können."

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