20.10.12

Kuba-Krise, 5. Tag

Kennedys Schnupfen macht die Presse misstrauisch

Am 20. Oktober 1962 bricht der Präsident seine Wahlkampftour in Chicago ab und kehrt nach Washington zurück. Die CIA liefert neue Fotos mit weiteren Raketenstellungen auf Kuba.

Politiker sollten gute Schauspieler sein. Es ist wichtig, fröhlich und zuversichtlich wirken zu können, selbst wenn ihnen zum Heulen zumute ist. Kaum verstellen aber muss sich John F. Kennedy an diesem Samstagvormittag in Chicago. Die dunklen Ringe unter seinen Augen sind echt, ebenso die Erschöpfung, die ihm ins Gesicht geschrieben steht.

Mit einem Hut auf dem Kopf und Leidensmiene lässt er sich am Vormittag des 20. Oktober 1962 beim Verlassen seines Hotels fotografieren; sein Sprecher Pierre Salinger verkündet den mitgereisten Journalisten, dass der Präsident "erkältet" sei und daher die Wahlkampf-Tour abbrechen müsse – wegen "einem Grad Fieber". Der Präsident habe Aspirin genommen. Salinger weiß nichts von der wirklichen Krise.

Allerdings klappt die Kommunikation zwischen Kennedys Mitarbeitern und denen seines Vizepräsidenten Lyndon B. Johnson schlecht. Der Präsident will seinen politisch erfahrenen Stellvertreter unbedingt an seiner Seite haben und hat ihm signalisieren lassen, er solle seine eigene Wahlkampftour ebenfalls abbrechen. Johnsons Mitarbeitern aber geben als Grund für die vorzeitige Abreise aus dem warmen Honolulu nach Washington ebenfalls eine "Erkältung" an.

Überraschende Terminabsagen

Solche Zufälle machen das Pressekorps im Weißen Haus natürlich misstrauisch. Marjorie Hunter stellt in der "New York Times" die überraschenden Terminänderungen zusammen: Außer dem Präsidenten und dem Vizepräsidenten hat auch Außenminister Dean Rusk einen wichtigen Termin kurzfristig abgesagt, eine Rede in Virginia. Die Stabschefs seien gebeten worden, die Hauptstadt am Wochenende nicht zu verlassen. Zudem sickert aus dem Weißen Haus durch, seit 48 Stunden würde ungewöhnlich intensiv beraten.

All das lässt für die 39-jährige Journalistin nur einen Schluss zu: Es gibt größere politische Probleme. Worum es sich allerdings handelt, ahnt sie nicht.

Kennedy hat wieder einmal starke Rückenschmerzen, auch sein Korsett hilft nicht mehr dagegen. Deshalb schwimmt er unmittelbar nach der Ankunft im Weißen Haus erst einmal einige Runden im Privatpool. Sein Bruder kommt zu ihm und bringt ihn auf den neuesten Stand.

Weitere Raketenstellungen erkannt

Etwas erholt und entspannt geht der Präsident dann um 14.30 Uhr zur ersten Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates während der Krise. Da nicht alle Mitglieder dieses offiziellen Gremiums schon informiert sind, beginnt die Beratung mit der Vorstellung der neuesten Aufklärungsfotos.

Inzwischen sind neun unterschiedliche Startstellungen für sowjetische Mittelstreckenraketen der Typen SS-4 und SS-5 bekannt, außerdem mehrere Flugabwehr- und Kurzstrecken-Stellungen. Ob es noch mehr Stellungen gibt und wo die entsprechenden Atomsprengköpfe gelagert sind, kann die CIA nicht sagen.

Zum ersten Mal wird nun heftig gestritten über die richtige Taktik. Zwar hat sich der informell gebildete Sonderausschuss "ExComm" zähneknirschend auf die Empfehlung geeinigt, eine Seeblockade gegen Kuba zu verhängen. Doch nun, im formell zuständigen Sicherheitsrat selbst, kommt es wieder zu Diskussionen.

Der Vorschlag eines Tauschgeschäfts

Die Militärs plädieren abermals für einen Überraschungsschlag gegen die bekannten Stellungen mit einer anschließenden Invasion Kubas. Für sie stellt dieser Weg die einzige Möglichkeit dar, der Bedrohung Herr zu werden. Der Präsident beauftragt die Luftwaffe, konkrete Angriffspläne auszuarbeiten.

UN-Botschafter Adlai Stevenson dagegen macht einen nochmals weitergehenden Vorschlag, mit der sowjetischen Bedrohung politisch umzugehen: Die USA sollen der Sowjetunion anbieten, ihre eigenen Mittelstreckenraketen in der Türkei abzuziehen und den Stützpunkt Guantanamo aufzugeben, wenn die Sowjets die Stellungen auf Kuba räumen.

Bei manchen der Anwesenden, vor allem den Generälen, löst dieser Vorschlag massive Kritik aus; es kommt zu teilweise scharfen Wortgefechten. Im offiziellen Protokoll der Sitzung findet sich davon freilich keine Spur.

Die Presse bekommt Wind von der Sache

Stevensons Vorschlag geht John F. Kennedy entschieden zu weit. Irgendeine Kapitulation komme nicht in Frage, stellt er kategorisch fest, ebensowenig Zugeständnisse bei den US-Raketen. Man könne in Zukunft über einen Abzug der ohnehin veralteten Raketen nachdenken – aber erst, wenn die Bedrohung in Kuba beseitigt sei.

Die Beratung endet ohne Festlegung. Kennedy beauftragt seinen Rechtsberater Ted Sorensen, eine Rede an die Nation über eine bevorstehende Seeblockade Kubas zu schreiben. Ein anderer Assistent macht sich daran, die Ansprache zu einem Überraschungsangriff aus der Luft zu entwerfen. Welchen Weg er wählt, will der Präsident am Sonntag entscheiden.

Weil nun viel mehr Beamte, Militärs und politische Berater eingeweiht sind als noch 24 Stunden zuvor, beginnen Informationen über eine bevorstehende Krise durchzusickern. Auch James Reston, der Leiter des Washingtoner Büros der "New York Times", hört davon.

Hektische Betriebsamkeit im Weißen Haus

Am Abend erreicht er telefonisch Sicherheitsberater McGeorge Bundy. Der zweimal mit dem Pulitzer-Preis geehrte Reporter fragt offen, was der Grund sei für die hektische Betriebsamkeit im Weißen Haus. Nach kurzer Beratung weiht Bundy den Journalisten ein, verpflichtet ihn aber, nichts zu veröffentlichen. Reston sagt zu, solange nicht ein anderes Blatt etwas veröffentliche. Daran hält sich die "New York Times".

Am Sonntag: Die Risiken eines Luftschlages

Was bisher geschah:

Tag 1: Die Luftbilder, die den Atomkrieg provozierten

Tag 2: Präsident Kennedy will Weichei-Image loswerden

Tag 3: Die Lüge des sowjetischen Außenministers Gromyko

Tag 4: "Wir sollten diesen Hurensohn Castro kaltmachen"

Foto: National Security Archive / Geog

Kuba, 16. Oktober 1962: Ein US-Aufklärer vom Typ U-2 fotografiert über San Cristobal auf Kuba militärische Stellungen, die als sowjetische Raketenabschussrampen identifiziert werden. Am Morgen des 16. wird US-Präsident John F. Kennedy informiert.

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