08.10.12

Romane des Jahres

Warum der Buchpreis an den Falschen gehen dürfte

Die Jury hat keine Wahl und muss sich doch entscheiden: Heute soll der beste Roman des Jahres ausgezeichnet werden. Einige der wichtigsten Bücher sind aber gar nicht erst im Wettbewerb.

Foto: picture alliance / dpa

In Konkurrenz vereint: Die Kandidaten für den Deutschen Buchpreis. Von links nach rechts: "Landgericht“ von Ursula Krechel, „Nichts Weißes“ von Ulf Erdmann Ziegler, „Robinsons blaues Haus“ von Ernst Augustin, „Sand“ von Wolfgang Herrndorf, „Fliehkräfte“ von Stephan Thome und „Indigo“ von Clemens J. Setz. Macht zusammen ziemlich genau 2500 Seiten.

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Wenn im Kaisersaal des Frankfurter Römers der Deutsche Buchpreis verliehen wird, dürfte es garantiert den Falschen treffen. Der "beste deutsche Roman" des Jahres wird hier mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gekürt werden – oder auch nur einer der besten. Ganz einfach deswegen, weil viele gute in diesem Jahr gar nicht erst am Start sind.

Seit 2005 gibt es den Preis mit einer Longlist von zwanzig und einer Shortlist von sechs Titeln. Und genauso alt sind die Klagen darüber: Ein "entwürdigendes Spektakel" (Daniel Kehlmann), Verwechslung von Sport und Literatur, man ziehe die Aufmerksamkeit von vielen anderen schönen Titeln ab.

Viele dieser Einwände sind inzwischen widerlegt. Oder jedenfalls verstummt. Der Preis ist etabliert; er hat manche Entdeckung zu verbuchen und garantiert keine verhindert. Tellkamps "Turm" hätte es kaum ohne die Schubwirkung des Preises zum beliebtesten Weihnachtsgeschenk des Jahres 2008 gebracht. Könnte also alles prima sein.

Die Shortlist ist ein schlechter Scherz

Könnte. Denn die Einzigen, die in diesem Jahr mit viel Energie und großem Fleiß daran arbeiten, den Preis zu demontieren, sind seine Juroren. Denn es ist fast egal, welchem der sechs auf der Shortlist stehenden Werke er am Ende zugesprochen wird – es kann nur die falsche Wahl sein.

Es ist allenfalls noch offen, ob es eine krasse Fehlentscheidung wird. Oder eine, die man zwar noch halbwegs nachvollziehen kann, die aber dennoch ein sehr seltsames Licht auf die literarische Bühne wirft. Allenfalls eine klitzekleine Chance für einen Ausweg gibt es für die diesjährigen Juroren noch, doch dazu später.

Zum Gewinner könnte etwa am Montagabend Ulf Erdmann Ziegler gekürt werden, dessen Roman "Nichts Weißes" aus dem Leben der jungen, ehrgeizigen Typografin Marleen erzählt. Eine weibliche Bildungsgeschichte in der Bundesrepublik der Siebziger- und Achtzigerjahre und zugleich die nostalgische Beschwörung jener ferngerückten Epoche vor der Digitalisierung. Ein programmatisches Buch über den Reiz, den der ästhetische Modernismus einst in einer eher hässlichen, provinziellen und ungeformten Gegenwart ausgeübt haben muss.

Doch ist der Roman selbst von einem so angestrengten Formwillen und missionarischen Eifer getrieben, dass darüber jegliches Interesse an seinen Figuren verloren geht.

Fliehkräfte ohne jeden Sog

Der Leser hastet durch die Mentalitäts- und Stilgeschichte der Bundesrepublik wie ein Kunstgewerbestudent durch seinen Proseminarstoff; Zeitraffer ersetzt Dynamik. Eine rheinisch-katholische Version von "Mad Men" – Marleens Eltern sind in den Sechzigern Werbepioniere im Rheinland –, aber leider ohne den Witz und das traumwandlerische Rhythmusgefühl der Fernsehserie.

Dafür bleibt kaum ein Detail ohne seine oberschlaue Deutung: "In den Wohngemeinschaften werden Ideen ausgebrütet, Materialien getauscht, Moden gezüchtet. Die WGs sind die Heizwerke der Hochschule, Kaderschmieden der Fleischlichkeit, Netzwerke der Neigungen." Und der Roman ist der Schnellkochtopf der schiefen Bilder.

Das erzählerische Gegenprogramm bietet der erstaunlicherweise ebenfalls als Favorit gehandelte Stephan Thome mit seinem Zweitling "Fliehkräfte". Das ist eher ein Schmoren auf ganz kleiner Flamme. Ein Bonner Philosophieprofessor schliddert in eine Lebenskrise, als er das Angebot bekommt, Programmleiter in einem Berliner Verlag zu werden. Er führt eine Fernbeziehung, seine Frau lebt in Berlin, die Ehe ist in Gefahr. Würde er seine Professur aufgeben, bestünde die Chance zu einem Neuanfang. Zur Entscheidungsfindung unternimmt er eine mehrtägige Autoreise. So weit, so dramatisch.

Doch die Bedächtigkeit der Figur ist vom Erzählton nicht zu trennen. Auf beinahe der doppelten Länge von Ziegler sehen wir einem Langweiler dabei zu, wie er sich selbst eingräbt und dann mühsam wieder ausbuddelt. Wo man hinsieht Lebenskrisenkitsch und pseudotiefsinnige Bewältigungsdialoge. "Prinzipientreue ist die Tofuwurst unter den Tugenden", weiß der Philosoph einmal. Vielleicht auch eine Kaderschmiede der Fleischlichkeit?

Ein Ehe-Roman der wirklich radikalen Art

Wenn man in diesem Herbst unbedingt einen schonungslosen Roman lesen will, in dem eine langjährige Ehe einem Härtetest unterzogen wird, dann doch bitte gleich Bodo Kirchhoffs "Die Liebe in groben Zügen" (Frankfurter Verlagsanstalt, 670 S., 28 Euro). Schon das erste Kapitel, in dem lediglich von einer abendlichen Motorbootfahrt über den Gardasee erzählt wird, bringt die eheliche Dialektik von blindem Verständnis und wissendem Nichtverstehen treffender auf den Punkt als Hunderte von Thome-Seiten.

Und stellt man die Nebenfiguren, die Kirchhoffs Vier- oder Fünfecksgeschichte komplett machen, neben Thomes Chargen, merkt man, woran es bei diesem krankt: Die "Fliehkräfte" sind so schwach, weil es nirgendwo einen Sog gibt. Denn dieser Sog könnte nur von zwei Dingen ausgehen: von der Liebe oder dem Tod.

Kirchhoffs lang erwarteter großer Wurf aber hat es gar nicht erst auf die Shortlist geschafft. Ebenso wenig Rainald Goetz' "Johann Holtrop", der Schlüsselroman über Thomas Middelhoffs Scheitern im Bertelsmann-Konzern und das am meisten diskutierte Buch dieses Herbstes (Suhrkamp, 244 S., 19,95 Euro). Man kann ja finden, dass Goetz in seinem Welt- und Selbsthass die Pferde ein bisschen durchgegangen sind. Dass aber seine wutschäumende Abrechnung mit den Selbsttäuschungen eines messianisch verehrten Managertypus immer noch aktueller, präziser und vor allem auch lustiger ist als die x-te schlecht gelaunte Flugschrift zur Finanzkrise, ist nur mit Böswilligkeit zu bestreiten.

Kandidaten ohne große Chancen

Stattdessen ist noch einmal Wolfgang Herrndorf im Rennen, dessen Roman "Sand" bereits im November letzten Jahres erschien, und der sich nun nicht über mangelnde Aufmerksamkeit beklagen kann. Angesichts der schweren Erkrankung des Autors war das eine nachvollziehbare Geste; für den Preis aber dürfte Herrndorf ebenso wenig infrage kommen wie der Spätsurrealist Ernst Augustin, der Ende Oktober 85 wird.

Dessen Roman "Robinsons blaues Haus" ist ein kleines Virtuosenstück, die ins Absurde ausgreifenden Episoden sind die Kopfgeburt eines im Gefängnis seines Ichs lebenden Erzählers. Augustin, seit einigen Jahren erblindet, macht den Robinson-Mythos zu einem Urbild menschlicher Existenz, auf jede Flucht folgt als Rettung nur eine neue Selbsteinkerkerung.

Man denkt an Kafka, Beckett, Agota Kristof. Ein womöglich allerletztes Alterswerk, dessen Sprachgewalt und Fantastik seine Traurigkeit überstrahlt. Aber Buchpreis? Das wäre die (zu) späte Anerkennung eines wenig beachteten Lebenswerks – aber zugleich das denkbar schärfste Misstrauensvotum gegen die ganze jüngere Literaturszene. Und das heißt in diesem Fall: die unter Siebzigjährigen.

Ein bisschen würde das für eine Preisträgerin Ursula Krechel gelten, die ihrem Comeback "Shanghai fern von wo" (2008) jetzt mit "Landgericht" einen weiteren aufwendig recherchierten, historischen Roman folgen ließ, worin sie den Schicksalen nach Deutschland zurückkehrender Exilanten nachgeht. Wichtiges Thema, großes Fleißkärtchen, gut, dass es das gibt. Aber wenn das die Literatur der Stunde sein soll, dann hätte der Buchpreis seinen Hauptzweck endgültig darin gefunden, junge Autoren zu entnerven und zu entmutigen.

Ein großartiges Debüt, das fehlt

Und dazu besteht wahrlich kein Anlass. Ein großartiges Debüt hat beispielsweise der 1983 in Bonn geborene Andreas Stichmann vorgelegt. "Das große Leuchten" (Rowohlt, 236 S., 19,95 Euro) ist ein Buch über das Erwachsenwerden, über einen großen Verlust und über die erste große Liebe. Auf der Suche nach ihrer aus Iran stammenden Freundin reisen zwei Jugendliche nach Teheran und finden dort alles Mögliche, darunter sich selbst. Eine lässige Ode an die weltenschaffende Macht der Erzählung.

Literatur ist natürlich kein Sport. Der Buchpreis kein Hundert-Meter-Finale, in dem ohne Jamaikaner objektiv etwas fehlen würde. Es ist unfair, Erzählexperimente gegen geradlinigen Realismus auszuspielen, Lebensmittekrisen gegen Teenagersex. Es geht immer auch um Geschmacksfragen.

Und doch ist es seltsam, wenn mit Clemens J. Setz der raffinierteste Geschichtskonstrukteur der U-30-Generation dabei ist, mit Wolf Haas aber der klügste Sprachspieler der Ü-50er fehlt. Haas, bekannt durch seine Brenner-Krimis, wird immer noch unterschätzt.

Sein neuer Roman "Verteidigung der Missionarsstellung" (Hoffmann und Campe, 240 S., 19,90 Euro) ist ein verblüffend konstruiertes und irre komisches Meisterwerk, in dem sich Liebe und Linguistik, Sprechakte und Sexualakte unentwirrbar ineinander verschlingen.

Haas' Hauptfigur löst mit seiner Verliebtheit jedes Mal ein gefährliche, weltweite Epidemie aus – vom Rinderwahnsinn bis zur Vogelgrippe. Das ist zwar gaga, aber es scheint, als wolle Haas demonstrieren, was alles geht mit der richtigen Poetik und Dreistigkeit. Blickt man noch einmal auf Felicitas Hoppes "Hoppe" aus dem Frühjahr (oder auch Christian Kracht) zurück, so erlebt der verspielte Postmodernismus offenbar eine furiose Renaissance – ganz entgegen den Vorlieben des Publikums und eines Großteils der Kritik.

Es kann nur einen geben

Und damit zur letzten, zur einzigen Chance, die die Buchpreisjury aber wohl kaum ergreifen dürfte. Clemens J. Setz führt zweifellos die Phalanx der Post- oder Neoexperimentellen an, wenn auch sein düsteres Science-Fiction-Märchen "Indigo" (Suhrkamp, 480 S., 22,95 Euro) wenig von der fast kichernden Ausgelassenheit eines Wolf Haas hat. Dass die beiden Österreicher viel verbindet, kann man am Grundeinfall ablesen: Bei Setz sind es gefühlskalte Kindermonster, die bei ihrer Umgebung Übelkeit und Durchfall erzeugen und daher isoliert und kaserniert werden.

"Indigo" ist die fiese Horror-Variante dieser neu erwachten Lust an der Konstruktion und dem Zitatenspiel, eine Literatur, die bei vielen einen Nerv, aber kaum den Geschmack treffen wird. Unter den Weihnachtsbaum etwa würde man das Buch nur ziemlich kranken Leuten legen wollen – uns professionellen Literaturkritikern zum Beispiel.

Dass Clemens J. Setz den Deutschen Buchpreis gewinnt, wäre natürlich theoretisch trotzdem möglich. Dazu müsste es der Jury aber gleichgültig sein, was zum Bestseller taugt. Sie müsste ein Signal setzen, eine Debatte anstoßen, eine Richtung begründen, die Literaturgeschichte prägen wollen. All das also, wozu Kritiker eigentlich früher mal da gewesen sind.

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