02.10.12

Emanzipation

Alice Schwarzer und Verlockungen des Stringtangas

Die Herausgeberin der "Emma" hat viel für den Feminismus getan. Gleichzeitig ist sie fanatisch, verbohrt und hat sich seit vier Jahrzehnten inhaltlich nicht mehr bewegt, sagt Miriam Gebhardt.

Von Cora Stephan
Foto: dpa

Frauenrechtlerin Alice Schwarzer an der Seite des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit, bei der Wahl des Bundespräsidenten in Berlin im März dieses Jahres
Frauenrechtlerin Alice Schwarzer an der Seite des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit, bei der Wahl des Bundespräsidenten in Berlin im März dieses Jahres

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Alice Schwarzer nicht die beste Freundin der Frauen ist, das glauben höchstens die Männer. Leider geben nur wenige Frauen zu, dass es eine kleinere Tragödie ist, dass die deutsche Frauenbewegung mit einer politisch kurzsichtigen und ideologisch festgefahrenen Person identifiziert wird, die nur im Geschäft der Selbstvermarktung wirklich Spitze ist.

Für jemanden, der wie Miriam Gebhardt Jahrgang 1962 geboren wurde, hieß Feminismus immer nur das und die eine: Alice Schwarzer. Unter ihrer Ägide sei die Frauenbewegung zum Vampir geworden, der zu Staub zerfällt, "sobald der erste Sonnenschein darauf scheint."

Schwarzers Tyrannei

Miriam Gebhardt hat die Fenster weit geöffnet und lässt erst mal viel Sonne rein, bevor sie dann doch wieder das Verdunklungsrollo zieht. Wer sich ähnlich wie sie darüber ärgert, dass der Feminismus seit Jahrzehnten besetztes Gebiet ist, wo nach Gutsherrinnenart verfügt wird, dürfte die ersten Seiten mit großem Vergnügen lesen.

Junge Frauen heute "wünschen keine Bewusstseinspolizei, sondern Lösungen für ihre konkreten Belange". Dass sich Alice Schwarzer, "die sich seit vierzig Jahren inhaltlich nicht mehr bewegt hat", mit ihrer Lebensbilanz zufrieden zeigt, irritiert die Autorin zu Recht: "In Deutschland machen Frauen (...) weder Karriere noch kriegen sie Kinder. Und wenn doch, dann auch noch besonders mittelmäßige, zumindest, was das Abschneiden bei Pisa anbelangt."

Andere Frauen, andere Ziele

Doch Gebhardts Buch fehlt ein letztes bisschen Radikalität. Sie rechnet der Frauenbewegung bzw. Alice Schwarzers eitler Selbstbilanz vor, dass ihre Ziele nicht erreicht worden seien: dass Frauen noch immer in klassische Frauenberufe drängten, in den Dax-Vorständen als Exotinnen säßen und die "Forderungen der Abtreibungskampagne" noch immer nicht erfüllt seien.

Daran gemessen mag in Deutschland der "backlash" in Frauensachen besonders virulent sein. Doch vielleicht liegt das auch an den Zielen? Vielleicht haben Frauen heute andere? Oder – haben sie wieder einmal die falschen?

Verlockungen des Stringtangas

Dass Frauen, wenn sie sich entscheiden, nicht richtig entscheiden, war schon Alice Schwarzers ewiges Lamento. Auch ihre Kritikerin ist nicht frei davon. So zitiert Gebhardt zustimmend die britische Feministin Angela McRobbie, die im "liberalen Diskurs der Wahlfreiheit" eine Falle sieht: er suggeriere den Frauen, sie könnten sich frei für ihren Lebensstil entscheiden.

Die Folge: "Diese Freiheit zur Freizügigkeit wurde dann anderen Kulturen, in denen Frauen verhüllt sind, um die Ohren gehauen mit der Botschaft, nicht die westlichen Stringtangas seien das Problem, sondern der rückständige Schleier", der doch weit weniger repressiv sei als der "westliche Sexterror".

Der Sexterror

Seltsam. Man sieht hierzulande selten eine Frau im Stringtanga auf der Straße, aber sehr wohl Menschen, die sich nicht ins Gesicht sehen lassen. Und: klingt nicht die Rede vom "Sexterror" stark nach den Invektiven von Mutter Schwarzer, die stets gern von der "Selbstvernuttung" der Frauen sprach?

Das Patriarchat schlägt noch immer zurück, folgt man Miriam Gebhardt, seine Speerspitze sei der "modisch-kosmetische Komplex", seine Helfershelfer der Staat, der sich aus dem Sozialbereich zurückziehe, um Frauen zurück in die Arme von Mann und bürgerlicher Familie zu treiben. Macht nichts, dass vom "Rückzug des Sozialstaats" in Deutschland ganz und gar nicht die Rede sein kann.

Man muss weite Strecken überwinden, in denen es dann doch wieder um Alice Schwarzer und sattsam bekannte feministische Theorien geht, bevor man beim Schlusssatz ankommt, der den Leser mit dem Buch wieder versöhnen möchte: Dass nämlich der Feminismus "das Recht von Mädchen und Frauen verteidigen" muss, "sich emanzipieren zu wollen, genauso wie ihr Recht, sich nicht emanzipieren zu wollen." In der Tat: so einfach ist das.

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