12.11.12

Neue Biografie

Der dumme Unfalltod des Vincent van Gogh

Lange dachte die Nachwelt, Vincent van Gogh habe sich umgebracht. Nein, sagen Steven Naifeh und Gregory White in ihrer exzellenten Biografie. Van Gogh ist von einem Jugendlichen erschossen worden.

Von Cosima Lutz
Foto: picture-alliance //picture alliance

Szenen der Kunstgeschichte: 1959 drehte Vincente Minnelli "Vincent van Gogh – Ein Leben in Leidenschaft". Anthony Quinn (l.) spielte Paul Gauguin, Kirk Douglas van Gogh.

5 Bilder

Mein Gott, will man als stummer Leser dem toten Vincent van Gogh da zurufen, und zwar auf fast jeder der 1216 Seiten, muss das jetzt wieder sein? Muss man erschöpfte Bauern und Bergleute zum stundenlangen Modellsitzen nötigen und mit Predigten traktieren, obwohl einem fürs Figurenzeichnen und Seelsorgen das Talent fehlt? Ist es nötig, sich mit wirklich jedem zu verkrachen, der es gut mit einem meint? Den eigenen Vater bis ins Grab zu nerven und seinen Bruder finanziell wie psychisch auszuwringen? Vincent! Soll denn noch mehr Zeit verstreichen und Kraft versickern, bis du endlich merkst, dass du malen kannst wie niemand zuvor?

Keine Frage: Sich durch Steven Naifehs und Gregory White Smiths Biografie "Van Gogh – Sein Leben" zu graben, kommt einer Passion schon ziemlich nahe. Denn jeder weiß ja, dass es nicht gut ausgehen wird, dieses Leben, das spätestens seit Kirk Douglas' Hollywood-Darstellung des Wahnsinns-Holländers zu den prägenden Mythen übers Künstlertum gehört ("Vincent van Gogh – Ein Leben in Leidenschaft"). Das verkannte Genie, das abgeschnittene Ohr, der Selbstmord im Weizenfeld: Ist dem noch etwas hinzuzufügen? Nun, alles; jede der 1216 Seiten samt Tausender Seiten Anmerkungen, welche aus Platzgründen ins Internet ausgelagert sind (www.vangoghbiography.com).

Aus Ärgern wurde Mord

Als das Buch auf Englisch erschien, stürzte sich die Weltpresse allerdings erst einmal auf die These, van Gogh habe sich möglicherweise doch nicht selbst umgebracht. Wahrscheinlich, meinen die Autoren, habe sich der Schuss aus einer Pistole gelöst, die der junge René Secrétan bei sich trug. Der Bruder eines Bekannten van Goghs hatte im Sommer 1890 das Hobby für sich entdeckt, den komischen Maler zu ärgern. René lief meist im Cowboy-Kostüm umher, befüllte Vincents Malkasten mit Schlangen und seinen Kaffee mit Salz und gestand seine bösen Streiche 1956, just in dem Jahr, als der Film mit Kirk Douglas in die Kinos kam.

Doch ändert der vermutlich dumme Unfalltod à la "Western von Gestern" irgendetwas an der trostlosen Vorhersehbarkeit dieses Daseins eines einsamen Autodidakten, der kurz vor seinem Ende die Kunstgeschichte revolutionierte?

Vorprogrammierte Katastrophe

Es sind die Rohstoffe der Erzählungen, der angeschwemmten, aufgesogenen und rückblickend überformten, die Naifeh und Smith so behutsam wie gründlich freilegen. Das beginnt mit der spanischen Belagerung der Niederlande, durch die van Goghs Vorfahren ebenso traumatisiert wurden wie durch Sturmfluten, in denen ganze Orte verschwanden. Aus sehr realen Welt-Verlusten bezogen Vincents Eltern die Vorstellung, "Normalität" und "Sicherheit" seien nur durch das Bollwerk Familie, durch Pflichtbewusstsein und sanftes Bestaunen der Natur gewährleistet – und durch eine "Religion der Betriebsamkeit". Sie wird Vincent zeitlebens antreiben und quälen. Und immer wieder retten.

Hinein in die Lebensgeschichte van Goghs fließen auch die aufkommende Ratgeber-Literatur, Vincents Vorliebe für nostalgische Kunstdrucke und seine manischen Lektüre-Exzesse von Andersen bis Zola. Doch wann immer dem schwarzen Schaf der Pfarrersfamilie etwas zu glücken scheint, folgt kurz darauf ein Satz wie: "Tatsächlich war die Katastrophe vorprogrammiert", "Doch auch dieser Plan scheiterte" oder einfach "Aber es funktionierte nicht." Normalität, Familie, ruhiges Fahrwasser: Nichts klappt, und nach nichts sehnt er sich mehr.

Abscheu und Verzweiflung

Ein Anti-Bildungsroman also, der in zum Teil erstmals gesichteten Briefen aus der Familienkorrespondenz jene Innerlichkeit der Literatur des 19. Jahrhunderts spiegelt, deren Gebote bis ins Heute ragen. Es ist der Beginn einer in Biografien vernarrten Epoche, die vom Einzelnen verlangt, dass sich die Seele zeigen müsse im öffentlichen Auftritt: sei es in einem neuen Anzug oder eben im Kunstwerk. Und so meint man beim Lesen dieses so erschütternden wie lakonischen Buches, der Geburtsstunde des "Authentischen" beizuwohnen.

Zu eigensinnig durfte es dann aber doch nicht zugehen. Zeichnen und Malen galt bei den van Goghs durchaus als angemessene bürgerliche Freizeitgestaltung, schon Mutter Anna brachte ihren Kindern Zeichnen bei. Die Kunst sollte Vincents letzter Draht zu seiner Familie bleiben, die freilich mit Befremden seine Technik und Sujets kritisierte. Man gab sich aber alle Mühe, ihn auch hin und wieder zu loben. Überhaupt: Wie sehr diese Eltern und der jüngere Bruder Theo sich zerrissen zwischen Pflicht, Abscheu, Mitleid und Verzweiflung, ist umso peinigender zu lesen, als die Autoren auf jedes Heischen um Anteilnahme verzichten.

Krampfanfälle des Künstlers

Den beiden Harvard-Absolventen (ihre Jackson-Pollock-Biografie gewann 1991 den Pulitzer-Preis und inspirierte einen Kinofilm) gelingt nach zehnjähriger Forschung etwas sensationell Merkwürdiges: Sie gestehen van Gogh eine neue Souveränität zu. Als die Depressionen und Wahnzustände sich verschlimmerten, war er zwischenzeitlich so klarsichtig, sich einweisen zu lassen – entgegen dem noch immer verbreiteten Mythos, er sei zwangseingeliefert worden. Heute würde man ihn für seine "Krankheitseinsicht" loben. Sie war, meinen Naifeh und Smith, seine Befreiung.

Die Diagnose lautete auf Epilepsie ohne Krampfanfälle, das Kind hatte einen Namen, und van Gogh war im Begriff, halbwegs damit zu leben. Naifeh und Smith geht es jedoch nicht darum, dem Maler, der nur 37 Jahre alt wurde, Diagnosen nach heutigem Stand der Medizin überzustülpen. Sie bleiben bei dem, was sich rekonstruieren lässt und verwechseln die Briefe trotzdem nicht mit Tatsachenberichten.

Revolutionär der Kunst

Erst aus der Krankheitseinsicht heraus – und nicht aus der Krankheit selbst – scheint van Goghs künstlerische Vollendung hervorzubrechen. Erst als er sich von allen fixen Ideen (vom "schwärzesten Schwarz", vom Impressionismus, von Gott und von störrischen Modellen) samt jeweiligen Kehrtwenden befreit, als er weiß, dass das Schöne vor seinen Augen ihm jederzeit wieder entgleiten kann, erst da entwickelt er seinen Stil jenseits aller "Ismen": Auf dem Weg bereits zur Abstraktion und stets im pastoralen Bemühen, etwas "Tröstendes" zu hinterlassen, malt er die unsterblichen Lieblingsbilder selbst jener Menschen, die nie ein Kunstmuseum besuchen, Schwertlilien, Zypressen, Sternennacht.

Seinem unperfekten Dasein hat er somit eine perfekte Pointe abgetrotzt. So sei sie eben beschaffen, die Welt, schreibt van Gogh, "offenbar in Eile hingesudelt in einer jener schlechten Stunden, wo der Schaffende nicht mehr wusste, was er machte". Wer aber den Künstler liebe, finde daran nicht viel zu tadeln, denn "nur Meister können sich derartig täuschen". Man schweige und vertraue auf bessere Werke in einem anderen Leben. An dem Tag, an dem der tödliche Schuss fallen wird, klemmt sich Vincent van Gogh die Staffelei unter den Arm und malt und malt und malt, draußen unter freiem Himmel. Die Bilder werden nie gefunden.

Foto: Getty Images

Vincent van Goghs Grab im französischen Auvers sur Oise
Vincent van Goghs Grab im französischen Auvers sur Oise
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