12.11.12

Frans Timmermans

"Die Holländer sollen mehr Deutsch reden"

Der niederländische Außenminister Frans Timmermans ist ein Deutschland-Fan. Im Berliner Morgenpost-Interview spricht er über den Ruf nach deutscher Führung - und über blondierte Ost-Berlinerinnen.

Foto: dpa
Frans Timmermans kommt am Montag zum Antrittsbesuch nach Berlin
Frans Timmermans kommt am Montag zum Antrittsbesuch nach Berlin

Der neue Außenminister der Niederlande, Frans Timmermans, ist ein großer Freund und Fan Deutschlands. Heute absolviert er seinen Antrittsbesuch in Berlin. Timmermans studierte Französisch und Jura, spricht sieben Sprachen fließend und war Europaminister für die sozialdemokratische Partei der Arbeit.

Berliner Morgenpost: Sie kommen heute nicht zum ersten Mal nach Berlin. Was verbinden Sie mit der Stadt?

Frans Timmermans: Am 9. November 1989 bin ich sofort in meinen alten Toyota Starlet gesprungen und nach Berlin gefahren, als die Mauer fiel. Es war und ist das wichtigste Ereignis in meinem Leben als Politiker. Ich erinnere mich noch gut, wie die Frauen aus Ost-Berlin alle blondiert waren, wie die Männer komische Lederjacken und Schuhe trugen, wie die Trabis gestunken haben. Und alle fragten mich nach Geld für Bier. Das war damals normal.

Berliner Morgenpost: Welche Rolle spielt Deutschland für Sie privat?

Timmermans: Mittlerweile komme ich mit meiner Familie ein Mal pro Jahr nach Berlin. Wir genießen die offene Atmosphäre und die Museen. Und mein Vater arbeitete während der Wende im niederländischen Konsulat und hat eine deutsche Frau.

Berliner Morgenpost: Und Sie wohnen in Limburg, gleich an der deutschen Grenze.

Timmermans: Wir kommen jede Woche nach Aachen, kaufen Bücher, trinken Kaffee. Für mich ist Deutschland nicht weit. Das ist ein Unterschied zu Den Haag, wo die Regierung sitzt. Holland orientiert sich eher Richtung England statt nach Deutschland, obwohl die Entwicklung in Deutschland für uns wichtiger ist. Die Niederlande sind ein Zulieferer der deutschen Exportindustrie.

Berliner Morgenpost: Wie hat sich die Zusammenarbeit mit der Bundesrepublik verändert?

Timmermans: Der Blick von Berlin ist anders als von Bonn. Die Aufmerksamkeit für Holland ist geringer geworden. Aber in den letzten Jahren ist die schicksalhafte Verbundenheit unserer beiden Länder, gerade in der Euro-Krise, größer geworden. Das führt in meinen Augen aber noch nicht genug zu vielseitigen, politischen Kontakten über die Frage, in welchem Europa wir in zehn, 20 Jahren leben wollen.

Berliner Morgenpost: Sie haben auf Niederländisch ein Buch mit dem deutschen Titel "Glück auf!" geschrieben. Kann die Euro-Zone dieses Glück gebrauchen?

Timmermans: Ich bin der Enkel von zwei Bergbauarbeitern. "Glück auf!" ist meine Lebensphilosophie: Wenn man an harte Arbeit und Optimismus glaubt, dann kann man Probleme lösen. Für die Niederlande und Europa sind die langfristigen Aussichten nach wie vor gut. Wir haben die am besten ausgebildete Bevölkerung, die höchste Kaufkraft, den größten Markt und die wenigsten Unterschiede zwischen Arm und Reich. Wenn wir die Euro-Krise lösen, gehören wir wieder zur Spitze der Welt.

Berliner Morgenpost: Wie kommt es, dass immer mehr Niederländer schlecht Deutsch sprechen, während Deutschland immer wichtiger wird?

Timmermans: Ich bin aktiv bei "Mach Mit!", einer Initiative für die deutsche Sprache in den Niederlanden. Es gibt ein tragisches Missverständnis im heutigen Europa. Die Leute denken, dass Englisch schon reicht. Kurzfristig führt das für uns dazu, dass wir im Kontakt zu Deutschland keinen Vorsprung zu anderen Ländern behalten, wenn wir kein Deutsch lernen oder zu wenig über Deutschland wissen. Viele kleinere deutsche Firmen mögen es nicht, wenn man dort Englisch spricht.

Berliner Morgenpost: Ihr polnischer Kollege Radek Sikorski hat gesagt, dass er sich weniger vor Deutschlands Führungsrolle fürchtet als vor einem untätigen Deutschland. Sie auch?

Timmermans: Es gibt immer den Ruf nach deutscher Führung. Und wenn Deutschland dann führt, wird geklagt, dass es zu dominant sei. Die Lösung ist eine viel intensivere Zusammenarbeit mit Deutschland. Wenn wir glauben, dass aller Fortschritt in Europa auf der Verständigung zwischen Berlin und Paris basiert, dann sollten die Niederlande sich dafür einsetzen und so viel wie möglich eigene Ideen einbringen. Wenn wir es aber Deutschland schwieriger machen, eine Übereinkunft mit Frankreich zu erreichen, dann bleibt Europa geteilt, und wir bezahlen als Niederländer einen höheren Preis.

Berliner Morgenpost: Warum möchten die Niederlande den EU-Haushalt begrenzen?

Timmermans: Wir sind mit Deutschland, Finnland und Österreich Nettoeinzahler und die reichsten Länder der EU. Aber alle EU-Länder müssen sparen. Dann ist es doch unerklärlich, dass Europa das nicht tut.

Berliner Morgenpost: Sie sind in Maastricht geboren, einem der Geburtsorte des heutigen Europas. Liegt es nicht an dem Maastrichter Vertrag, dass Deutschland und die Niederlande jetzt in der Euro-Krise so viel Geld lockermachen müssen?

Timmermans: Die europäische Konstruktion hat immer Defizite gekannt. Wir regeln, was wir politisch verantworten können. Fehler reparieren wir später. Ich bin aber sehr davon überzeugt, dass Deutschland und die Niederlande sehr viel mehr gelitten hätten, wenn wir nicht eine Währung hätten. Stellen Sie sich vor, dass wir während einer Krise in Südeuropa D-Mark und Gulden hätten, knallharte Währungen also. Dann wären unsere Exportmöglichkeiten sehr problematisch.

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