16.10.12

Kachelmann bei Jauch

"Das Geschwätz tendiert prinzipiell ins Bodenlose"

Jauchs Debatte zum Fall Kachelmann wird heftig kritisiert – für Medienwissenschaftler Norbert Bolz war eine vernünftige Diskussion ohnehin kaum möglich. Warum Talkshows nur noch Entertainment sind.

Foto: dpa

Jörg Kachelmann (r.) und seine Ehefrau Miriam in der Talkshow von Günther Jauch. Auf einige Kritiker wirkte Jauch zeitweise geradezu abwesend.

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Berliner Morgenpost: Herr Bolz, noch nie wurde ein Polittalker so massiv für eine Sendung gerügt wie Günther Jauch nach dem Auftritt von Jörg Kachelmann und seiner Frau. Sie haben sich die Sendung für die Berliner Morgenpost angesehen. Ihr Eindruck?

Norbert Bolz: Für mich war Jauch einfach nur Jauch. Er ist eben der Gegentypus zu Plasberg, dem Dompteur. In dessen Shows geht es im Wesentlichen um Plasberg persönlich. Dagegen tritt Jauch immer so ein bisschen schülerhaft auf. Wobei ich im Gegensatz zu vielen meiner Kollegen den Eindruck habe: Das ist Taktik.

Berliner Morgenpost: Die einen kritisieren, Jauch hätte Kachelmann PR für ein Buch machen lassen, das ihn nach seinem gerichtlichen Freispruch mangels Beweisen auch medial vom Vorwurf der Vergewaltigung reinwaschen soll. Die anderen sagen, die ARD habe ihn auf die Anklagebank gesetzt. Wer hat denn nun Recht?

Bolz: Eine Anklagebank kann ich überhaupt nicht sehen. Er wollte doch nur sein Buch verkaufen. Das war natürlich PR. Egal, was gesagt wird: Hauptsache, das Buch ist das Thema.

Berliner Morgenpost: Kann Herrn Kachelmann das nach diesem In-dubio-pro-reo-Freispruch tatsächlich egal sein?

Bolz: Allein die Tatsache, dass es so ein Buch gibt, sagt ja eigentlich schon alles – nämlich, dass sich Kachelmann schon wieder in die Höhle des Löwen begibt, auch wenn er jetzt diese junge, super-energische Frau vorgeschoben hat.

Berliner Morgenpost: Reines Kalkül?

Bolz: In seiner jetzigen Situation war das taktisch gar nicht so ungeschickt: Das Aggressive hat er seiner jungen Frau überlassen. Der ehemalige "Bild"- und "Bunte"-Chef Hans-Hermann Tiedje hat das auf den Punkt gebracht: Das war eine riesengroße Marketing-Veranstaltung – und Frau Kachelmann mache mit ihrem Gequatsche nur die Quote kaputt.

Berliner Morgenpost: Die Kachelmanns beteuerten, sie wollten den Fokus von ihrem Einzelfall darauf lenken, dass Falschaussagen vor Gericht ein weit verbreitetes Problem seien. Diese Aussage konnte die Sendung schnell widerlegen. War Herr Kachelmann gut beraten, in diese Show zu gehen?

Bolz: Ich sehe das viel nüchterner: Das Thema war sein Buch.

Berliner Morgenpost: Eitelkeit schlägt Glaubwürdigkeit?

Bolz: Absolut. Das ist nicht nur Eitelkeit, das ist meines Erachtens auch Heuchelei, so zu tun, als ginge es ihm nur um die Aufklärung.

Berliner Morgenpost: Aber die Hintertür für ein Comeback hat er sich damit selber geschlossen, oder?

Bolz: Ich glaube, die war von Anfang an zu. Das ist ein Verdacht, der unzerstörbar ist. Der sitzt so tief, der lässt sich nicht wieder korrigieren. Diese Karriere ist beendet, und deshalb macht er eine ganz andere. Und die beginnt mit diesem Buch. Siehe Karl-Theodor zu Guttenberg.

Berliner Morgenpost: Guttenberg hat jetzt eine Wiederauferstehung als Witzfigur in einer Sat.1-Komödie. Da hat der ehemalige ProSieben-Moderator Andreas Türck mit seiner Politik des Schweigens mehr Erfolg gehabt. 2004 wurde auch er vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. Jetzt kommt er mit einer eigenen Wissenschaftssendung zurück ins Privatfernsehen.

Bolz: Das stimmt. Aber der Fall Kachelmann hat tiefere Spuren in der Öffentlichkeit hinterlassen. Der Prozess war einer der spektakulärsten Prozesse der Nachkriegszeit. Dagegen kennen viele meiner Studenten den Fall Türck schon gar nicht mehr.

Berliner Morgenpost: Die ARD hat die Zusammenarbeit mit Kachelmann trotz seines Freispruchs beendet. Ist es nicht bigott, dass sie ihm jetzt eine ganze Sendung widmet?

Bolz: Absolut. Unter dem Vorwand der Aufklärung noch mal Quote zu machen und den Betroffenen mit dem Angebot der PR für sein Buch zu ködern, das nenne ich bigott.

Berliner Morgenpost: Günther Jauch schien nach Meinung vieler Kritiker schon nach wenigen Minuten die Kontrolle über die Sendung verloren. Hätte ein Moderator die Sendung mit mehr Engagement und besserer Vorbereitung retten können?

Bolz: Das kann ich mir nicht vorstellen. Das liegt am Thema, das es in sich hat. Es ist fast unmöglich, auf diese unklare Situation neutral zu reagieren. Jeder denkt entweder, der Kachelmann ist ein Schwein, oder die Frau war's. Das macht es so verdammt schwierig, dieses Thema überhaupt in eine halbwegs vernünftige Diskussionsform zu gießen.

Berliner Morgenpost: Dabei kann einer Talkshow doch gar nichts besseres passieren, als wenn die Wogen der Empörung schon im Vorfeld hochschlagen.

Bolz: Es ist aber hochriskant. Ich finde es taktisch durchaus geschickt, dass sich Herr Jauch nicht weiter exponiert hat. An entscheidenden Punkten hat er die richtigen Bemerkungen gemacht und eingegriffen. Trotzdem hat er den Anschein erweckt, als sei er neutral in dieser Angelegenheit.

Berliner Morgenpost: Den Rest erledigten seine Gäste.

Bolz: Genau. Er setzt meiner Meinung nach seine kindliche Naivität geschickt ein. Er muss sich gar nicht einmischen, wenn er solche Gäste wie Hans-Hermann Tiedje hat. Dann läuft es von allein.

Berliner Morgenpost: Bei RTL wäre man ihm dafür dankbar. Von einem öffentlich-rechtlichen Sender erwartet man aber mehr.

Bolz: Ach, was. Es geht in diesen Talkshows doch lange schon nicht mehr um Aufklärung. Es ist doch nur Entertainment. Und Jauch ist ein Entertainer. Deshalb hat ihn die ARD geholt. Quote schlägt Qualität.

Berliner Morgenpost: Ausgerechnet bei harten Themen hakt er nicht nach und überlässt den Gästen die Bühne – wie schon in der letzten Sendung: "Können Sie Kanzler, Herr Steinbrück?" Zeugt dieser Kuschelkurs von Desinteresse? Oder ist es vorauseilender Gehorsam, um es allen in der föderal organisierten ARD Recht zu machen?

Bolz: Das kann ich mir bei Herrn Jauch nicht vorstellen. Ich glaube, er hat es gar nicht nötig, sich dem Druck irgendwelcher Intendanten zu beugen. Er ist einfach so ...

Berliner Morgenpost: ... ein Taktiker ...

Bolz: ... genau. Sein Stil ist, dass man ihn unterschätzt. Ich finde, es gibt keinen Moderator auf der Welt, der so ungeschickt mit seinen Moderationskarten hantiert. Alle anderen verstecken sie, doch er hält sie halb in die Kamera.

Berliner Morgenpost: Immerhin wollten 5,29 Millionen Zuschauer die letzte Sendung sehen, mehr als sonst. Ist das der Preis für die Quote – ein Ruck in Richtung Boulevard?

Bolz: Genau. Die ARD sieht ihre Rettung nur noch in der Boulevardisierung.

Berliner Morgenpost: Auch die anderen ARD-Talker ringen unter dem Quotendruck um ihr Profil. Inzwischen wird sogar über Baumärkte oder über die Frage diskutiert, ob dick glücklich macht. Herr Bolz, wo soll das noch hinführen?

Bolz: Die Richtung haben Sie ja schon skizziert. Talk wird immer mehr zu dem, was es wörtlich übersetzt im Englischen bedeutet: zu Geschwätz. Das Geschwätz tendiert prinzipiell ins Bodenlose. Es ist dann besonders erfolgreich, wenn ein jeder unmittelbar daran Anteil nehmen kann. Als die Talkshows entstanden, hat man nicht daran gedacht, dass auch Politik ein Bestandteil der Unterhaltung ist. Das ist neu.

Berliner Morgenpost: Schließen sich Politik und Unterhaltung nicht gegenseitig aus?

Bolz: Nach meinen alten Begriffen: Ja. Die wahre Politik wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit in den Hinterzimmern gemacht. Darüber wird eine Schaufensterpolitik gelegt, die auf der Schiene der Emotionalität läuft.

Berliner Morgenpost: Die ARD wiegt die Zuschauer in der Illusion, sie würden informiert. Dabei geht es in erster Linie um Meinungen. Was bedeutet das für die politische Bildung?

Bolz: Ach, wissen Sie, Aufklärung und Information, das ist die Lebenslüge des Fernsehens. Politische Bildung finden Sie in den wenigen guten Zeitungen, wenn Sie Glück haben.

Berliner Morgenpost: Würde die ARD den Druck auf ihre Talkmaster mindern, wenn sie eine oder zwei von fünf Shows einstellen würde?

Bolz: Ich weiß nicht, ob die innere Konkurrenz das Problem schafft. Das ist sicherlich ein Faktor, aber ich habe das Gefühl, die ARD glaubt, dass man mit ernstzunehmenden Themen keine relevante Quote mehr erreicht.

Berliner Morgenpost: Aber ein Thema wie "Macht Dicksein glücklich" schreit doch eher nach einer Dokusoap als nach einer Talkshow?

Bolz: (lacht). Das ist ein Thema, zu dem die Hälfte der Menschheit etwas sagen kann. Deshalb sind gerade die unsinnigen Themen besonders geeignet für Talkshows. Weil man endlos und immer wieder darüber reden kann.

Berliner Morgenpost: Fällt Ihnen noch ein Beispiel aus der Kategorie ein: Bescheuert, aber lustig?

Bolz: Ja, am meisten musste ich bei einem Thema schmunzeln, das in hundert Talkshows diskutiert wurde, nämlich "Burn-out". Da haben reihenweise Leute ihr Leid über eine Sache geklagt, die man früher Stress genannt hätte. Das Ganze wurde aber als Krankheitsbild angeboten, über das man metaphysisch reflektieren musste. Diese Sendungen waren lächerlich. So, wie man früher über die Midlife-Crisis gesprochen hat, bis jemand rausgefunden hat, dass es die gar nicht gibt.

Berliner Morgenpost: Auf welche der fünf Talkshows in der ARD könnten sie als erstes verzichten?

Bolz: (lacht). Da mich die Frau Will schon ein paar Mal eingeladen hat, möchte ich die am längsten behalten.

Berliner Morgenpost: Die Quoten der ARD-Talks sind relativ stabil. Gibt das den Programmmachern das Recht, jede Kritik im Keim zu ersticken?

Bolz: Ich denke schon. Wenn die Quoten einbrechen, dann wankt alles. Wenn das Feuilleton die Sendungen kritisiert, das bedeutet gar nichts. Das ist wie in der Politik.

Berliner Morgenpost: Der Gebührenzahler hat nur die Wahl "Friss oder stirbt." Das ist doch frustrierend, oder?

Bolz: Nein, warum? Sie können doch an den Moderator herantreten und fragen: "Frank, schämst Du Dich gar nicht?"

Berliner Morgenpost: Sie meinen wohl eher: Günther?

Bolz: Nee, bei dem kenne ich die Antwort schon. Bei Frank würde es mich aber interessieren.

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