19.11.12

Frühgeschichte

Forscher finden 500.000 Jahre alte Hightech-Waffen

Sensationsfund in Südafrika: Eine halbe Million Jahre alte Speere belegen, dass bereits Frühmenschen geschickte Werkzeugmacher waren – vor den Neandertalern und dem Homo sapiens.

Von Fanny Jiménez
Foto: Jayne Wilkins

Die Steinspitzen wurden mithilfe von Akazien Harz und Sehnen an den Holzpflöcken befestigt
Die Steinspitzen wurden mithilfe von Akazien Harz und Sehnen an den Holzpflöcken befestigt

Die Geschichte der Entwicklung von Lanzen und Speeren hat nicht so viel mit kriegerischen Auseinandersetzungen zu tun, wie man zunächst meinen möchte. Sich hinzusetzen und sie aus Holz, Steinen, Knochen und anderen in der Natur vorhandenen Materialien in mühevoller Kleinarbeit zu bauen, war für unsere Vorfahren in erster Linie wohl schlicht eine Überlebensfrage – denn Großwild lässt sich nun einmal nicht anders erlegen.

Dass sowohl der Homo sapiens als auch der Neandertaler bereits Speere zum Jagen benutzten, die am Ende mit einer Steinklinge versehen waren, ist Wissenschaftlern seit Längerem bekannt. Ob aber ihr letzter gemeinsamer Vorfahre, der Homo heidelbergensis, selbst Nachfahre des Frühmenschen Homo erectus, auch schon über die Fähigkeiten verfügte, solche recht komplizierten Werkzeuge zu bauen, das war bislang völlig unklar.

200 Steinspitzen für Speere

Ein Team aus US-amerikanischen und kanadischen Wissenschaftlern hat nun aber etwa 500.000 Jahre alte Steine analysiert, die in der Ausgrabungsstätte Kathu Pan vor 30 Jahren in der Nähe der Stadt Kimberly in Südafrika gefunden worden waren. Eine halbe Million Jahre: In etwa so lange ist es auch her, dass sich nach dem Homo heidelbergensis die genetischen Linien des Homo sapiens und des Neandertalers zu trennen begannen.

Das Forschungsteam um die Paläoanthropologin Jayne Wilkins von der University of Toronto untersuchte mehr als 200 der bearbeiteten Steine, die den bislang bekannten Speerspitzen ähnlich sehen. Die inzwischen im McGregor Museum in Kimberly gelagerten Fundstücke bestehen aus Eisenstein und haben eine Länge zwischen drei und zwölf Zentimetern.

Wie Wilkins und ihre Kollegen im Fachblatt " Science" schreiben, war auffällig, dass nicht nur die Spitze der Steine bearbeitet wurde, sondern sich auch an der unteren Seite eines jeden Steines offenbar jeweils zwischen zwei und sieben Abschläge finden ließen. Das deutet darauf hin, dass die Steine an etwas befestigt werden sollten. Und auch weitere Indizien sprechen dafür, dass die Steine tatsächlich als Speerspitzen dienten.

Speertest im Selbstversuch

Im Gegensatz zu anderen bekannten Werkzeugen, etwa zum Schneiden, wurden die gefundenen Steine symmetrisch an beiden Seiten geschärft. Zusätzlich testeten die Wissenschaftler eigenhändig, ob auch die Abnutzungsspuren an den Steinen für einen Einsatz als Speerspitze sprechen. Dafür bastelten sie sich ganz einfach aus dem gleichen Gestein selbst Speerspitzen und schossen sie viele Male mit einer Armbrust auf zwei zuvor erlegte Springböcke.

Der Test war erfolgreich, wie die Wissenschaftler anschließend mit Analysen unter dem Mikroskop feststellten: Die Gebrauchsspuren, die sich nach zahlreichen Durchgängen an den Steinen zeigten, waren den Schäden an den gefundenen Steinspitzen sehr ähnlich.

Im Gegensatz zu Schneidewerkzeugen, die typischerweise vorrangig Abnutzungen an einer Kante zeigen, waren die Schäden an den gefundenen Steinen und den Nachbildungen zu Testzwecken an der Spitze am größten und verteilten sich gleichmäßig entlang beider Kanten.

Erfindung vom Vorfahr übernommen

Es scheint also sehr wahrscheinlich, dass die Steine aus Kathu Pan tatsächlich bereits als Speerspitzen genutzt wurden. Damit müsste man auch den Zeitpunkt der frühesten Nutzung von Speerspitzen aus Stein umdatieren – denn die ältesten Hinweise darauf waren bislang etwa 300.000 Jahre alt.

Da sowohl der Homo sapiens als auch der Neandertaler die Speere mit Steinspitzen bereits nutzten, könnten beide Hominiden die Erfindung vom gemeinsamen Ahnen Homo heidelbergensis übernommen haben, schlussfolgern Jayne Wilkings und ihre Kollegen.

Auch zwei weitere Studien stellten in den vergangenen Wochen das bisherige Wissen über den Werkzeuggebrauch bei den Frühmenschen infrage. Eine kürzlich im Journal "Nature" von US-Forschern veröffentlichte Untersuchung berichtet von winzigen Steinklingen, die in den Pinnacle-Point-Höhlen an der südafrikanischen Küste entdeckt wurden.

Mit Hitze behandelte Steinklingen

Diese sogenannten Mikrolithe sind rund 71.000 Jahre alt, wurden mit Hitze behandelt und wahrscheinlich zur Herstellung von Werkzeugen wie etwa Speeren verwendet, schreiben die Forscher um Curtis Marean von der Arizona State University in ihrer Publikation. Bisherige Funde legten nahe, dass die ersten Werkzeuge erst vor rund 65.000 Jahren hergestellt wurden.

Eine weitere, vor Kurzem im Fachmagazin "PNAS" veröffentlichte Studie zeigte außerdem, dass vor rund 40.000 Jahren entgegen früheren Annahmen die Neandertaler Schmuck und Werkzeuge im Stil des Homo sapiens herstellten. Typisch für die Neandertaler waren eher gröbere Steinwerkzeuge wie der Faustkeil oder leicht bearbeitete Werkzeuge wie Spitzen, Schaber oder Kratzer aus Stein oder Holz.

Die in der Grotte du Renne in Frankreich gefundenen sehr feinen Werkzeuge aus Elfenbein und Knochen – Materialien, die Neandertaler der Lehrmeinung nach noch nicht verwendeten – legen nun nahe, dass die Frühmenschen sich nach der Ankunft des entfernten Verwandten Homo sapiens in Europa um genau diese Zeit wohl einiges bei ihm abschauten. Denn mit der Ankunft des modernen Menschen wurden die Werkzeuge feiner und Klingen aus Knochen, wie in der Grotte du Renne gefunden, oder schmalere Steinklingen typisch.

Schon der Homo erectus jagte

Wie genau die Werkzeuge, insbesondere Jagdwaffen, der Neandertaler davor aussahen, darüber weiß man erst seit Kurzem mehr. An ihren größeren Siedlungsplätzen fanden Wissenschaftler zwar häufig Knochen größerer Tiere, und viele von ihnen trugen Schnitte von Steinwerkzeugen. Aber damit konnte man noch nicht klären, ob die Hominiden die Tiere auch selbst gejagt hatten oder ob sie schlicht bereits verendete oder sehr kranke Tiere schlachteten.

Bis vor etwa fünfzehn Jahren war man sich daher nicht sicher, ob der Neandertaler Rinder, Pferde, Flusspferde oder auch Elefanten selbst erlegen konnte oder nur Kleintiere wie Kaninchen jagte. Doch dann wurden zwischen 1995 und 1998 in einem Braunkohletagebau in Niedersachsen acht hölzerne Wurfspeere gefunden, mitsamt einer großen Anzahl von Wildpferdknochen.

Das Forscherteam schätzte, dass die Speere rund 300.000 bis 400.000 Jahre alt sind. Dabei handelt es sich um einen ähnlichen Zeitraum wie bei den jetzt analysierten Steinspitzen – ein Beleg dafür, dass nicht nur der Neandertaler, sondern schon sein früher Vorfahr Homo erectus mit Speeren Jagd auf große Tiere machte.

Foto: Infografik WELT ONLINE, Christian Schlippes

Die Menschheitsgeschichte in Funden: Im Tschad wurden Überreste unserer frühesten Verwandten entdeckt.

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