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60. Geburtstag

So feiert Deutschlands politische Führung

60 Jahre Bundesrepublik - das war einen Staatsakt wert. Von Horst Köhler bis Angela Merkel, von Norbert Lammert bis Peter Müller kamen fast alle, die in Deutschland etwas zu sagen haben, und noch viele andere. Vom Grundgesetz als "Leuchtfeuer" war die Rede, von Sternstunden und Wundern. Es wurden aber auch Witze erzählt.

60 Jahre Bundesrepublik - Staatsakt
Foto: dpa
Staatstragende Reden, Witze und Bier: All das gehörte zum Staatsakt (hier der saarländische Ministerpräsident Peter Müller mit einer Musikerin)

Schon mehr als drei Stunden bevor der Staatsakt zum 60-jährigen Bestehen der Bundesrepublik Deutschland beginnt, haben sich die Spitzen des Landes versammelt. Einige hundert Meter entfernt vom Konzerthaus am Gendarmenmarkt, wo sich der Staat feiert, kommen sie im Berliner Dom zusammen. Hierher haben die Kirchen zum ökumenischen Festgottesdienst geladen. Schon eine Stunde vor dessen Beginn steht Richard von Weizsäcker am Südportal des Domes; wenig später wird der Altbundespräsident als Lektor das Evangelium verlesen.

Im Inneren des Domes finden sich Minister, ehemalige Minister und zahlreiche Abgeordnete ein. Ein anderer Altbundespräsident, Roman Herzog, nimmt in der ersten Reihe Platz. Später ist Herzog im Gespräch mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Charlotte Knobloch zu sehen, der Präsidentin des Zentralrates der Juden. Zwei wichtige Akteure des Einigungsprozesses sprechen miteinander, Lothar de Maizière, einst letzter Ministerpräsident der DDR und der frühere Kanzleramtsminister Rudolf Seiters. De Maizière, der protestantische Preuße, und Seiters, der Katholik von der Ems – diese beiden christdemokratischen Juristen verkörpern biografische und politische, konfessionelle und regionale Vielfalt in Deutschland.

Die Glocken des Domes läuten. Um fünf Minuten vor zehn ziehen die Staatsspitzen ein, jeweils mit ihren Partnern: Bundespräsident Horst Köhler, Bundestagspräsident Norbert Lammert, der Bundesratspräsident und saarländische Ministerpräsident Peter Müller, Bundeskanzlerin Angela Merkel und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier.

Gemeinsamer Segen für die Festgemeinde

Der Ratspräsident der Evangelischen Kirche Deutschlands, Bischof Wolfgang Huber, ergreift das Wort. Er nennt das Zustandekommen des Grundgesetzes „ein großes Wunder“. In seiner Predigt ruft der Vorsitzende der deutschen katholischen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, zu Engagement für Versöhnung und Verständigung auf. Die Wiedervereinigung Deutschlands vor bald 20 Jahren nennt er eine „Sternstunde unseres Landes“. Gemeinsam erteilen Huber und Zollitsch der Festgemeinde den Segen.

In schwarzen Limousinen oder aber zu Fuß begibt sich die bundesrepublikanische Geburtstagsschar zum Gendarmenmarkt. Trachtengruppen und Musikkapellen empfangen die Gäste. Fahnen der 16 Bundesländer werden geschenkt. Ein roter Teppich führt zum Konzerthaus. Hier tummeln sich schoneinzelne Minister, Ministerpräsidenten, Abgeordnete und Diplomaten, etliche Ehemalige, auch solche, die aufgrund einer nur kurzen Zeit im Kabinett den Titel „Bundesminister a. D.“ tragen dürfen. Ein dritter Altbundespräsident ist zugegen, Walter Scheel mit seiner Frau; schon bald wird Scheel 90 Jahre alt. Noch einmal hat sich die Gründergeneration der Bundesrepublik versammelt. Die drei noch lebenden Altbundeskanzler fehlen indes.

Der frühere Außenminister Hans-Dietrich Genscher ist gekommen, gleich wird er, in der ersten Reihe sitzend, Witze erzählen. Umweltminister Sigmar Gabriel ist davon angetan. Genscher begegnet einem einstigen Mitarbeiter – Günter Verheugen, dem EU-Kommissar. Drei Männer stehen zusammen, die Außenminister waren (Scheel), es sind (Steinmeier) oder es gern wären (Westerwelle).

Der "Freischütz" und "Unsere 60 Jahre"

Gesine Schwan wurde vom Protokoll in Reihe 6 verbannt, sie muss neben Peter Sodann sitzen, dem Präsidentschaftskandidaten der Linken. Klaus Wowereit herzt Barbara Scheel; Peer Steinbrück und Kurt Beck sitzen neben einander, dank des Protokolls. Gleiches gilt für Wolfgang Schäuble und Lothar de Maizière. Letzterer hatte am 2. Oktober 1990 ins Konzerthaus geladen. Das Gewandhausorchester Leipzig spielte und de Maizière sagte danach: „Ich habe soeben einen Staat in die Geschichte verabschiedet.“

Um 12 Uhr ziehen die Spitzen des nunmehr 60-jährigen Staates ein. Das Konzerthausorchester spielt die Ouvertüre zum „Freischütz“. Ein Film lässt „Unsere 60 Jahre“ Revue passieren. 1949, 1953, 1961, 1970, 1977, 1989/90 – die Schlüsseljahre rauschen vorbei. Zuletzt erscheinen Merkel (in Bild und Ton) und Steinmeier (im Bild). Ganz schön staatstragend, dieser Staatsakt.

Der Bundespräsident ergreift das Wort. „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Landsleute“, sagt Horst Köhler. Gesine Schwan setzt ihre Brille auf. Köhler lobt die Deutschen, zumal die „großartige Aufbauleistung“ im Osten. Er würdigt das Grundgesetz, das er ein „Leuchtfeuer der Freiheit“ nennt. Seine Rede kann man nicht als Leuchtfeuer bezeichnen. Köhler sagt, dass die Rohstoffe begrenzt und dass die Deutschen der „Motor der europäischen Einigung“ seien. Er lobt die Nato und grüßt die Bundeswehrsoldaten (da klatschen die Linken nicht). Er ruft nach einer „neuen ökologischen industriellen Revolution auf der Welt“ (da spenden einige Grüne Beifall). Auf Köhlers Rede folgen ein freundlicher Applaus und die Ouvertüre zu „Fidelio“. Beifall. Es erklingt die Nationalhymne.

Ob er stolz sei auf seine Frau, wird Angela Merkels Ehemann Joachim Sauer nach dem Staatsakt auf den Gendarmenmarkt von Reportern gefragt. Sauer überlegt kurz. „Ja, das kann man schon sagen“, lautet seine naturwissenschaftlich-norddeutsche Antwort. „Auf ihren beruflichen Erfolg“, ergänzt er. „Da habe ich ja noch mal Glück gehabt“, kommentiert die Kanzlerin.

Am Samstag wird das Grundgesetz-Jubiläum in Berlin mit einem großen Bürgerfest und prominenten Gratulanten gefeiert. Dazu werden zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule bis zu 250.000 Besucher erwartet. Stardirigent Daniel Barenboim tritt mit der Staatskapelle Berlin auf, Udo Jürgens, die Band Pur, der Komiker Otto Waalkes und der Moderator Thomas Gottschalk.



Erschienen am 22.05.2009

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