09.11.12

Katharina Dürr

"Das traf mich wie eine Faust ins Gesicht"

Der Deutsche Skiverband entzog Katharina Dürr im Frühjahr die Unterstützung, weil ihre Leistung stagnierte. Auf die Weltcup-Saison bereitete sich die Slalomspezialistin auf eigene Kosten vor.

Von Florian Kinast
Foto: pa/dpa/EPA
Katharina Dürr
Katharina Dürr will zurück in die Erfolgsspur

Für die langen November-Nächte vor dem Weltcupslalom am Samstag in Levi/Finnland hat Katharina Dürr ein Buch mitgenommen. "Im Schatten des Kauribaums", ein Roman von Sarah Lark, ein historisches Familiendrama am anderen Ende der Welt, in Neuseeland.

Katharina Dürr kennt Neuseeland gut, sie war in den vergangenen Jahren schon einige Male dort, im Sommertraining, mit dem alpinen A-Team des Deutschen Skiverbandes (DSV). In diesem Jahr nicht. "Nach Neuseeland zu fahren", sagt Katharina Dürr, "das konnte ich mir nicht leisten. Das wäre mir zu teuer gewesen." Denn die 23 Jahre alte Katharina Dürr ist zwar eine der besten Slalomfahrerinnen Deutschlands, die Reise hätte sie aber selbst zahlen müssen. Komplett. Flug, Hotel, Liftkarte, alles. Nach der Ausmusterung durch den Verband.

In Europa mit bulgarischen Skifahrerinnen oder bayerischen Schülerinnen zu trainieren, das ging. Das war billiger.

Rückschläge statt Seriensiege

Katharina Dürr, eine Zeit lang war sie die große Nachwuchshoffnung im DSV. Schon mit 14 war sie bei der Meisterschaft des SV Germering schneller als ihr Vater, und den hatte bei den Skiclub-Rennen zuvor noch keiner besiegt – und Peter Dürr war immerhin bei den olympischen Winterspielen 1984 und 1988 in der Abfahrt gestartet.

Im DSV waren sie begeistert von dem Talent, im Februar 2007, mit 17, holte die "Kathi" bei den Junioren-Weltmeisterschaften in Flachau Silber im Slalom. Dann, Ende 2007, der erste Weltcupeinsatz in Lienz/Österreich, auf Anhieb Platz 26, eine Woche später in Spindlermühle/Tschechien Rang elf. Fulminant war das, wo sollte das nur hinführen, und das noch mit der Doppelbelastung als Schülerin am Germeringer Carl-Spitzweg-Gymnasium, sollten da bald nach dem Abitur Seriensiege folgen?

Es folgten Rückschläge, Enttäuschungen, vor allem 2010. Die Norm für die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Vancouver/Kanada hatte sie erfüllt, doch es gab nur vier Startplätze für den DSV, und nach einem internen Entscheidungsrennen schaute Katharina Dürr als Fünfte nur zu. Es kamen 2011 die verkorksten Heimweltmeisterschaften in Garmisch mit Platz 23, und im vorigen Winter gab es lediglich einmal Rang 15.

Mit Papa Peter nach Hamburg statt ins Ausland

Auch andere im Team stagnierten, Fanny Chmelar, Nina Perner. Im Frühjahr 2012 strich Alpinchef Wolfgang Maier dem Trio die finanzielle Hilfe durch den Verband. "Ich sah keine Leistungsentwicklung, unser Budget ist begrenzt", sagt Maier. "Deswegen haben sie den Auftrag bekommen, sich selbst auf eigene Kosten auf die Saison vorzubereiten." Maier betont, es hieße nicht, dass er "Leute rausgeschmissen" hätte. Doch genau so empfand es Katharina Dürr. Sie sagt: "Mich hat diese Entscheidung getroffen wie eine Faust ins Gesicht."

Dass es schlecht lief im vergangenen Winter, das weiß sie selbst. "Ich hatte Probleme mit der Hüfte, es war ein Teufelskreis. Mit dem Kopf habe ich mich immer mehr in den Dreck reingeritten."

Im Frühjahr begann sie, ihr Training selbst zu organisieren. Sie schloss sich dem bayerischen Nachwuchskader im Kaunertal an oder den Nationalmannschaften Bulgariens, Polens und der Slowakei am Gletscher in Zermatt. Statt in die südliche Hemisphäre fuhr sie mit Papa Peter als Privatcoach zum Training in den hohen Norden, in die Skihalle Hamburg-Wittenburg, und irgendwann habe sie es sogar genossen, allein unterwegs zu sein. "Das war entspannter als sonst", sagt sie.

Noch so ein Sommer – nicht möglich

Das ganze Jahr mit den Kolleginnen unterwegs zu sein, das führte bei ihr zum Lagerkoller. "In jeder Mannschaft gehst du dir nach so langer Zeit mal auf den Keks." Jetzt in Finnland haben sie sich nun wieder getroffen, die Reise zahlte ihr natürlich der Verband wie auch die weiteren Reisen zu Weltcup- und Europacuprennen in diesem Winter.

Ihr Ziel, sagt sie, sei am Samstag, in den zweiten Lauf zu kommen, Weltcup-Punkte zu sammeln. "Das wird schwer genug, mit einer Startnummer so um die 60." Was dann kommt, in diesem Winter und vor allem danach, ob die Karriere weitergeht, mit 23, das weiß sie noch nicht.

Rund 6000 Euro hat sie das Individualtraining der vergangenen Monate gekostet, trotz der Unterstützung des Papas und des Zolls, wo sie seit einigen Jahren zum Skiteam gehört. Aber noch so einen Sommer, sagt sie, das kann sie sich kaum leisten. "Da müsste ich mir dann schon Gedanken, ob es nicht sinnvoller ist, den normalen Berufsalltag hinzubekommen."

Im Moment studiert sie noch, "Wissenschaftliche Grundlagen des Sports" an der TU München im 7. Semester. Dazu kommt im Januar die Prüfung für die Aufnahme in den gehobenen Dienst beim Zoll. Vielleicht kriegt Katharina Dürr aber doch wieder die Kurve und schwingt sich in die Slalomweltspitze. Dann darf sie auch wieder nach Neuseeland. Kostenlos.

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