16.11.12

NSU-Verfahren

"Geldmanagerin" Zschäpe hatte Komplizen im Griff

Im NSU-Verfahren ist Anklage erhoben worden. Der "Welt" liegt die 488 Seiten starke Anklageschrift vor. Darin zeichnet die Bundesanwaltschaft ein neues Bild von der Hauptangeschuldigten Beate Zschäpe.

Von Per Hinrichs und Uwe Müller
Foto: dapd
Als der braune Terror Deutschland schockte: Ein Jahr nach dem Auffliegen des NSU
Beate Zschäpe verwaltete die Gelder, die das NSU-Trio bei Banküberfällen erbeutet hatte

Am 9. September 2000 wird in Nürnberg der türkischstämmige Blumenhändler Enver Simsek ermordet. Nur vier Monate später, am 19. Januar 2001, explodiert in der Kölner Altstadt ein Sprengsatz im Lebensmittelgeschäft eines Iraners, dessen Tochter dabei schwer verletzt wird. Es sind die ersten Mord- und Sprengstoffanschläge, die mutmaßlich auf das Konto der Neonazi-Zelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) um Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gehen.

Geplant waren solche Attentate, die Angst und Schrecken unter in Deutschland lebenden Menschen ausländischer Herkunft verbreiten sollten, aber offenbar schon viel früher. Das jedenfalls behauptet die Bundesanwaltschaft in ihrer Anklageschrift gegen Zschäpe und vier weitere Angeschuldigte, die der "Welt" vorliegt. Das Dokument mit dem Aktenzeichen 2 BJs 162/11-2 umfasst 488 Seiten, ist als Verschlusssache ("VS-Nur für den Dienstgebrauch") eingestuft und von Generalbundesanwalt Harald Range persönlich gezeichnet.

Heimtückische Morde an arglosen Opfern

Demnach sollen Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt bereits im Jahr 1998, kurz nachdem sie in den Untergrund abgetaucht waren, darin überein gekommen sein, ihre völkisch-rassistischen Wahnvorstellungen vom "Erhalt der deutschen Nation" durch Taten zu untermauern – mit heimtückischen Morde an arg- und wehrlosen Opfern. Denn bereits damals, so argumentiert Deutschlands oberste Anklagebehörde, sei das Trio durch eine von Hass getragene Gewaltbereitschaft gegenüber Ausländern geprägt gewesen.

Als Beleg führt die Bundesanwaltschaft unter anderem eine Textdatei der Neonazi-Zelle an, die im Januar 1998 entdeckt worden war und den Titel "ALIDRECKSAU WIR HASSEN DICH" trägt. In der Hetztirade über "das Türkenschwein" wird ausgeführt: "Er plündert, raubt und wird dann frech, doch heut noch stirbt er – ,so ein Pech' –?" Mit dem Inhalt der menschenverachtenden Zeilen hätten sich nicht nur Mundlos und Böhnhardt, sondern auch Zschäpe voll identifiziert, heißt es in der Anklageschrift.

Sie hatte Mundlos und Böhnhardt im Griff

Mehr noch: Aus Sicht der Bundesanwaltschaft hatte die einzige Überlebende der Gruppe – Mundlos und Böhnhardt starben durch Selbsttötung – sogar einen bestimmenden Einfluss auf ihre beiden Gesinnungsgenossen. So soll Zschäpe nach der Aussage ihres Cousins Mundlos und Böhnhardt "im Griff" gehabt haben. Ein anderer Zeuge erklärte laut Anklageschrift, sei bestimmt nicht der Typ gewesen, der sich unterordnen wollte.

Für die Bundesanwaltschaft hatte Zschäpe allein schon deshalb eine hervorgehobene Rolle innerhalb des Trios, weil bei ihr die Kassengewalt lag. Die "Managerin des Geldes" habe die Beute verwaltet, die von Mundlos und Böhnhardt bei mehr als einem Dutzend Banküberfällen gemacht worden war – insgesamt über 600.000 Euro. Und als sich die beiden Männer nach Südafrika absetzen wollten, scheiterte das nach Erkenntnissen der Verfassungsschutzbehörden am Einspruch von Zschäpe, die Deutschland partout nicht verlassen wollte.

Die Hauptangeschuldigte Zschäpe, so führt die Anklageschrift aus, habe innerhalb der terroristischen Vereinigung NSU zumindest eine den beiden Männern ebenbürtige Rolle eingenommen. Sie habe gleichberechtigt an der Tätigkeit der Organisation teilgenommen, sich arbeitsteilig an der Anschlagsserie der Gruppe beteiligt und sei bei allen Tatplanungen gleichberechtigt gewesen.

Zschäpe liest die Akten am Computer

Beate Zschäpe selbst schweigt zu den Vorwürfen. Seit gut einem Jahr sitzt sie in der JVA Köln-Ossendorf in Untersuchungshaft. Dort steht ihr ein Computer zur Verfügung, mit dem sie die digitalisierten Akten der Bundesanwaltschaft lesen kann. Sie weiß, dass ihr im ungünstigsten Fall eine lebenslange Freiheitsstrafe droht. Und vermutlich weiß sie auch, dass das Schweigen oft das stärkste Mittel der Verteidigung ist. Denn einem schweigenden Beschuldigten muss in einem Prozess jeder einzelne Tatvorwurf hieb- und stichfest nachgewiesen werden. Dabei gilt der rechtsstaatliche Grundsatz: Im Zweifel für die Angeklagte.

Das Bundesanwaltschaft wirft Zschäpe nicht weniger als 27 "rechtlich selbstständige Handlungen gemeinschaftlich mit Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos" vor, darunter zehn Morde, einen versuchten Mord, zwei Sprengstoffexplosionen, eine Brandstiftung mit versuchter Tötung in drei Fällen. Um die Vorwürfe zu belegen, hat die Karlsruher Behörde 606 Zeugen ausfindig gemacht, 22 Sachverständige aufgeboten, 398 Urkunden herangezogen und 320 sogenannte Augenscheinsobjekte beschafft.

Carsten S. besorgte die Pistole

Besondere Bedeutung haben aus Sicht der Bundesanwaltschaft die Zeugen Holger G. und Carsten S., die ebenfalls zu den Beschuldigten gehören und umfassend ausgesagt haben. G. soll den NSU bis ins Jahr 2011 hinein mit Ausweisdokumenten versorgt haben. Allerdings war er auch aus Sicht der Bundesanwaltschaft nicht direkt in die kriminellen Machenschaften des NSU involviert. Carsten S. wiederum besorgte dem Trio die Ceska-Pistole, die bei Morden an neun Migranten verwendet wurde. Dabei handelte er im Auftrag des Angeschuldigten Ralf Wohlleben, einem ehemaligen NPD-Funktionär aus Jena. Sowohl ihm als auch S. wirft die Bundesanwaltschaft Beihilfe zum Mord in neun Fällen vor.

Foto: dpa

Beate Zschäpe wurde im November 2011 festgenommen und sitzt seither in Untersuchungshaft.

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