20.10.12

CSU-Parteitag

Seehofer will Guttenberg zurück – nur nicht so bald

In München läuft sich die neue Hoffnungsträgerin Ilse Aigner warm. Und auch von einem ehemaligen Kronprinzen ist plötzlich wieder die Rede. Szenen vom CSU-Parteitag.

Foto: dpa

Ein Bild vom Parteitag 2010: Horst Seehofer (r.) mit Karl-Theodor zu Guttenberg, damals noch Bundesverteidigungsminister
Ein Bild vom Parteitag 2010: Horst Seehofer (r.) mit Karl-Theodor zu Guttenberg, damals noch Bundesverteidigungsminister

Ilse Aigner schüttelt Hände. Wenn es für ein Gespräch nicht reicht, dann drückt sie sie im Vorüberhuschen. So auch die von Michaela Kaniber. Die 33-Jährige soll bei der Landtagswahl den Kreis Berchtesgaden holen. Aigner packt wohl zu fest zu. Kanibers Armbanduhr landet auf dem Boden.

Zupacken, das soll die neue Hoffnungsträgerin der CSU auch im Wahlkampf. Aigner gehört zu den potenziellen Nachfolger von CSU-Chef Horst Seehofer. Noch sehen die Anhänger Bayerns Finanzminister Markus Söder vorn, aber Aigner ist im Kommen. Wieder einmal eine Hoffnungsträgerin.

Von einem früheren Kronprinzen ist überraschend auch wieder die Rede. Karl-Theodor zu Guttenberg wolle er zurückholen, erzählt Seehofer Journalisten. Nicht zu schnell. Nach den Wahlen.

Wer seinen Platz aber einmal einnimmt, damit will sich Seehofer noch lange nicht beschäftigen: "Darüber können wir in fünf Jahren wieder reden." 2018, so sagt er später, wolle er sich aus der Spitzenpolitik verabschieden.

Seehofer und die "Schlacht aller Schlachten"

"Ich zieh mich jetzt aus der Bundespolitik zurück", sagt Seehofer am späten Abend zu seiner Berliner Statthalterin, der Vorsitzenden der Landesgruppe im Bundestag, Gerda Hasselfeldt. Der kommen die Tränen. Seehofer lacht und legt den Arm um ihre Schulter. Er hat natürlich einen seiner legendären Späße gemacht, das weiß Hasselfeldt. Es sind auch keine Freudentränen, die sie sich aus dem Gesicht wischt. "Mir ist gerade was ins Auge geflogen", sagt sie.

Dennoch steckt ein Funken Wahrheit in diesem Spaß. Seehofer hat ein Jahr vor sich, in dem er sich noch stärker auf Bayern konzentrieren wird. Die Landtagswahl, die er als "Schlacht aller Schlachten" bezeichnet, hat für die CSU mehr Bedeutung als die folgende Bundestagswahl. Laut Umfragen ist die absolute Mehrheit wieder greifbar. Das sieht auch Seehofer so: "Wir haben eine Riesenchance, dass das Jahr 2013 zum erfolgreichsten unserer Geschichte wird."

In die Schlacht zog Seehofer dann aber mit einer effektarmen, ganz auf Bayern fokussierten Rede. Hauptmotiv waren soziale Themen wie Bildung, Rente, Familie, Einkommen. Seine Wahlkampf-Botschaft: "Die CSU wird immer die Partei der kleinen Leute sein." Seinen Konkurrenten Christian Ude, der von der SPD nominiert wird, erwähnte er mit keinem Wort; Seehofer misst sich mit dem Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. Der sei kein Macher, sondern ein Schuldenmacher.

Den Zuhörern gefiel's, sie folgten konzentriert und hielten sich beim Applaus an Seehofers Appell: "Jetzt nicht übermütig werden." Die CSU fürchtet, dass das Hoch zu früh kommt und die Aussicht auf die absolute Mehrheit für einige Wähler eher wie eine Drohung als eine Verheißung klingt.

Der Friede sei mit Europa

In der Vorhalle der Halle C1 der Münchner Messe haben die Sponsoren ihre Infostände aufgebaut. Dazwischen wirbt auch die Europa-Gruppe der CSU für sich. Eine Dame verteilt blaue Taschen mit aufgedruckter Europaflagge. "Informationen über Europa?", fragt sie und schreckt plötzlich zurück. Markus Söder steht vor ihr. "Für Sie wohl eher nicht", sagt sie und behält die Tasche. Der bayerische Finanzminister agiert als einer der schärfsten Kritiker der Euro-Krisenpolitik in der Partei. "Ich kenn mich schon aus in Europa", antwortet er, um die Situation zu retten.

Die Europa-Skeptiker haben sich an diesem Wochenende der von Horst Seehofer vorgegebenen Linie gefügt. Sie lautet: Wir folgen der Bundeskanzlerin. Die Redner loben samt und sonders die Politik Angela Merkels. Der Europa-Leitantrag wird einstimmig verabschiedet. Kritiker wie Söder oder Generalsekretär Alexander Dobrindt halten sich zurück oder plädieren wie Peter Gauweiler offen für Zustimmung.

Für den Moment hat die CSU ihren Frieden mit Europa gemacht. Richtschnur ist der Erfolg der Kanzlerin. Angela Merkel würde in Bayern von 55 Prozent der Bürger gewählt, sagt Seehofer und: "Das wäre eine höhere Zustimmung, als sie die CSU hat."

Mehr können wir uns nicht leisten

Als Zeichen überschwänglicher Anerkennung überreicht der CSU-Chef der Kanzlerin nach ihrer Rede am Freitag einen überdimensionierten Blumenstrauß. Allerdings nur virtuell. Das Bouquet wird an die Bühnenwand projiziert.

"Wir schicken ihn Dir per E-Mail, mehr können wir uns nicht mehr leisten", sagt Seehofer. Er spielt auf die angebliche Überforderung Bayerns durch den Länderfinanzausgleich an. Da geht es auch um CDU-regierte Länder. Es bleibt die einzige Spitze gegen die Schwesterpartei.

Die Rechnung für den europapolitischen Kniefall der CSU wird erst beim nächsten Koalitionsgipfel am 4. November präsentiert. Dann will die CSU, dass ihr Betreuungsgeld endlich mit Hilfe der Kanzlerin durchgeht, in der Rentendiskussion Ursula von der Leyen zurückgepfiffen wird und das CSU-Konzept durchgeht, das ältere Mütter bei der Rentenversorgung besser stellen soll.

Im Jahr vor der Wahl, im Bund wie in Bayern, finden die Unionsschwestern einfacher zusammen. "Ohne die CSU können wir die Bundestagswahl nicht gewinnen", sagt Gastredner Volker Kauder von der CDU, "wenn es drauf ankommt, dann halten wir zusammen", die Kanzlerin.

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