27.10.12

Kita Herne

Kinder gequält - Erzieher wollen alles gesehen haben

In einem Kindergarten in Herne soll eine Erzieherin ihre Schützlinge gequält haben. Fast genauso schlimm wie die Vorwürfe mutet das Krisenmanagement an. Auch die Frage eines Komplotts steht im Raum.

Foto: dpa

Der St. Elisabeth-Kindergarten in Herne: Hier soll eine Erzieherin Kinder gequält haben. Ihre Kolleginnen wollen das monatelang beobachtet haben, ohne eingeschritten zu sein
Der St. Elisabeth-Kindergarten in Herne: Hier soll eine Erzieherin Kinder gequält haben. Ihre Kolleginnen wollen das monatelang beobachtet haben, ohne eingeschritten zu sein

An dem Ort, an dem Kinder gequält worden sein sollen, war am Freitagnachmittag auf den ersten Blick alles wie immer. In den Räumen des katholischen Kindergartens St. Elisabeth im Ruhrpott-Städtchen Herne, gelegen in einer ruhigen Anlieger-Straße unweit des Bahnhofs, tollten Jungs und Mädchen herum, zogen Grimassen hinter den Fensterscheiben, Bälle flogen durch die Gegend.

Und doch war etwas anders. Die Erzieher hatten die Eingangstür verriegelt, Eltern, die ihre Kinder abholen wollten, standen ratlos davor, ehe ihnen jemand öffnete. Fragen der Berliner Morgenpost waren nicht erwünscht. "Gehen Sie bitte, wir sagen nichts", sagte ein Mitarbeiter und schob den ungebetenen Gast aus der Tür.

Als sich ein Vater vor dem Eingang zu den Vorwürfen, die einer Erzieherin gemacht werden, äußern wollte, hämmerte eine Mitarbeiterin mit den Fäusten von innen gegen die Scheiben und deutete dem Mann an: Komm rein! Als er den Kindergarten wieder verlässt, sagt er: "Ich musste ein Schweigegelübde ablegen." Eine Mutter, die ihre beiden Töchter abgeholt hatte, sagte auf dem Weg zum Auto: "Über das, was da passiert sein soll, will ich im Beisein meiner Kinder nicht sprechen. Sie sollen das nicht erfahren."

Auslachen als Erziehungsmaßnahme

Es ist ein ungeheuerlicher Verdacht, der sich in Herne ergeben hat: Eine 29 Jahre alte Erzieherin soll ihre Schützlinge misshandelt und gequält haben. Sie soll sie beschimpft, geschubst, an Stühle gefesselt, in Schränke gesperrt und gezwungen haben, ihr Essen aufzuessen. Wenn die Kinder daraufhin brechen mussten, sollen sie genötigt worden sein, ihr Erbrochenes zu essen.

Ein weiterer Vorwurf: Wenn ein Kind in die Hose urinierte, musste es sich nackt ausziehen, die anderen Kinder lachten es dann aus. Es sollte eine Erziehungsmaßnahme sein.

Genauso schlimm wie die Vorwürfe mutet das Krisenmanagement des Kindergartenträgers, des Pastoralverbundes Herne-Mitte, an. Es macht den Eindruck, als sei von verschiedenen Seiten versucht worden, etwas zu vertuschen.

Kolleginnen wussten es schon früher

Schon Ende September hatte eine Kollegin der belasteten Erzieherin der Gemeinde von den angeblichen Taten berichtetet. Die Frau sei daraufhin sofort suspendiert worden, heißt es. Über Monate, so sagen Kolleginnen der Beschuldigten nun, hätten sie die Misshandlungen beobachtet. "Uns fehlte der Mut und die Kraft, schon vorher das Wort zu erheben", heißt es nach Informationen der Berliner Morgenpost in einem Brief dieser Frauen an die Eltern, die erst am Mittwochabend, vier Wochen nach den ersten Berichten über die Quälerei, informiert worden waren.

Kurz zuvor war bei der Polizei eine Strafanzeige von Kindesmisshandlung eingegangen, die Kindergartenleiterin wurde freigestellt. "Wir wollten nichts vertuschen", sagt Christian Gröne, Pfarrer und Leiter des Pastoralverbundes, am Donnerstag. Für ein persönliches Gespräch war er am Freitag nicht zu erreichen.

Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Bochum bat auf Anfrage der Berliner Morgenpost um Verständnis dafür, "dass wir zu dem Fall noch keine Auskunft geben können. Wir stehen ganz am Anfang der Ermittlungen, die Vernehmungen der Beschuldigten und von Zeugen habe gerade erst begonnen."

Eltern hatten in verschiedenen Medien berichtet, ihre Kinder würden unter Angstzuständen und Essstörungen leiden, nachdem sie mit ansehen mussten, wie ihre Spielkameraden gequält wurden.

Steckt ein Komplott dahinter?

Aus Polizeikreisen hieß es allerdings auch, dass es Aussagen von Eltern gebe, nach denen ein Komplott unter Kolleginnen Hintergrund der Strafanzeige sei. Man solle bedenken, dass die Unschuldsvermutung gelte, und es nicht zu einer Vorverurteilung kommen lassen, hieß es.

Die Ermittlungsbehörden versuchen nun zu klären, ob die Vorwürfe zutreffen. Konsequenzen drohen nicht nur der Erzieherin. Das Landesjugendamt erwägt, die Kinder aus dem Kindergarten St. Elisabeth auszugliedern und an einem anderen Ort unterzubringen. Man müsse eruieren, ob eine "vertrauensvolle Zusammenarbeit" am aktuellen Standort überhaupt noch möglich ist, sagte Referatsleiter Klaus-Heinrich Dreyer der Berliner Morgenpost: "Eine Entscheidung darüber ist noch nicht gefallen."

Nach menschlichem Ermessen steht auch einigen Kolleginnen der Beschuldigten Ärger ins Haus. Haben sie die Qualen tatsächlich – wie selbst geschildert - beobachtet und nichts unternommen, werden sie sich wohl wegen unterlassener Hilfeleistung verantworten müssen. Auch die Rolle der Kindergartenleiterin und eine mögliche Mitwisserschaft müssen schnellstmöglich geklärt werden.

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