13.11.12

NSU vor Gericht

Die Gegenspieler im wichtigsten Prozess der Landes

Rechtsanwalt Stephan Lucas vertritt im NSU-Prozess die Tochter eines Opfers, sein Gegenspieler Wolfgang Stahl vertritt die mutmaßliche Terroristin Beate Zschäpe. Was treibt die beiden Juristen an?

Von Per Hinrichs und Sabrina Först
Foto: pa/dpa/Laif

Stephan Lucas (l.) aus Frankfurt vertritt die Tochter eines Mordopfers. Bekannt ist er vor allem in seiner Schauspielerrolle als Staatsanwalt bei Sat.1. Wolfgang Stahl (r.) aus Koblenz verteidigt die mutmaßliche NSU-Terroristin Beate Zschäpe. Er pocht auf Beachtung der Unschuldsvermutung gegenüber seiner Mandantin
Stephan Lucas (l.) aus Frankfurt vertritt die Tochter eines Mordopfers. Bekannt ist er vor allem in seiner Schauspielerrolle als Staatsanwalt bei Sat.1. Wolfgang Stahl (r.) aus Koblenz verteidigt die mutmaßliche NSU-Terroristin Beate Zschäpe. Er pocht auf Beachtung der Unschuldsvermutung gegenüber seiner Mandantin

STEPHAN LUCAS – OPFER-VERTEIDIGER

Stephan Lucas macht kein Geheimnis daraus, wo er steht: "Auf der Seite des Bösen" heißt sein Buch, Missverständnisse ausgeschlossen. Vom Cover blickt ein in fahles Licht getauchter Enddreißiger, die Krawatte lose gebunden, das Haar zerzaust. "Naja, über den Titel entscheidet der Verlag", sagt der Strafverteidiger.

Einen "spannenden Blick in die Abgründe der menschlichen Psyche" verspricht der Untertitel seiner "spektakulärsten Fälle", die er gerade in einem Taschenbuch herausgegeben hat. Seit ein paar Wochen gehört ein weiterer Fall in diese Reihe: Lucas (39) vertritt gemeinsam mit dem Stuttgarter Anwalt Jens Rabe (36) die Hinterbliebene Semiya Simsek, Tochter des ersten Mordopfers Enver Simsek.

Er wurde von den Rechtsterroristen des NSU 2001 regelrecht hingerichtet; demnächst soll der Prozess gegen Beate Zschäpe, mutmaßliches Mitglied des Gruppe, beginnen. Simseks Anwälte gehören zu den etwa 30 Strafverteidigern, die im Verfahren die Nebenklage vertreten.

Seitenwechsel hingelegt

Lucas hat also einen Seitenwechsel hingelegt, jedenfalls in dieser Sache, er gehört nun zu den Guten. Den Opfern. Den Hinterbliebenen, die von der Polizei auf alle möglichen Verstrickungen in Drogengeschäfte oder Verbindungen zur organisierten Kriminalität durchleuchtet wurden. Das böse Wort von "Döner-Morden" geisterte durch die Medien – und verschleierte die wahren Motive der Täter, auf die keiner kommen wollte.

Aber so reißerisch, wie sich die Vermarktung seiner Fälle anhört, gibt sich Lucas nicht. "Es geht nicht um die maximale Strafhöhe für Beate Zschäpe, sondern um die größtmögliche Aufklärung", definiert er sein anwaltliches Ziel. Semiya Simsek möchte wissen, wer ihren Vater erschossen hat und wie die Tat geschah. Sie hat Deutschland mittlerweile verlassen und lebt in der Türkei.

Lucas kennt diesen Wunsch von Hinterbliebenen, wenigstens die genauen Hintergründe einer Tat wissen zu wollen. Zusammen mit Rabe vertrat er auch Michael Buback, den Sohn des 1977 ermordeten damaligen Generalbundesanwalts Siegfried Buback. Der Sohn wollte sich als Nebenkläger im Verfahren gegen Verena Becker Klarheit über die Frage verschaffen, wer seinen Vater erschossen hat – erfolglos.

"Böses Fanal für den Strafprozess"

Für Beckers nebulöse Erklärung, die nichts auflöste und viel vernebelte, hat Lucas in gewisser Weise sogar Verständnis. "Mehr konnte sie in ihrer Situation nicht sagen", meint der Anwalt. Ein klares Votum zum Fall Becker mag er sich nicht abringen, zu sehr steckt der Strafverteidiger in ihm, der die Rechte des Angeklagten im Blick hat und stets auf die bestmögliche Verteidigung aus ist.

Damit eckt er bisweilen an. In einem Verfahren gegen einen Drogendealer in Augsburg stellte er den Antrag, einen bereits dreimal gehörten Zeugen erneut anzuhören, viermal hintereinander. Als der Antrag zurückgewiesen wurde, lehnte Lucas das Gericht wegen Befangenheit ab.

Kurze Zeit später landete er sogar selbst auf der Anklagebank: Bei einem Gespräch mit den beiden Richtern lotete der Verteidiger vor der Verhandlung aus, inwieweit das Strafmaß bei einem Geständnis zu reduzieren sei – so seine Version. Als diese Absprache beim unerwartet harten Urteil nicht berücksichtigt wurde, zog er vor den Bundesgerichtshof (BGH).

Die beiden Richter erinnerten sich anders, der BGH rügte Lucas und der wiederum sah sich einer Anklage ausgesetzt. Lucas gewann den Prozess, der "Spiegel" sah in dem Verfahren eine "Zumutung" und ein "böses Fanal für den Strafprozess".

Staatsanwalt in einer Sat.1-Gerichtsshow

Möglicherweise ist es auch Lucas' Medienpräsenz, die seine Kollegen provoziert. Seit mehr als zehn Jahren gibt er den Staatsanwalt in der Sat.1-Gerichtsshow "Richter Alexander Hold", er wird erkannt, ist prominent. Ihm sei das nicht wichtig, sagt er, auch wenn ihm der Fernsehjob Spaß mache. Man glaubt es ihm.

Lucas redet einfach gerne. Wer sich länger mit ihm unterhält – und kurze Gespräch gibt es kaum – merkt, wie er sich an gelungenen Formulierungen freut, wie er seinen Gesprächspartner versucht zu taxieren und ihm das Gefühl gibt, ein höchst interessanter Mensch zu sein.

Ob gespielt oder nicht: Ganz ohne Einfühlungsvermögen und Ehrgeiz wäre Lucas nicht so früh erfolgreich geworden. Seine Fälle, die er in seinem Buch beschreibt, fesseln den Leser. Lucas erreicht zum Beispiel die frühzeitige Haftentlassung eines jungen Mannes, der eine Schulkameradin erwürgt hatte, indem er sich vor Gericht für dessen positive Entwicklung in der Haft starkmacht.

In einem anderen Fall erreicht er für einen türkisches Familienoberhaupt, der einen Landsmann getötet hatte, eine niedrigere Strafe – erst als die Familie des Angeklagten zur Aussage bereit war, stellte sich heraus, dass das Opfer die Töchter missbraucht hatte. In einem dritten Fall verteidigt Lucas einen Mann, der als Clown verkleidet bei der Deeskalation einer heiklen politischen Demonstration mithelfen sollte, nach deren gewaltsamer Auflösung durch die Polizei aber ausgerechnet für den Tod eines Demonstranten verantwortlich gemacht wurde. Ein hanebüchener Vorwurf, den Lucas abwenden konnte.

Sie seien Freunde geworden

Als Strafverteidiger zu arbeiten sei gar nicht so schwer, sagt der Anwalt. Es gehe um rechtliche Fragen, nicht um die menschliche Beurteilung des Angeklagten. Bei der Nebenklagevertretung kann es nicht so kühl-rational zugehen. Der Anwalt muss nicht nur auf juristische Fragen eingehen, sondern auch Empathie zeigen, seinen Mandanten beistehen, ihnen ein Freund sein.

So sieht es auch Semiya Simsek. Im vergangenen Sommer lud sie Rabe und Lucas zu ihrer Hochzeit in die Türkei ein, schreibt der "Tagesspiegel" in einem bewegenden Porträt. Es war ein schönes Fest, Lucas und Rabe feierten und redeten, sie lernten, wer Enver Simsek war. Anwälte und Mandantin seien Freunde geworden, heißt es. Es scheint, als seien die beiden Juristen beinahe so etwas wie ältere Brüder geworden.

WOLFGANG STAHL – ZSCHÄPE-VERTEIDIGER

Es ist ein Freitagabend im November 2011, als das Handy von Wolfgang Stahl (39) klingelt. Am anderen Ende der Leitung spricht sein Kollege Wolfgang Heer (39). Er macht ihm das Angebot, so erzählt es Stahl heute, als zweiter Verteidiger in einen der vermutlich spektakulärsten Fälle der vergangenen 30 Jahre einzusteigen: die Verteidigung von Beate Zschäpe, die letzte lebende mutmaßliche Angehörige der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU).

Wolfgang Stahl ist sich sofort der Gefahr bewusst, als brauner Gesinnungsanwalt zu gelten, sich in Kollegen- und Mandantenkreisen einen schlechten Ruf zu erwerben und seine Familie in Gefahr zu bringen. Er wägt mit Heer diese Risiken ab, bespricht sich mit seiner Frau, einer Lehrerin. Ein guter Freund habe ihm am nächsten Morgen geraten, das Mandat anzunehmen, und so habe er sich auch dafür entschieden, sagt Stahl.

Auf die Frage, warum, antwortet er: "Weil es meine Aufgabe ist. Und jene Kollegen, die mich fragen, wie ich so etwas nur tun könne, haben ihren Beruf verfehlt."

Nur an Medienaufmerksamkeit interessiert?

Dabei ist es gar nicht so selbstverständlich, dass Wolfgang Stahl dieses Mandat übernommen hat, denn sein Arbeitsalltag bestand zuvor aus Wirtschafts- und Steuerstrafsachen, sein eigentliches Spezialgebiet. Das Angebot des Zschäpe-Mandats, dieses brisanten und großen Falls, habe ihn stolz und irgendwie froh gemacht. Und das Verfahren, das wie kein zweites im Land verfolgt wird, fordert ihn heraus. Nicht nur fachlich und zeitlich, auch finanziell, denn bislang hat das Gericht ihn nicht zum Pflichtverteidiger bestellt.

Solange das so bleibt, führt er seine Anwaltstätigkeit gratis aus. Manche werfen ihm deshalb vor, nicht nur Hüter des Rechts und pflichtbewusst, sondern vor allem an Medienaufmerksamkeit interessiert zu sein.

Stahl weiß, wie er solche Vorwürfe gekonnt abbügelt: "Erst einmal gilt für jeden die Unschuldsvermutung. Außerdem hat jeder das Recht auf eine rechtsstaatliche Verteidigung. Und alles, was man bisher über Beate Zschäpe weiß, weiß man doch aus der Presse. Um die Wahrheit zu erfahren, bedarf es eines Prozesses. Und den gilt es, rechtsstaatlich zu führen."

Rolex signalisiert Erfolgsstreben

Immer wieder betont er sein Einstehen für den Rechtsstaat, für Freiheit und für die Beachtung der Unschuldsvermutung. Wenn er den Eindruck erwecken will, stets cool zu sein, gelingt ihm das.

Auch äußerlich braucht er keinen Vergleich mit einem Model aus einem Modeprospekt zu scheuen: Der Anzug sitzt, die Krawatte passt perfekt zum Hemd. Die schwarzen Haare glänzen gegelt, eine Rolex am Arm signalisiert Erfolgsstreben.

Überhaupt scheint er danach zu streben, ein perfektes Bild von sich zu vermitteln: Er könne sich begeistern für klassische Musik, Segeln und seinen Beruf. Vor allem, wenn es um Disziplin geht, ereifert er sich entsprechend. Seiner Ansicht nach müsse man hohe Ansprüche an andere und sich selbst stellen. Und wenn er morgens vor der Kanzlei an seinem Porsche 911 lehnt und dabei eine Zigarette raucht, spielt er mit Klischees. Selbstverliebtheit will gepflegt sein.

Er sieht eine Form von Narzissmus sogar als Grundvoraussetzung für das Dasein eines Strafverteidigers an. Das wirkt durchaus arrogant. Auf Fotos sieht man ihn nur selten lachen. Und trotz seiner tiefen Stimme hat er etwas Jungenhaftes an sich.

Stahl wirkt gut vorbereitet, kennt die Details

Schließlich erzählt er, dass er das eine oder andere Wochenende am Schreibtisch verbringe. Dann denke er nach, höre klassische Musik, rauche und überlege sich die Vorgehensweise für einen Fall. Aber viel lieber nutze er seine freie Zeit für seine Familie, unternehme Männertouren ins Allgäu oder gehe seiner Segelleidenschaft nach.

Eine Vorstellung davon, welche Rolle ihm im Zschäpe-Verfahren zukommen könnte, bekommt man, wenn man ihn einmal vor Gericht erlebt. Er grüßt alle Kollegen im Gerichtssaal freundlich, hält mit ihnen ein Schwätzchen. Aber vor allem gegenüber der Staatsanwältin zeigt er sich ganz klassisch kühl und vor allem bestimmt. Klare Ansagen: Die bekommt man immer wieder von ihm.

Stahl wirkt gut vorbereitet, kennt die Details und Probleme seines Falls. Energisch und mit einwandfreier Rhetorik formuliert er seine Anliegen und Anträge. Glasklar und verständlich, manchmal etwas spitz und fordernd. So wie man Verteidiger aus Filmen kennt. Mit Nachdruck. Und mit ein bisschen Show.

Diese Einstellung braucht man wohl auch und vor allem, wenn man jemanden verteidigt wie Beate Zschäpe, die sich Mordvorwürfen und nach seiner Ansicht Vorverurteilungen ausgesetzt sieht. Die Mandantin selbst hat er in dem knappen Jahr Zusammenarbeit recht gut kennengelernt, wie er meint. Durchschnittlich ein bis zwei Mal pro Monat trifft er sie im Kölner Gefängnis, in dem sie seit November 2011 in Untersuchungshaft sitzt.

Zahlreiche Nebenkläger erwartet

Er selbst sagt, es sei übertrieben zu behaupten, dass sie ihm ans Herz gewachsen sei, aber immerhin begegne man sich auf einer persönlichen Ebene. Er habe ein durchaus empathisches Verhältnis zu Zschäpe, emotionaler vielleicht, als sein Kollege Heer es habe. Stahl beschreibt denn seine Mandantin auch als völlig normal und unauffällig. Sie wirke stabil und gefasst, auch wenn sie außer ihren Verteidigern eigentlich keinen Beistand habe.

Seit August hat Beate Zschäpe auch den Beistand einer dritten Verteidigerin, Anja Sturm aus Berlin. Mehrere Anwälte wurden dringend gebraucht – vor allem wegen des großen Umfangs des Falls: Mehr als 600 Ordner Ermittlungsakten galt es zu lesen und durchzuarbeiten. Für den NSU-Prozess werden zahlreiche Nebenkläger erwartet.

Zu den Verfahrensinterna im Fall Zschäpe möchte Wolfgang Stahl zunächst noch nichts sagen. Aber in seinen Augen ist die Sache "noch lange nicht wasserdicht". Wann der Prozess gegen Zschäpe in München beginnt, ist ohnehin noch unklar. Für den Anwalt Wolfgang Stahl wird es vermutlich der bedeutendste Fall seiner Karriere. Er wird vorbereitet sein. Innerlich wie äußerlich.

Quelle: dapd
04.11.12 1:35 min.
Am Jahrestag der Aufdeckung des rechtsextremen Netzwerkes NSU fanden bundesweit Demonstrationen statt. Tausende Bürger gedachten der Opfer und forderten eine schonungslose Aufklärung der Terrorserie.
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