"Krekeler killt"
Wie aus Phoenix ein Puzzle blutiger Fetzen wurde
James Sallis ist ein grandioser Krimi-Autor. Mit "Driver 2", seinem neuen Mordfall, hat er eine blutige, philosophische, prima geschriebene Krimifantasie geschrieben – einen hartgekochter Western.
Vergessen wir mal das ganze halbgare Bestseller-Zeug, mit dem wir uns die vergangenen Wochen haben rumschlagen müssen. Und reden wir mal über richtig große Literatur und die wirklich wichtigen Dinge für einen Mann. Die Freiheit zum Beispiel. Und wo man die findet.
Würden wir den Mann fragen, der Paul West heißt, vielleicht aber auch ganz anders, würde der nicht lang überlegen. Auf der Straße. In einem Auto, dass mehr hergibt, wenn man ihm in die Flanken tritt, als die andern, die hinter einem her sind, ihm zutraut. Dann schießt das Gefährt nach vorn, Staub wirbelt auf, Mann und Maschine werden eins wie weiland John Wayne und sein Pferd, werden frei.
Paul West (oder wie immer er heißt) ist die Wiedergeburt des Cowboys im Kunstledersessel eines Ford Fairlane. Ein einsamer Reiter, ohne Geschichte, ohne Leben, chromblitzend unterwegs dem Horizont entgegen. Wer ihn liebt, der stirbt. Wer sich ihm in den Weg stellt, stirbt auch. Er muss immer weiter. Ein Getriebener. Womit wir schon beim Originaltitel des grandiosen Cowboy-Noirs wären, der auf Deutsch "Driver 2" heißt, daheim bei James Sallis in Phoenix/Arizona aber treffender "Driven".
Sallis ist der Philosoph unter den Hardboiled
James Sallis, das muss man hierzulande immer noch betonen, könnte man mit Fug und Recht genauso feiern, wie es manche, prinzipiell verschlafenen, aber sehr intellektuellen Trittbrettfahrer inzwischen mit Don Winslow tun. Sallis ist der große Philosoph des Hartgekochten, ein Neuerfinder des Noir, Cormac McCarthys knorriger Krimibruder. So in etwa.
Ein bisschen zuviel des Gewichts auf den Schultern eines schmalen Buches von gerade mal 150 Seiten? Mitnichten. Zwei Stunden mit Sallis auf dem Highway machen den Kopf frei, auch wenn man mehr als 24 Stunden eingesperrt war im Regionalkrimiabteil.
Wobei man die Frage, ob "Driver 2" sich überhaupt noch ordnungsgemäß als Kriminalroman bezeichnen lässt, durchaus ihre Berechtigung hat.
Es ist die freie Fantasie eines Noir. Ein Puzzle blutiger, philosophischer Fetzen.
Paul West, der Driver, taucht unter
Paul West alias Driver hat sich unsichtbar gemacht. Musste er auch. Denn abgezockt hat er sie in seinem letzten Abenteuer (von Nicolas Winding Refn mit Ryan Gosling ziemlich schick verfilmt). Jetzt sind sie hinter ihm her. Immer zu zweit. Meistens fließt Blut. Meistens das der anderen. So mal eben holt Driver aus, mit der Hand, einen Finger vorgestreckt, schon verröcheln sie im Staub. Er tritt sie ins Gesicht.
Ganz kalt steht das dann da. Ganz kalt wird einem dabei. Nur einmal, da starb Drivers letzte Liebe. Und Driver wusste, dass er die Stadt verlassen musste, seine Stadt, Los Angeles, die Vielgestaltige. Driver kehrt heim in die Wüste, heim zu Sallis, nach Phoenix/Arizona. In eine Welt von Flüchtigen und flüchtigen Dingen.
"Jeder im Diner vermittelte den Eindruck, als wäre er gerade erst von irgendwoher angekommen, aber schon begierig darauf, direkt zum nächsten Ort aufzubrechen. Füße scharrten unter den Tischen. Blicke schnellten zum Fenster. Nicht nur hier, dachte Driver. Die ganze Welt ist inzwischen so." Ein Getriebener in einer transitorischen Welt (sowas wollte ich schon immer mal in einer Krimikritik schreiben).
Der Fahrer und die Flüchtigen
Und es hilft nichts. Er sehnt sich nach Zugehörigkeit. Und schon sind sie da, wo immer der Driver hinfährt. Immer zu zweit. Was kann man tun? "Wir grübeln", sagt Manny, der philosophische Freund des Drivers, "wägen ab und diskutieren. Während irgendwo in der Dunkelheit hinter den Worten still unsere Entscheidungen fallen."
Irgendwo in der Dunkelheit hinter den Worten – steht da wirklich. Es geht um einen müden alten Cop, seine schöne Tochter Billie, eine tote Tochter namens Blanche, etliche Autos und Drivers Suche nach der bösen Macht. Die Gewalt explodiert immer plötzlich und gewaltig. Hammer fliegen in Unterleiber, Gurgeln gehen zu Bruch. Das ist nicht lustig. Die Wirklichkeit halt. Und die ist, würde Drivers Philosophielehrer sagen, "brutal, und das grundlos".
Das gibt keine Geschichte. Es ist ein Gewitter von Geschichten. Zum Beispiel diese, ein paar Sätze, ein Blick, und schon weiß man um das ganze Elend des Landes, das demnächst einen neuen Präsidenten wählt.
So ist Amerika, irgendwo in Arizona
"Eine junge Frau beugte sich über etwas, das aussah wie ein Gymnastikpferd, streckte den nackten Hintern in die Luft und aß einen Hamburger, während der Tätowierer seine Arbeit machte. Jedes Mal, wenn sie hineinbiss, kleckerte eine braune Schmiere aus Fett, Mayonnaise und anderem Zeug auf den Fußboden. Auf ihrem Hinterteil nahmen hebräische Schriftzeichen langsam Form an." Justin heißt der Tätowierer. Und er ist entsetzlich kurzsichtig.
Das ist verzweifelt und dunkel, traurig, einsam und endgültig und in einem fabelhaften Rhythmus geschrieben, der einen so süchtig wie neidisch macht.
Am Ende ist er wieder unterwegs. Der Driver. Der Sonne entgegen. Zwei folgen ihm. Er lächelt. Er fährt.















