13.10.12

Merkel beim RCDS

Und "Mutti" sagt dazu? Nichts

Die Kanzlerin hat den CDU-Studentenverbund RCDS besucht. Zum zentralen Anliegen der Studenten schweigt sie lange. Doch dann muss sie sich plötzlich zwischen Junger Union und dem Gastgeber entscheiden.

Foto: dapd

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin bei der Bundesdelegiertenversammlung des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS)
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin bei der Bundesdelegiertenversammlung des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS)

Ein Delegierter kommt gerade mit ein paar Flaschen Bier zurück, da hauen sie die Musik rein, sie spielen "Simply the best". Der junge Mann hadert. Ich? Weil alle nach rechts schauen, schaut auch er nach rechts: Dort marschiert, durch einen Nebeneingang, eine kleine Kolonne herein. Hinterher: der Sicherheitstrupp.Vorneweg: die Bundeskanzlerin.

Die Bundesdelegiertenversammlung des Rings Christlich Demokratischer Studenten (RCDS), der CDU nahestehenden Studentenorganisation, läuft erst seit gut zwei Stunden und noch zwei Tage, da kommt mit Angela Merkel schon der Höhepunkt ins Berliner Konrad-Adenauer-Haus.

Es ging jetzt alles ein bisschen schnell. Eben hatten sie noch eilig Kartoffelauflauf mit Kassler in sich hineingeschaufelt, herumstehende, potenziell gefährliche Koffer aus den Gängen geräumt und die Fernsehteams ihre Kameras aufstellen lassen. "Alles wegen Mutti", sagt einer.

Wie auf einem richtigen Parteitag

Es ist wie auf einem richtigen Parteitag. Der Vorstand thront vorn auf dem Podest, jeder hat ein kleines Namensschild vor sich aufgebaut. Die Delegierten unten haben für die Abstimmungen orangene Stimmkärtchen bekommen.

Viele Männer sitzen da und wenige Frauen, sie vertreten rund 90 Hochschulgruppen aus allen Teilen der Bundesrepublik. Die Bremer haben grünen Werder-Schnaps dabei und den Tisch vor sich mit einer Flagge bedeckt, die das Stadtwappen zeigt. Sie tragen RCDS-Shirts. Andere tragen Anzüge, Krawatte inklusive, auf ihren Tischen stapeln sich Dokumente.

Angela Merkel steht im violetten Oberteil am Rednerpult und merkelt. Sagt, dass es Deutschland ganz gut gehe, trotz Wirtschaftskrise, aber dass auch Wind entgegenwehe. Sagt, dass man bestmögliche Studienbedingungen schaffen wolle.

Sagt, dass die Arbeit des RCDS natürlich sehr wichtig sei und die Organisation von allergrößter Bedeutung. Merkel hebt die Hände, ballt sie zu Fäusten, will zeigen, dass sie sich für die jungen Leute einsetzt. Sie selbst hat den RCDS nie durchlaufen. Die Studenten klatschen, ja, das hört sich alles ganz nett an.

Aber ihnen fehlt da noch etwas.

Junge Union fordert Abschaffung

Die Junge Union, der Parteinachwuchs von CDU und CSU, hatte sich kürzlich auf seinem Deutschlandtag in Rostock in einem neuen Grundsatzprogramm gegen demokratisch gewählte Studentenvertretungen ausgesprochen und deren Abschaffung gefordert. Hauptargument war, dass zu viel Geld verschwendet würde und die Beteiligungen an Wahlen zum Studentenparlament sowieso sehr gering seien.

Die Junge Union ist nicht der RCDS. Die beiden Organisationen würden sich nicht hassen, hatte der noch amtierende Vorsitzende des RCDS, Frederik Ferreau, in seiner Begrüßungsgerede gesagt. "Es ist aber auch nicht so, dass die Junge Union auf uns wartet."

Für die Wahl von Ferreaus Nachfolger wird es später auf der Versammlung zwei Kandidaten und eine Kampfabstimmung geben. Als Philipp Mißfelder, der Vorsitzende der Jungen Union, davon hörte, berichtet Ferreau, habe der gefragt, was für ein Hühnerhaufen der RCDS sei. Das sind die feinen Unterschiede. Ferreau sagt also: "Lasst uns auf uns selbst schauen."

Maue Aussichten für eine politische Organisation

Das sagt sich leicht, aber wenn die Junge Union mit ihrem Vorhaben durchkommt, stellt sich die Frage, was es da demnächst noch zu schauen gibt. Die sogenannte Verfasste Studierendenschaft abzuschaffen, hätte es in sich.

Wozu bräuchte man dann noch den RCDS, der in der Hochschulpolitik mitmischt, indem er seine Leute in die Studentenvertretungen wählen lässt? Ohne die Verfasste Studierendenschaft, sagt ein Delegierter, müsste sich der RCDS vielleicht auf die anderen Dinge konzentrieren, die er so anbiete. Auf Jobbörsen. Couchsurfing. Partys. Maue Aussichten für eine politische Organisation.

8000 Mitglieder hat der RCDS, die Junge Union 120.000, aber wenn die Studenten die Bundeskanzlerin und Parteichefin auf ihre Seite bekommen, lässt sich auch so ein Größenunterschied ausgleichen. Sie wollen also hören, wie Merkel zur wichtigsten Frage steht, die sie momentan umtreibt.

Und "Mutti" sagt dazu? Nichts.

Das hatte sich schon beim Deutschlandtag als kluge Variante herausgestellt – auch dort stand sie am Rednerpult.

"Wie stehen Sie denn dazu?"

Aber so einfach wird sie heute nicht davonkommen. Merkel erwähnt noch, dass die Staatsverschuldung ein Rucksack für die Zukunft der jungen Leute sei und der Friedensnobelpreis für die EU verdient, dann setzt sie sich an den Vorstandstisch und nimmt einen Schluck Wasser.

Eine Studentin ergreift das Wort. Sie, die Kanzlerin, wisse doch, dass die Junge Union etwas beschlossen habe. "Wie stehen Sie denn dazu, Frau Bundeskanzlerin?"

Weil es noch zwei weitere Wortmeldungen gibt, hört sich Merkel auch die zuerst an und notiert sorgfältig die Namen der Fragenden. Dann antwortet sie. Zuerst auf die dritte Frage. Auf die zweite.

Auf die erste. "Ich bin der Meinung", sagt Merkel, "dass eine demokratisch legitimierte Studentenschaft wichtig ist." Da müsse man noch einmal ausdiskutieren, was genau die Junge Union gemeint habe.

Ende. Großer Jubel.

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