08.10.12

SPD

Steinbrücks kritischer Blick auf Willy Brandt

Vor 20 Jahren starb Willy Brandt. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück gedenkt des früheren Kanzlers. Er war einst, motiviert durch Brandt, Sozialdemokrat geworden. Heute sieht er ihn durchaus kritisch.

Foto: AFP

Peer Steinbrück beim stillen Gedenken der SPD-Spitze an ihren langjährigen Vorsitzenden Willy Brandt in Berlin
Peer Steinbrück beim stillen Gedenken der SPD-Spitze an ihren langjährigen Vorsitzenden Willy Brandt in Berlin

Auf dem Waldfriedhof in Berlin-Zehlendorf hat an diesem Montagmorgen die Woche des SPD-Kanzlerkandidaten begonnen. Peer Steinbrück legte gemeinsam mit dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier, Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit und anderen Parteifreunden einen Kranz am Grab des früheren Bundeskanzlers nieder.

Brandt war am 8. Oktober 1992 im Alter von 78 Jahren gestorben. Am Abend will die SPD Brandt in der nach ihm benannten Parteizentrale ehren. Dafür hat sich auch Altbundespräsident Richard von Weizsäcker angekündigt.

Brandt führte den Soldaten Steinbrück in die SPD

Peer Steinbrück blickt auf Willy Brandt nicht nur bewundernd. Er bewertet den ersten sozialdemokratischen Kanzler kritischer als die meisten seiner Parteifreunde, die Brandt wie einen Helden verehren. Dabei hat auch Brandt einen Anteil daran, dass der einstige Bundeswehrsoldat Steinbrück im Jahre 1969 der SPD beitrat.

Im Frühling 1969 endete die Große Koalition unter Kanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU). SPD und FDP bilden eine Koalition, Willy Brandt wurde Kanzler – und begeisterte viele jungen Menschen.

Drei Gründe nennt Steinbrück für seinen Eintritt in die SPD: "Erstens eine gewisse Bigotterie des bürgerlichen Lagers in der späten Adenauer-Zeit. Zweitens die Realitätsferne der Konservativen in der Deutschlandpolitik. Drittens eine so charismatische Figur wie Willy Brandt."

In Scharen traten junge Leute damals der SPD bei, einige Jahre später, 1977, besaßen dann eine Million Menschen das Parteibuch der SPD. Zurück zu Brandt, der die Partei seit 1964 führte. Der SPD-Slogan "Wir schaffen das moderne Deutschland" brachte eine Aufbruchsstimmung auf den Punkt, die auch Steinbrück begeisterte.

Brandt und sein Außenminister Walter Scheel (FDP) begannen mit ihrer Ostpolitik. "Wir wollen mehr Demokratie wagen", versprach Brandt in seiner ersten Regierungserklärung 1969.

Unverständnis über Brandts Depressionen

Gebannt verfolgte der Kieler Volkswirtschafts-Student Steinbrück vor dem Fernseher drei Jahre später das Misstrauensvotum gegen Willy Brandt. Doch seine Distanz zu dem Kanzler wächst. Als Brandt einige Monate später, nach der Bundestagswahl 1972, das Wirtschaftsministerium der FDP überließ, hielt Steinrück das – nach heutigen Angaben – "schon als naseweiser Student für falsch".

Hier offenbart sich das wirtschaftsaffine Denken des angehenden Diplom-Volkswirts Steinbrück, das Brandt stets fremd war.

Letztlich aber geht Steinbrück aus ganze anderen Gründen auf Distanz zu Brandt. Für die Stimmungsschwankungen des Kanzlers, die in Wirklichkeit Depressionen sind, und seine zwischenzeitliche Dienstunfähigkeit fehlt Steinbrück jedes Verständnis. Tagelang habe sich der "Mufti", so Steinbrücks etwas despektierlicher Begriff für die Ikone der SPD, "hinter zugezogenen Vorhängen manchmal eingeschlossen".

Brandt war zudem nie ein Aktenfresser, niemand, der Dinge durchzieht. Brandt war kein Macher. Anders als Helmut Schmidt. Anders als Peer Steinbrück.

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