11.11.12

Spitzenkandidaten

Ein seltsames Paar für den grünen Wahlkampf

Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin wissen, wie man Niederlagen wegsteckt. Er war vor langer Zeit Kommunist, sie kämpfte unter Schröder für die Hartz-Reformen. Heute wollen sie einen neuen Aufbruch.

Von Günther Lachmann
Foto: dpa

Fröhlich und (sie) zur Feier des Tages ausnahmsweise ganz in Grün: Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt bei ihrer ersten gemeinsamen Pressekonferenz
Fröhlich und (sie) zur Feier des Tages ausnahmsweise ganz in Grün: Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt bei ihrer ersten gemeinsamen Pressekonferenz

Äußerlich ist sich Katrin Göring-Eckardt treu geblieben. Wenn sie das politische Parkett betritt, wählt sie immer wieder gern einen schwarzen Anzug. Anders als Jürgen Trittin, der seine Anzüge seit Wochen im Schrank lässt und lieber lässig im schwarzen Polo-Shirt für die Kameras posiert. Irgendwer muss ihm im Zusammenhang mit seiner Bewerbung für die Spitzenkandidatur der Grünen zu einem Imagewechsel geraten haben. Mit Erfolg, wie sich am Wochenende herausstellte.

Inhaltlich aber ist Göring-Eckardt kaum wiederzuerkennen. Inzwischen zeigt sie, die neben ihrer politischen Arbeit Vorsitzende der Synode der Evangelischen Kirche (EKD) ist, sich als überzeugte Herz-Jesu-Linke. Sie wolle die Wähler für eine "bessere Gesellschaft" begeistern, sagt sie. Damit meint sie etwa eine menschlichere Flüchtlingspolitik, gesellschaftliche Teilhabe von Migranten und echte Gleichberechtigung für Homosexuelle. Gemeinsam mit dem Sozialpolitiker Markus Kurth schrieb sie im Juni ein Papier gegen die vorherrschende Ökonomisierung von Politik und Gesellschaft.

"Der herrschende Diskurs der vergangenen zehn bis 20 Jahre hat soziale Sicherung auf eine abhängige Variable der Ökonomie reduziert", zitierte der "Spiegel" daraus. Und als sie daran erinnert wird, dass sie vor noch gar nicht allzu langer Zeit doch noch ganz anders gedacht habe, antwortet sie: "Ich war nie neoliberal, genau so wie ich bis heute nicht schwarz-grün bin. Das sind Zuschreibungen, die nichts mit meiner politischen Überzeugung zu tun haben."

2005 schien ihre politische Karriere beendet

Gleichwohl gab es eine Zeit, in der wirtschaftsfreundliches Denken in Deutschland Konjunktur hatte. Damals ersann Gerhard Schröder seine Hartz-Reformen und Göring-Eckart war Fraktionsvorsitzende der Grünen. Wie in Schröders SPD gab es auch bei den Grünen erheblichen Widerstand gegen die von den Partei-Linken als zutiefst unsozial empfundenen Reformen. Anders als heute teilte Göring-Eckardt die Kritik der Linken damals nicht.

Als Schröder die Hartz-Gesetze durch die rot-grüne Koalition prügelte, konnte er sich fest auf die Fraktionschefin des kleinen Koalitionspartners verlassen. Sie sorgte dafür, dass die Grünen-Kritiker auf Linie gebracht und die umstrittenen Reformen mit den Stimmen der Grünen beschlossen werden konnten. Sie selbst schwärmte von einem "Frühling der Erneuerung". Die Agenda 2010 sei "mutig" und "notwendig für das Gemeinwohl".

Dass die Jobcenter den Hartz-IV-Empfängern künftig Leistungskürzungen androhen konnten, nannte sie ein "Bewegungsangebot" an die Betroffenen. Trittin hatte damals übrigens wiederholt Korrekturen zu Gunsten der Betroffenen bei Schröder angemahnt: "Weitere Änderungen sind möglich."

Nach der Wahlniederlage 2005 verlor Göring-Eckardt das Amt der Fraktionsvorsitzenden. Ein Jahr später entzog auch die Partei ihr das Vertrauen. Die Thüringerin scheiterte bei der Wahl in den Parteirat. Zum Trost bekam sie den Posten als Bundestagsvizepräsidentin. Ihre politische Karriere schien beendet.

Auch Trittin, bis dahin Umweltminister der rot-grünen Koalition, musste nach der Wahlniederlage zurückstecken. Er verschwand auf den hinteren Bänken der Fraktion. Aber deutlicher noch als Göring-Eckardt ließ er nie einen Zweifel daran aufkommen, dass er sich damit nicht abfinden würde. Langsam aber stetig kämpfte er sich wieder nach vorn.

Durchsetzungsfähig sind beide

Trittin und Göring-Eckardt stammen aus zwei völlig unterschiedlichen politischen Kulturen. Sie wuchs in der DDR auf, studierte evangelische Theologie in Leipzig, suchte 1989 den Kontakt zu Bürgerrechtlern und zählte zu den Gründungsmitgliedern von "Demokratie Jetzt" und "Bündnis 90".

Trittin studierte Sozialwissenschaften in Göttingen und hegte Sympathie für den Kommunismus. Er gehörte zunächst dem Kommunistischen Bund an und trat 1980 zu den Grünen über. Bis heute zählt Trittin zum linken Flügel der Grünen, während Göring-Eckardt den sogenannten "Realos" zugerechnet wird.

Beide treten auch ganz unterschiedlich auf. Sie ist die Ruhige, Besonnene, er eher lauter und betont energisch. Durchsetzungsstark aber sind sie beide, das hat Göring-Eckardt nicht zuletzt in ihrer Zeit als Fraktionschefin bewiesen. Trittins größter Erfolg war der Bundestagsbeschluss zum Atomausstieg im Dezember 2001.

Nach ihrer Wahl zum Spitzenkandidaten kündigten die beiden am Wochenende an, alle Kräfte müssten für das Ziel verwendet werden, die Regierung von Union und FDP abzulösen. Der 58 Jahre alte Trittin will im Wahlkampf die Energiewende thematisieren, seine 46 Jahre alte Mitstreiterin für soziale Gerechtigkeit eintreten.

Gemeinsam streben sie einen "neuen Aufbruch für eine offene Gesellschaft" an. Eine schwarz-grüne Koalition mögen allerdings beide Kandidaten nicht gänzlich ausschließen.

Katrin Göring-Eckardt kündigte inzwischen auch an, sie wolle ihr Amt als Präses der Evangelischen Kirche Deutschlands bis zur Bundestagswahl ruhen lassen.

Hier geht's zum Weblog von Günther Lachmann

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