02.10.12

Stoffwechselstörung

Diabetes-Behandlung wird auf Patienten abgestimmt

Mit neuen Behandlungsrichtlinien soll mehr auf den Patienten eingegangen werden – denn mancher Kranke wird zu viel therapiert. Dann droht ihm eine Unterzuckerung.

Foto: picture-alliance / Juergen Berge

Wie nach der Messung des Blutzuckers die Therapie des Diabetes’ weitergeht, sollten Arzt und Patient künftig noch detaillierter besprechen
Wie nach der Messung des Blutzuckers die Therapie des Diabetes' weitergeht, sollten Arzt und Patient künftig noch detaillierter besprechen

Ärzte könnten in Zukunft mehr Arbeit mit ihren Diabetes-Patienten bekommen. Denn Beratung und Betreuung werden möglicherweise zeitaufwendiger. Dafür besteht die Chance, die Stoffwechselkrankheit besser in den Griff zu und ihre zahlreichen gravierenden Folgen zu vermeiden. "Es besteht auch die Chance, dass Patienten nicht mehr übertherapiert werden und dadurch gefährliche Nebenwirkungen ausbleiben", sagt Professor Andreas Pfeiffer, Ernährungs- und Hormonspezialist und Chefarzt der Endokrinologie an der Charité (Campus Benjamin Franklin).

Pfeiffer ist Präsident des Europäischen Diabetes-Kongresses, der bis zum Freitag in Berlin stattfindet und zu dem 18.000 Mediziner in die Hauptstadt gereist sind.

Hintergrund der veränderten Patientenbetreuung, die einen Schwerpunkt auf dem Kongress bilden, sind neue Therapierichtlinien, auf die sich europäische und amerikanische Fachgesellschaften geeinigt haben. Der Patient soll fortan noch individueller betrachtet werden, sagt Pfeiffer. Der Arzt solle mit dem Kranken die persönliche Situation besprechen, mögliche Ziele diskutieren und mit ihm klären, wie viel Mühe und Zeit investiert werden sollten und welchen Nutzen der Patient dann daraus ziehen kann. Denn offenbar geht die Behandlung bislang manchmal an der individuellen Situation des Patienten vorbei, ist das Ergebnis einer großen Dreijahresstudie mit 30.000 Patienten.

Therapierisiko Unterzuckerung

Pfeiffer nennt ein Beispiel dafür, wie eine riskante Übertherapie vermieden werden könnte: "Wir sehen, dass ältere Patienten oft nicht sicher mit Insulin umgehen können und deshalb bei zu hohen Insulingaben eine gefährliche Unterzuckerung riskieren. Wenn der Patient aber bereits über 70 ist und bisher keine schweren Diabetes-Folgeschäden erlitten hat, dann kann man seine Insulindosis senken. Dadurch sinkt die Gefahr einer Unterzuckerung. Es ist unwahrscheinlich, dass Phasen mit zu hohem Blutzuckerspiegel Schaden anrichten. Nicht jeder Patient mit 75 muss also super eingestellt sein."

Unterzuckerung (Hypoglykämie) ist eine Gefahr für den Patienten, denn zu wenig Zucker im Blut – wenn Insulin oder ein Diabetesmittel überdosiert wurden – entzieht dem Körper, vor allem dem energiehungrigen Gehirn, den "Kraftstoff". Dann drohen Blutdruckanstieg, Herzrasen und beschleunigte Atmung, Wesensveränderungen (Aggression und Übererregbarkeit) und im schlimmsten Fall Krämpfe, Lähmungen, Bewusstseinstrübung, Bewusstlosigkeit und sogar Tod. Gefürchtet sind auch mittelbare Gefahren der Bewusstseinstrübung, etwa Verkehrsunfälle und Stürze. Vor- und Nachteile und solche möglichen Auswirkungen gelte es abzuwägen, wenn Arzt und Patient über die Ziele der Therapie sprechen, sagt Andreas Pfeiffer.

Viele Rätsel bleiben

Während die neuen Behandlungsleitlinien und ihre konkrete Umsetzung nah am Alltag der Patienten angesiedelt sind, tauchen die Teilnehmer des Berliner Kongresses beim Thema Genetik tief in die Grundlagenforschung ein. Da würden wohl einige neue Erkenntnisse präsentiert, zugleich gebe es da aber noch viele Rätsel, sagt Pfeiffer. "Schon von rund 60 Genen ist belegt, dass sie die Neigung zu Diabetes beeinflussen. Trotzdem können sie nur etwa zehn Prozent des Diabetesrisikos tatsächlich erklären. Andere Faktoren müssen eine wichtige Rolle spielen. Wir gehen davon aus, dass epigenetische Faktoren entscheidend sind."

Unter Epigenetik verstehen Wissenschaftler und Mediziner die Tatsache, dass die Erbanlagen, die mit der Befruchtung von Ei- und Samenzelle eigentlich festgelegt sind, im Laufe des Lebens modifiziert werden können: Denn Einflüsse des Lebensstils, vor allem die Ernährung, schalten Gene an und wieder aus. Auf diese Weise können zwei Menschen mit vergleichbarem erblichem Diabetesrisiko im Laufe ihrer Biografie erkranken – oder eben nicht.

Ernährung im ersten Lebensjahr

Diese epigenetischen Einflüsse können im Laufe des langen Lebens wirksam wirken. Unter Umständen aber auch schon beim Säugling und sogar beim Fötus im Mutterleib den "Schalter" umlegen und den werdenden Menschen zum Diabetiker machen – oder ihn vor dem Stoffwechselleiden bewahren. Das macht das Verhalten der Schwangeren und Mutter so heikel und ethisch schwierig, wie Charité-Mediziner Pfeiffer sagt. "Ist die werdende Mutter Raucherin, Diabetikerin oder übergewichtig, beeinflusst sie damit in negativer Weise die Gesundheit des Kindes."

Auch die Ernährung und das Gedeihen im ersten Lebensjahr spiele eine große Rolle: "Wird das Kind überfüttert und ist zu dick, steigt sein späteres Diabetesrisiko deutlich an. das gilt auch für den Fall, dass das Baby – wie häufig bei Raucherinnen – kleiner als normal geboren wird und dann zu schnell an Gewicht zulegt." Doch wie sich die epigenetischen Faktoren genau auswirken und wie ungünstige Faktoren auf das Kind, etwa Diabetes bei der Schwangeren, ausgeglichen werden könnten, das bleibt weiter zu untersuchen.

Schichtarbeit spielt eine Rolle

Zu den Faktoren im Lebensstil, die das Diabetesrisiko erhöhen, gehört auch Schichtarbeit, wie Mediziner seit geraumer Zeit wissen. Auch das wollen die Kongressteilnehmer in den kommenden Tagen diskutieren. Viele Jahre ständig wechselnder Arbeitszeiten machen, statistisch betrachtet, nicht nur übergewichtig, sie verursachen auch Stoffwechselstörungen wie Diabetes. Auch hier spielen die Gene eine Rolle, sagt Professor Pfeiffer: "Fünf zentrale Gene der inneren Uhr, die "clock-Gene", und ein paar Dutzend weitere Gene steuern zwischen fünf und 15 Prozent des gesamten Genoms, unter anderem Stoffwechselvorgänge. Wer dauerhaft Wechselschichten fährt, beeinflusst die Funktion dieser Gene und erhöht auf diese Weise sein Diabetesrisiko."

Schichtarbeit ist also ein Gesundheitsproblem – und ein gesellschaftliches, sagt Mediziner Pfeiffer. Man müsse diskutieren, welche Gefahren man den betreffenden Menschen aufbürden kann und wie diese gemildert werden sollen. Immerhin gibt es einige zwei Dinge, die die Diabetesgefahr mindern: auf Normalgewicht achten und sich viel bewegen. Das hilft nicht nur dem Schichtarbeiter.

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