05.10.12

"Krekeler killt"

Rom ist endlich reif für das große Blutsellerding

Roberto Costantini inszeniert in "Du bist das Böse" ein explosives Spiel: Ein Frauenmörder geht um im kriselnden, höllischen Italien. Ein Buch das gemein sein will wie Materazzi und hart wie Zidane.

Foto: Infografik Die Welt

In Berlin geht's uns doch Gold: Das Rom, durch das Roberto Costantini (Jg. 1953) seinen Ermittler Michele Balistreri schickt, ist ein Sumpf aus Blut und Korruption und verkommener Politik
In Berlin geht's uns doch Gold: Das Rom, durch das Roberto Costantini (Jg. 1953) seinen Ermittler Michele Balistreri schickt, ist ein Sumpf aus Blut und Korruption und verkommener Politik

Es gibt eine folgenschwere Theorie, an die ich inzwischen doch ernsthaft zu glauben beginne. Und nach der erklärt sich der unbeschreibliche und unbeschreiblich lange anhaltende Erfolg der Gattung Kriminalromanen gerade in Deutschland aus ihrer beruhigenden Wirkung.

In ihnen, das beruhigt schon mal ungemein, stößt das, was wir am meisten fürchten, anderen zu und außerdem lernen wir Menschen, ganze Länder kennen, denen es deutlich schlechter geht, schlechter, als es uns jemals gegangen ist. Italien zum Beispiel.

Gut, das ist jetzt schon ziemlich lange Jahre nicht gerade das Mutterland kriminalliterarischer Bestseller gewesen. Was vielleicht vor allem daran lag, dass alles, was sich zwischen Palermo und Meran tagtäglich tatsächlich abspielte – die Verquickung von Politik und Verbrechen, die Korruption und der Terror –, und was dann in den Zeitungen nachzulesen war, schon derart kriminell war, dass es eines Thrillers, der sich in bewährter skandinavischer Art mit zeitgeschichtlicher, politisch-aktueller Aufarbeitung der verderbten Zustände befasste, nicht gerade bedurfte.

Rom ist endlich reif für einen Thriller

Nun – lag's am Verblassen der Erinnerung oder an der Angst, es könnte wieder so werden – ist Rom endlich reif für einen Thriller. Sagt Roberto Costantini. In Tripolis 1953 geboren, Ingenieur gewesen, Manager, Professor für Business Administration. Und der erzählt jetzt in seinem ersten Roman, dem Auftakt einer Trilogie, von Rom, der ewigen Stadt der verbrecherischen Macht und des mächtigen Verbrechens.

Alles geht los in den Achtzigern. Während Deutschland mit Bleigewichten auf den Lidern dem Mauerfall entgegendämmert, gehen in Italien richtige Faschisten auf richtige Kommunisten los, Monarchisten treiben ihr Unwesen, die traditionsreichen Parteien haben abgewirtschaftet, der Geheimdienst spielt sein Spiel, Terroristen, linke wie rechte, alle destabilisieren, wo sie nur können. Alles ein Sumpf, auf dem es wirtschaftlich seltsam blüht. Und dann gibt es da noch den Vatikan.

Im Fußball waren sie uns über. Muss man ja zugeben. Damals jedenfalls. Es ist der Abend des 11. Juli 1982. Die Nation bereitet sich aufs Finale gegen die Teutonen vor, die Stadt ist beflaggt wie seit Mussolini nicht mehr. Während die Deutschen untergehen, verschwindet ein Mädchen mit dem Antlitz eines Engels aus der Villa eines Kardinals.

Der Ermittler ist alles andere als ein Engel

Michele Balistreri soll sie suchen. Er ist alles andere als ein Engel. 32 Jahre alt, ein Frauenverschlinger, Kettenraucher, Säufer mehrfacher Mörder, Faschist gewesen, Randständiger geblieben, jetzt Commissario mit Philosophieabschluss. Sie finden sie im Fluss. Gefoltert, von Tieren zerbissen, ein O eingeritzt in die Brust. Aber das wird Michele Balistreri erst 25 Jahre später klar.

Was er schon 1982 ahnt, ist, dass Elisa Sordi, so hieß der Engel, nicht einfach so ermordet wurde. Da waren andere am Werk, da wurde verschleiert, da gab es einen Plan, da ließ eine unsichtbare Macht ihre Muskeln spielen.

24 Jahre später rüstet sich die Nation wieder für ein WM-Endspiel. Die Schande von Berlin (Materazzi!) bereitet sich vor. Das Land schliddert in die Krise, die Müllberge wachsen, die Politik ist zur Polit-Darstellerkunst verkommen, die Jugend hat keine Perspektive, in der Stadt blühen die Roma-Lager, die Kriminalität will explodieren wie damals in den Achtzigern. Es bedarf bloß noch eines Funken.

Dem Mörder eines Engels auf der Spur

Da springt die Mutter von Elisa Sordi aus dem Fenster (nicht wegen Materazzi, sondern weil Elisas Mörder immer noch nicht gefasst ist), Prostituierte werden gefoltert, ermordet, wieder werden Buchstaben in ihre Haut geritzt. Das ist nur der Anfang.

Balistreri ist völlig fertig, halbwegs abstinent gegenüber den Versuchungen von Frauen, Tabak, Alkohol, mit trotzdem ruinierter Gesundheit, ein abgehalfterter Boxer in seiner letzten Runde. So muss er noch einmal zurück in seine finsterste Zeit. Die Wahrheit suchen.

Und er weiß sich im Zentrum einer politischen Intrige. Da will jemand Aufruhr. Da schürt jemand Panik, den Aufstand gegen die illegalen Immigranten, gegen die Flüchtlingslager, gegen das ganze System. Mit jedem bestialischen Mord wird die Lage brenzliger.

Der Plot hat mehr Knoten als eine Häkeldecke

Liest sich eigentlich nicht schlecht so. Das könnte so gemein sein wie Materazzi und so hart wie der Schädel von Zidane. Ist es aber nicht. Michele Balistreri, Costantinis spätrömischer Marlowe-Atavar, ist über weite Strecken nicht mehr als eine (zugegeben allerdings interessante) Figurenbehauptung. Der Plot hat mehr Knoten als einer Häkeldecke gut tut. Und will und will nicht enden.

"Das ist doch verrückter als in jedem Krimi", ruft einmal der Polizeipräsident. "Das sind ja unglaubliche Zufälle." Recht hat er. Er hätte aber auch gleich den Lektor rufen sollen, damit sich der dieser Zufälleflut annimmt.

Man lernt immerhin viel über Italien. Und geht froh und glücklich pfeifend durch Berlin. Ist gar nicht so schlimm hier.

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