05.10.12

Suche nach Wohnraum

Der Städtebau der Zukunft liegt auf dem Meer

Die Motive für ein Leben auf hoher See sind vielfältig: Flucht vor der Steuer, Abenteurertum oder Angst vor den Auswirkungen des Klimawandels an Land. Sogar Millionenstädte auf dem Meer sind möglich.

Foto: The Seasteading Institute

Das Seasteading Institut hat 2009 zu einem Wettbewerb aufgerufen, in dem die schwimmende Stadt der Zukunft entworfen werden sollte.

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Es ist eine faszinierende Utopie: Wohnen in einem Gemeinwesen, das nicht von Bürokratie erdrückt wird, das sich nicht anonymen Politikern und Funktionären ausliefert, sondern das Gemeinschaftsleben selbst organisiert, das ökonomisch und energetisch autark ist und nachhaltig und frei wirtschaftet.

Aber wo wäre dafür Platz? Jedes Stückchen Erde auf dem Festland unseres Globus untersteht staatlicher Herrschaft, und auf den Mond auszuwandern, dafür scheint die Zeit noch nicht reif.

Platz gäbe es aber auf dem Wasser. Draußen auf hoher See hat laut Definition der Vereinten Nationen kein Staat Hoheitsrechte: Die internationalen Gewässer, die 200 Seemeilen von allen Küsten entfernt liegen, gelten als "gemeinsames Erbe der Menschheit".

Institut für Siedlungen auf dem Meer

Die Idee, Städte weit draußen auf dem Meer zu bauen, wird vor allem vom "The Seasteading Institut" (TSI) in San Francisco verbreitet. Der Name leitet sich von "sea" (Meer) und "homesteading" (Besiedlung) ab. Es wir indes meist von seasteads gesprochen, was frei übersetzt "Meeresstädte" bedeutet.

Das Institut wurde 2008 gegründet, um die Errichtung autonomer, mobiler Gemeinschaften auf schwimmenden Plattformen in internationalen Gewässern zu erleichtern. Einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde es, als der Finanzgründer und PayPal-Teilhaber Peter Thiel sich für die Idee friedlicher, politik- und steuerfreier Städte auf dem Wasser begeisterte.

Er spendete dem TSI im Lauf der Zeit mehrere Millionen Dollar. Wie schnell sich die propagierten Ideen umsetzen lassen, ist jedoch noch fraglich. TSI-Präsident Michael Keenan glaubt, dass in einigen Jahrzehnten bereits Millionenstädte auf dem Meer existieren werden.

Pontons aus Plastikflaschen

Wayne Gramlich, einer der Gründer des TSI, glaubt, man müsse von vielen kleinen Initiativen ausgehen, die schließlich zusammenwüchsen. Er befürwortet eine erschwingliche Low-Tech-Lösung, die er im Web ausführlich beschreibt. Je unaufwendiger die Technik sei, so meint er, desto schneller könne sich das Konzept durchsetzen.

Er setzt deshalb auf Pontons aus leeren Plastikflaschen, die die Städte tragen sollen. Zusammen mit Patri Friedman, dem Enkel des Nobelpreisträgers Milton Friedman, arbeitete er seine Ideen weiter aus, die beiden veröffentlichten sie als Buch. Andere setzen hingegen eher auf fortgeschrittene Technik, mit der sich die enormen Probleme einer Meeresstadt lösen lassen sollen.

An sich sind schwimmende Kleinstädte nichts Außergewöhnliches mehr. Man denke an die riesigen Kreuzfahrtschiffe, die Tausende von Menschen beherbergen und wochenlang über die Weltmeere fahren. Oder an große Bohrinseln, die im Meer stehen und auf denen das Personal monatelang lebt und arbeitet.

Es muss nicht nur der politische Überdruss sein, der Menschen aufs Wasser treibt, oft sind es auch Abenteuerlust, der Drang, etwas Neues zu erproben, Zukunftsängste oder die Flucht vor Gefahren. Vor allem seit durch den Klimawandel der Meeresspiegel stetig ansteigt, suchen Bewohner gefährdeter Küsten nach Alternativen auf dem Meer.

Drei Prinzipien

Häuser zum Schwimmen zu bringen ist dabei das geringste Problem. Es gibt drei Prinzipien, nach denen man das zuwege bringt: erstens durch schiffsähnliche Strukturen, zweitens durch Flöße, auf denen Häuser gebaut sind, und drittens mit Verankerungen am Meeresgrund – ähnlich wie bei Bohrinseln.

Seit der Kreuzfahrttourismus immer beliebter wird und ständig größere Schiffe gebaut werden, gibt es auch immer mehr ausgemusterte, billige Cruiser, die man mit Appartements und Infrastruktur vollpacken und als Bausteine für eine Seestadt nutzen könnte. Eigentlich eine bestechende Idee, denn der Aufwand wäre relativ gering – wenn nicht Schiffe die Tendenz hätten, bei Seegang zu rollen und zu schwanken.

Stabilisatoren, wie sie moderne Cruiser besitzen, funktionieren bei still liegenden Schiffen nicht. Niemand wird aber Lust haben, eine Immobilie zu besitzen, in der er bisweilen unter Seekrankheit leidet. Daher kommen auch floßartige Konzepte nicht in Frage. Flöße schwanken noch stärker als Schiffe.

Schwimmender Flughafen

Um Wege zu finden, wie man die Wellenbewegung ausgleichen könnte, bauten Ende der 90er-Jahre japanische Forscher im Projekt Mega-Float zunächst einen 300 Meter langen Ponton und verankerten ihn vor der Küste von Tokio. Man wollte testen, ob schwimmende Strukturen sich als Flughafen eignen.

Die Forscher simulierten das Verhalten des Pontons bei verschiedenen Wellenformen und verglichen es mit den gemessenen Werten. Da die Daten gut übereinstimmten, machte man sich danach in Phase II daran, eine 1000 Meter lange schwimmende Landebahn zu bauen. Ausgehend von den hier gewonnenen Erfahrungen entwickelten die Wissenschaftler ausgefeilte Prognosemodelle und besondere Ankerformen.

Doch es zeigte sich, dass derart riesige Strukturen nur in sehr küstennahen Gewässern geeignet sind. Höherem Seegang sind sie nicht gewachsen. Zu diesem Ergebnis kam auch Mitsubishi, das ebenfalls große schwimmende Pontons als Fundament für Hochhäuser im Computer untersuchen ließ. Die Projekte wurden wieder eingestellt.

Verankerung im Meeresboden

Bleibt also die Option einer Plattform, die fest am Meeresboden verankert ist. Bei großen Tiefen müsste man auf das Bauprinzip von Bohrinseln zurückgreifen, die mit Stahltrossen befestigt sind und ihre Stabilität und Position durch mehrere Strahlruder gewährleisten, die ständig den auftretenden Bewegungen entgegenwirken.

Das ist technisch aufwendig und teuer. Einfacher wäre es, wenn man die Plattform etwa über einen Betonsockel fest mit dem Meeresboden verbinden könnte. Das gelingt jedoch nur bei geringen Tiefen. Experten haben eine Reihe von Inseln vor der kalifornischen Küste ausgemacht, die nur knapp unter der Wasseroberfläche liegen. Sie wären für solche Städte ideal, aber leider sind sie vulkanischer Natur.

Herausforderung Wasserversorgung

Wie könnte man die Meeresstädte versorgen? Ebenso wie ihre Schwestern an Land brauchen sie Energie, Wasser, Nahrung und Gebrauchsgüter. Der US-Schiffbauexperte George Petrie ist da ganz optimistisch: "Wir müssen die Geschenke nutzen, die uns das Meer bietet." Energie könnte man mit Sonne und Wind erzeugen, eventuell zusätzlich aus der Energie der Wellen.

Wasserverschwendung, wie sie in unseren Städten üblich ist, darf es in den Siedlungen auf hoher See natürlich nicht geben. Denn obwohl sie mitten im Wasser stehen, ist gerade Süßwasser dort ein extrem knappes Gut.

Für seine Erzeugung gibt es mehrere Möglichkeiten: aus der Luft, aus Regen und Abwasser oder aus dem Meer. Letzteres ist besonders energieintensiv. Die erste Option bietet sich vor allem für die Gewinnung von Trinkwasser an. Dieses aus der Luft zu extrahieren, klingt zunächst einmal ungewöhnlich. "Aber worauf es ankommt, ist die relative Luftfeuchte", sagt Siegfried Egner vom Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB in Stuttgart.

Man kann unterschiedliche Verfahren einsetzen, etwa konventionelle Technik wie die Kühlung von Oberflächen, an denen sich dann die Luftfeuchtigkeit in Form von Wasser niederschlägt – jeder kennt das von einer kühlen Flasche Bier im Sommer. Auf diese Weise beschafft sich etwa das US-Militär Trinkwasser in Wüstengegenden, und in Australien versorgen sich viele abgelegene Farmen über Kühlsäulen.

Wasser aus der Luft

Ein anderes Verfahren, das erheblich effizienter arbeiten soll, entwickeln Fraunhofer-Forscher zusammen mit Industriepartnern derzeit am IGB, allerdings zunächst für Anwender an Land: Eine hochkonzentrierte Salzlösung rinnt an einer turmförmigen Anlage hinunter und nimmt dabei Wasser aus der Luft auf, weil sie hygroskopisch, also wasseranziehend ist.

Sobald sie genügend Wasser gespeichert hat, wird die nun verdünnte Salzsole mit Sonnenenergie erhitzt. Dabei verdampft das aufgenommene Wasser. Dieses destillierte, salzfreie Wasser kondensiert man anschließend. Die übrig bleibende, wieder konzentrierte Salzsole fließt dann erneut an der Turmoberfläche hinunter, um Luftfeuchtigkeit aufzunehmen. Gerade in Meeresstädten ließen sich die Hausfassaden sowie die hohe Luftfeuchtigkeit nutzen; auch Kombinationen zwischen Klimaanlagen und Wassergewinnung aus der Luft könnte man entwickeln.

Einw weitere Herausforderung ist die Kommunikation. Satellitenverbindungen sind teuer. Ein unterseeisches Glasfaserkabel zu verlegen würde einen umso höheren Aufwand bedeuten, je weiter draußen die Siedlung liegt. TSI-Chef Michael Keenan schlägt vor, das Problem mit Richtfunkstrecken über Laser oder Mikrowellen zu lösen – eine Technologie, die allerdings Stationen auf dem Festland erfordern würde.

Das Blueseed-Projekt

Viele Ideen gibt es schon, aber sie existieren fast alle nur auf dem Papier. Einige Pioniere versuchen nun, ihre Ideen in Regionen umzusetzen, die noch relativ nahe vor der Küste liegen.

Am weitesten fortgeschritten dürfte das Blueseed-Projekt sein, das es sich zum Ziel gesetzt hat, bereits im kommenden Jahr Jungunternehmern aus der ganzen Welt ein unter der Flagge der Bahamas segelndes, umgebautes Kreuzfahrtschiff zur Verfügung zu stellen, das sich außerhalb der 12-Seemeilen-Zone, aber ganz in der Nähe des kalifornischen Silicon Valley aufhält. Dort würden die Start-ups, die auf dem Schiff Wohnungen und Büros mieten können, nicht der kalifornischen Rechtssprechung unterliegen und würden auch keine Arbeitserlaubnis benötigen. Immerhin schon ein kleiner Schritt in Richtung auf die politische Unabhängigkeit.

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Warum Strom immer teurer wird
  • BÖRSENPREIS

    Der Börsenpreis von Strom gibt einen Hinweis darauf, wie viel es tatsächlich kostet, Strom herzustellen. Hinzu kommt aber immer Spekulation: Denn Strom wird teils lange Zeit im Voraus gekauft. Die Stromeinkäufer spekulieren also darauf, ob Strom langfristig teurer oder billiger wird. In den vergangenen Jahren stieg der Börsenpreis zunächst, sinkt aber inzwischen seit einiger Zeit wieder. Die Energieerzeuger geben den Anteil von Strombeschaffung, Vertrieb und Service am Strompreis mit 35 Prozent an.

  • NETZAUSBAU

    Der Betrieb, die Wartung und der Ausbau der Netze werden über die sogenannten Netzentgelte finanziert. Sie machen rund 20 Prozent des Strompreises aus. Steigen dürften die Entgelte in Zukunft, da im Rahmen der Energiewende neue Strom-Autobahnen quer durch Deutschland und mehr Netze über Grenzen hinweg notwendig sind. Hohe Kosten dürften auch für die Anbindung der Meeres-Windparks anfallen. Den hohen Investitionen sollen aber Einsparungen gegenüber stehen: Denn wenn die Netze künftig besser funktionieren, sind weniger teure Eingriffe der Netzbetreiber zur Stabilisierung nötig.

  • ERNEUERBARE

    Der Ausbau der erneuerbaren Energien wird in Deutschland mit der EEG-Umlage durch fast alle Stromverbraucher finanziert. Das meiste Geld davon fließt in die Förderung von Sonnenstrom, obwohl er nur einen relativ kleinen Teil der Ökoenergie ausmacht. Da der Bau neuer Solarstrom-Anlagen aber weiter boomt, dürfte die EEG-Umlage ab 2013 erneut deutlich steigen – und dann rund 18 Prozent des Strompreises ausmachen. Auf der anderen Seite senkt Solarenergie den Strompreis an der Börse – denn sie fließt am meisten mittags, wenn Strom aufgrund der hohen Nachfrage früher am teuersten war.

  • VERGÜNSTIGUNGEN

    Energieintensive Unternehmen genießen eine ganze Reihe Vergünstigungen. Sie sollen damit im internationalen Wettbewerb gestärkt werden. Kritiker merken aber an, dass viele Unternehmen begünstigt werden, die gar nicht mit ausländischer Konkurrenz kämpfen. Eine ganze Reihe Firmen ist beispielsweise von der EEG-Umlage ganz oder teilweise befreit. Die entfällt übrigens auch, wenn ein Unternehmen selbst Strom erzeugt – weshalb Unternehmen gerne Teile von Kraftwerken übernehmen oder diese pachten. Auch müssen viele Konzerne kaum oder keine Ökosteuer und Netzentgelte zahlen.

  • STEUERN

    Mehr als ein Viertel des Strompreises machen Steuern und Abgaben aus. Zahlen müssen Kunden die Stromsteuer und die Mehrwertsteuer. Letztere ist auch auf die EEG-Umlage fällig – steigt diese, steigt also auch die Mehrwertsteuer. An die Kommunen müssen die Stromkonzerne zudem die sogenannte Konzessionsabgabe für die Nutzung der Infrastruktur zahlen.

  • EMISSIONSHANDEL

    Um den klimaschädlichen Treibhausgas-Ausstoß zu senken, führte die Europäische Union 2005 den Emissionshandel ein. Dabei erhalten Unternehmen wie Kraftwerk-Betreiber eine bestimmte Zahl Verschmutzungsrechte. Den größten Teil davon bekamen sie bislang kostenlos, nur für einen kleinen Teil mussten sie zahlen. Trotzdem schrieben sie die Verschmutzungsrechte mit ihrem vollen Wert als Ausgaben in ihre Bilanzen – und rechneten sie beim Strompreis mit ein, was diesen in die Höhe trieb.

  • WETTBEWERB

    Ein großes Manko in Deutschland ist noch immer der mangelnde Wettbewerb. Zwar buhlen mittlerweile hunderte Anbieter um die Kunden, doch letztendlich beherrschen noch immer vier große Konzerne das Energiegeschäft. Die Verbraucher sind außerdem wenig wechselfreudig: Die allermeisten Stromkunden haben noch nie ihren Anbieter oder auch nur ihren Tarif gewechselt. Sie alle zahlen deshalb unter Umständen hunderte Euro mehr im Jahr als nötig. AFP

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